Integration

Mission Alltag

Ilan Oraizer hat noch nicht das Gefühl, dass seine Arbeit getan ist. Foto: Stephan Pramme

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Ilan Oraizer hat eine Mission, sagt er. Keinen heiligen Auftrag, sondern eher eine militärische Operation. Er sitzt in seinem neuen Büro in der Oranienburger Straße, eine eingerollte Israel-Fahne in der Ecke und ein Computer mit hebräischer Tastatur auf dem Schreibtisch. Oraizer ist verantwortlich für die neue »israelische Abteilung« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sie soll Israelis, die in die Stadt ziehen, den Weg in den Alltag erleichtern.

Vor ein paar Monaten war Oraizer selbst noch ein Neu-Berliner ohne Orientierung. Mit seiner Frau und vier Kindern lebte er zehn Jahre lang in Aschdod im Süden Israels. Er arbeitete dort als Manager einer Baufirma. Die verstärkten Attacken auf die Stadt im vergangenen Jahr verängstigten eine Tochter so sehr, dass ihr die Haare ausfielen. Weil seine Frau einen deutschen Pass hat, entschied sich die Familie, auszuwandern. Mutter und Kinder gingen vor, Oraizer kam nach sechs Monaten nach.

neuanfang »Eigentlich wollte ich nicht nach Deutschland. Ich bin in Israel geboren und liebe das Land. Es ist mein Land«, sagt Oraizer zurückblickend. »Ich würde zwar gerne wieder dort leben, aber wir hatten keine Wahl. Das Wohl meiner Tochter ging vor. Auch das ist meine Mission.«

Trotzdem war für ihn mit 42 Jahren ein Neuanfang nicht einfach. Nach seiner Ankunft in Berlin fühlte er sich überfordert. Ohne Deutschkenntnisse sah er keine Perspektive: »In Israel war ich ein Manager, und hier bin ich nichts.« Er ging zu einem der Treffen, das der Versicherungsunternehmer Ilan Weiss für Israelis in Berlin organisiert. Dort kam er in Kontakt mit anderen, die teils ähnliche Probleme wie er hatten. »Viele sprachen über Kommunikationsschwierigkeiten. Mit den Behörden oder mit der Gemeinde.«

Bei einem der Treffen lernte er Alexandra Shula Baibis kennen, die Sozialdezernentin der Jüdischen Gemeinde. Oraizer sprach sie auf seine Beobachtungen an: »Ich habe ihr gesagt, von welchen Problemen ich gehört habe. Und dass schließlich zwischen 5000 und 15.000 Israelis in Berlin leben. Da würde sich eine Initiative doch anbieten.«

Baibis sagte ihm Unterstützung zu, der Vorsitzende Gideon Joffe tat es ebenfalls. So wurde die israelische Abteilung gegründet. Und weil Oraizer sowieso ohne Job war, stürzte er sich in die Arbeit. Zur Bewerbung der Initiative fand eine Eröffnungsveranstaltung statt, zu der rund 150 Gäste kamen.

Schritte Seitdem arbeitet er drei Tage in der Woche in der Abteilung. Oraizer möchte so etwas wie die Kommandobasis für Israelis sein, die nach Berlin kommen: »Das Hauptziel ist nicht, sie zu Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu machen. Wir helfen ihnen einfach bei den ersten Schritten, wie das in Israel ja auch gemacht wird.« Dazu gehören das Schreiben von Briefen, Unterstützung bei Behördengängen und das Suchen und Finden einer Unterkunft und einer Arbeitsstelle. Neben Oraizer kümmern sich noch andere Freiwillige um diese Aufgaben.

Gerade jungen Menschen, die als Künstler oder Studenten nach Berlin kommen, möchte Oraizer helfen: »In Israel mussten sie sehr hart arbeiten. Mit 21 nach dem Militärdienst wollen sie meist einfach nur ihre Träume verwirklichen, ob in Israel oder im Ausland. Dabei wollen wir sie unterstützen.«

Oraizers Programm ist »A Big Hug and Big Help«. Dabei versteht er sich als Ergänzung zum israelischen Konsulat, das eben nur bis zu einem bestimmten Punkt helfen kann. »Wir sind wie eine Mini-Botschaft innerhalb der Gemeinde. Unser Angebot: Wir sind dein Mund, bis du für dich selbst sprechen kannst. Du nennst uns dein Problem, und wir lösen es für dich.«

Notoperation Dazu zählen auch besonders dramatische Geschichten. Der bewegendste Fall: Eine Familie musste wegen einer Notoperation nach Deutschland fliegen. Mitten in der Nacht kamen sie an. Die kleine Tochter der Familie brauchte eine Herztransplantation. Oraizer erinnert sich: »Sie waren natürlich überhaupt nicht darauf vorbereitet, in Deutschland zu bleiben. Unsere Abteilung hatte gerade erst mit ihrer Arbeit begonnen.

Es war eine sehr bedrückende Situation, aber wir haben alles mobilisiert, um dieser Familie zu helfen. Wir haben eine Wohnung gefunden, Chabad Lubawitsch hat sie mit Essen versorgt. Das war uns eine Freude. Die Tochter ist immer noch in Behandlung, deswegen können wir noch nicht sagen: Mission completed.«

Aber im Allgemeinen hat Ilan Oraizer noch nicht das Gefühl, dass seine Arbeit getan ist. Er sieht allerdings schon erste Ergebnisse. »Viele Israelis sind überrascht, weil sie bisher das Gefühl hatten, dass die Gemeinde sie nicht will. Jetzt hat sich gezeigt, dass das wirklich nicht so ist.« Ilan Kiesling, Sprecher der Gemeinde, bezeichnet es als Mizwa, die Israelis bei der Integration zu unterstützen und freut sich, dass die Arbeit so gut angenommen wird.

Zukunft Die großen Veränderungen, so Oraizer, werden sich erst in zehn Jahren zeigen. »Ich glaube, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin dadurch eine ganz andere Farbe bekommen wird. Die Gemeinde will die Israelis. Sie braucht eine Zukunft, egal ob Amerikaner oder Israelis oder Russen. Hauptsache, sie sind hier. Wir alle leben jetzt hier.«

Auch die Sprachenvielfalt gehört dazu. Die Abteilung vermittelt viele Israelis an Sprachschulen, auch die Gemeinde selbst bietet Kurse an, mit denen man sich kostenlos Deutsch-Kenntnisse aneignen kann. Oraizer würde es aber auch gerne sehen, wenn mehr russische und deutsche Gemeindemitglieder Hebräisch lernen: »Das stärkt die Gemeinschaft und macht sie gleichzeitig offener.«

Die Einrichtung einer israelischen Abteilung könnte ein Vorbild sein, hofft Oraizer. »Auf der ganzen Welt gibt es Israelis, aber unsere Arbeit ist bislang einmalig.« Auch für andere Gruppen sieht er Chancen. So leben in München viele Juden aus Argentinien. »Warum nicht also eine argentinische Abteilung? Auch sie haben viel zu geben.«

Die Israelis, die nach Berlin kommen, wollen auch bleiben. Davon ist Ilan Oraizer überzeugt. Er selbst gehört dazu. »Ich mag Deutschland, ich mag das Wetter und die Leute. Und einen neuen Umzug könnte ich meinen Kindern eh nicht antun. Vielleicht bleibe ich 20, vielleicht 50 Jahre.«

Seiner Tochter geht es inzwischen besser, aber jetzt muss andere Arbeit getan werden. »Die Abteilung arbeitet gut. Aber die Mission muss noch erfüllt werden.«

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