Düsseldorf

Mit einem Aufruf an die Jugend

Die Zeitzeugin Yvonne Koch spricht im Düsseldorfer Landtag. Foto: Simon Vilkoriscius

Es war eine würdige Gedenkveranstaltung: Die 86-jährige Yvonne Koch, die als Kind Bergen-Belsen überlebte, berichtete im Düsseldorfer Landtag vor 200 Schülern über ihr Leben. Seit 15 Jahren tritt die Medizinerin, die früher in den USA über Aids geforscht hat, als Zeitzeugin auf.

Yvonne Koch, 1934 in Žilina in der damaligen Tschechoslowakei geboren, erlebt die Verfolgung als Jüdin bereits als Kleinkind. 1939 verliert ihr Vater seine Stelle als Mediziner. Er arbeitet als freier Arzt, behandelt auch zwei untergetauchte jüdische Partisanen. Er wird denunziert. Kochs Eltern tauchen 1940 unter. Sie geben ihre Tochter in ein Kloster-
internat. Eines Tages erscheinen Polizisten im Internat und versuchen, die Zehnjährige zu erpressen: »Wenn du sagst, wo dein Vater ist, kannst du bleiben.« Koch weiß nichts.

HUNGER Am 7. Dezember 1944 wird sie nach Bergen-Belsen transportiert. Dort lebt sie in einer Baracke mit 60 älteren slowakischen Frauen. »Ja, ich habe dort auch viele Kinder getroffen, aber die hatten alle Eltern«, sagt sie. Sie erinnert sich an den Gestank, an den allgegenwärtigen Hunger.

»Alle Gefühle waren gestorben. Ich war wie ein Tier. Ich fragte meine Mutter nur nach einem Stück Brot.«

Am fürchterlichsten ist der morgendliche Appell um 5.30 Uhr. Zwei Stunden lang müssen sie strammstehen, bedroht von NS-Wärtern und Schäferhunden. Wer sich bewegt, wird von den Hunden angegriffen und danach erschossen. Das Lager ist voller Toter. Verzweifelt sucht das Mädchen inmitten von Leichen nach ihrer Mutter.

»Diese Szene ist mir bis heute so präsent, als wenn das jetzt passiert. Ich wäre sogar glücklich gewesen, wenn ich meine tote Mutter gefunden hätte.« Die 86-Jährige vermag die Schüler zu erreichen, ihr durchlebter Schrecken ist präsent. »Gegen den schrecklichen Hunger habe ich Kartoffelschalen aus dem Abfall gestohlen und diese in meinem blauen Mantel versteckt, den hatte ich noch von meinen Eltern.«

SCHLÜSSELSYMBOL In der Baracke wärmt sie diese auf dem Ofen. Eine Szene ist der Zeitzeugin bis heute vor Augen: Eine Mitgefangene schenkt ihr ein Paar selbst gestrickte Handschuhe. Das Geschenk ist für sie das Schlüsselsymbol dafür, dass es doch Menschlichkeit im Lager gibt.

Die Befreiung Bergen-Belsens am 15. April 1945 erlebt Koch nicht. Sie liegt im Koma. Ein britischer Soldat bringt die Elfjährige in ein Spital. Als sie erwacht, liegen neben ihr ihre Handschuhe. Der Soldat hat deren symbolische Bedeutung erfasst. Sechs Wochen wird sie gepflegt. Dann trifft sie ihre Eltern wieder.

»Alle Gefühle waren gestorben. Ich war wie ein Tier. Ich fragte meine Mutter nur nach einem Stück Brot.« Bis Anfang 70 spricht Koch nicht über ihren Überlebenskampf. Später schreibt sie kleine Erinnerungen an das Lager auf. »Mein Vermächtnis ist, dass so etwas nie wieder passieren darf. Die Demokratie liegt in euren Händen!«, ruft die 86-Jährige den Jugendlichen zu.

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