Hamburg

Minjan in St. Pauli

Die Hamburger Reformsynagoge hat endlich einen eigenen Betsaal, eine eigene Synagoge, ein Zuhause. Der Hamburger Senat überlässt der Reformsynagoge, die seit 2016 zur Jüdischen Einheitsgemeinde Hamburg gehört, die ehemalige Synagoge, den Betty-Heine-Saal, im alten Israelitischen Krankenhaus an der Simon-von-Utrecht-Straße mitten in St. Pauli, mitten auf dem Hamburger Kiez. Der quirlige Stadtteil mit seinen touristischen Attraktionen und dem Rotlichtmilieu nahe Hafen und Elbe gefällt zwar nicht jedem, aber das federt Michael Heimann, Mitglied der Kultuskommission der Reformsynagoge, mit einem feinen Lächeln ab.

»Wir sind froh, dass wir überhaupt endlich eine eigene Synagoge haben, wo wir unsere Gottesdienste halten und unsere Feste feiern können, wo unsere Torarollen stehen, wo wir jetzt eine neue Bima und auch einen neuen Toraschrank für drei Torarollen haben werden«, sagt Michael Heimann. Zur bereits vorhandenen Tora kommt jetzt eine zweite. Sie soll zur Eröffnung des Betsaals am Freitag beim festlichen Kabbalat-Schabbat-Gottesdienst eingebracht werden.

investor Michael Heimann hat lange um ein dauerhaftes Domizil für die Reformsynagoge mit ihren circa 400 Mitgliedern gekämpft. Insgesamt zählt die Jüdische Gemeinde Hamburg 2281 Mitglieder (Stand 2021). Die Lösung des Raum-Problems kam plötzlich und unverhofft. »Die Stadt Hamburg hat das alte Gebäude an einen Investor verkauft und dann zurückgemietet«, sagt Heimann.

Erst hat das Bezirksamt St. Pauli das historisch wertvolle Gebäude genutzt, jetzt arbeitet dort ein Job-Center. »Weil der Senat wusste, dass wir räumliche Probleme haben, hat er uns den Betty-Heine-Saal angeboten«, sagt Heimann. Besonders berührt ihn, dass Hamburgs Oberrabbiner Joseph Carlebach am 19. August 1939 im Betty-Heine-Saal seinen letzten Gottesdienst vor seiner Deportation und Ermordung durch das NS-Regime gehalten hat.

Die Reformsynagoge darf aber nicht nur die alte Betty-Heine-Synagoge im ersten Stock des 1841 entstandenen Gebäudes nutzen, sondern auch Räume hinter der Frauen-Empore. »Wir werden eine Küche einrichten, aber nicht zum Kochen, sondern nur als Geschirrküche«, ergänzt Heimann.

GOTTESDIENSTE Bislang fanden die Gottesdienste in der Aula der Talmud-Tora-Schule am Grindelhof statt, in dem heute wieder mit dem Joseph-Carlebach-Bildungshaus die Schule von der Vorschule bis zur 13. Klasse der Jüdischen Gemeinde untergebracht ist. Als die Reformsynagoge noch nicht zur Einheitsgemeinde gehörte, feierten die Reformer ihre Gottesdienste im Turnsaal der ehemaligen Israelitischen Töchterschule Hamburg an der Flora-Neumann-Straße.

Dort aber musste sie sich den Betsaal mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg teilen, was besonders für Schabbat- und Feiertags-Gottesdienste sensible Absprachen erforderte.

Die Lösung des Platzproblems kam plötzlich und unverhofft.

Das alte Israelitische Krankenhaus mit der Synagoge Betty-Heine-Saal hat eine spannende Geschichte. Der Hamburger Bankier und Mäzen Salomon Heine, Onkel des Dichters Heinrich Heine, wollte die medizinische Versorgung in der Hansestadt optimieren, und das für alle Bürgerinnen und Bürger, gleich welcher Religion und Herkunft. Als junger Mann kam der 1767 geborene Heine arm in die reiche Hansestadt. Doch in kürzester Zeit erarbeitete er sich als Bankier ein Vermögen.

Getreu der Mizwa, ein Zehntel an diejenigen zu geben, die wenig haben, erfüllte er daraufhin stets als Philanthrop seine Pflicht. Die Stadt Hamburg profitierte in vielen Bereichen von seiner Großzügigkeit, blieb ihm aber die verdiente Anerkennung schuldig – ihm, dem Juden.

Salomon und seine Ehefrau Betty Heine hatten sieben Kinder. Doch bei der Geburt ihrer jüngsten Tochter starb Betty. Salomon Heine setzte seiner geliebten Ehefrau ein Denkmal, indem er das Betty-Heine-Krankenhaus baute. Als es in Israelitisches Krankenhaus umbenannt wurde, widmete man ihr den Synagogensaal als Betty-Heine-Saal.

GRUNDSTEIN Es war das erste moderne Hospital Norddeutschlands und gehört zu den ersten jüdischen Kliniken in ganz Deutschland. Am 10. Juni 1841 legten Heine und die Stadt den Grundstein für das 80-Betten-Haus in der damaligen Vorstadt St. Pauli hinter der Reeperbahn. Am 31. Juli 1840 wurde der Grund und Boden im Stadterbe-Buch als »Besitz der hiesigen Deutsch-Israelitischen Gemeinde« eingetragen. Dafür zahlte die Jüdische Gemeinde jährlich zwei Mark »Grundhauer«.

Zwei Jahre später, am 7. September 1843, weihten 550 geladene Gäste das Krankenhaus ein. Es stand allen Menschen offen und galt mit seinen zwei Stockwerken, einem modernen OP-Saal, mit Wasserspül-Toiletten, dem großen Garten und der Synagoge Betty-Heine-Saal als modernste Klinik in der gesamten Region. Sogar ein Stall für zwei Milchkühe und ein Gemüsegarten wurden als Selbstversorgung eingerichtet. Salomon Heines ausdrücklicher Wunsch war es, dass vor allem die Armen der reichen Hansestadt behandelt werden, auch wenn sie ihre Behandlungen nicht bezahlen konnten. Eine Pionierleistung.

Carl Heine, Sohn von Salomon Heine, spendete erneut größere Summen für das Krankenhaus. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es damit ausgebaut und modernisiert, auch mit starker finanzieller Unterstützung von Hamburgs Jüdinnen und Juden. Um 1900 profitierte das Israelitische Krankenhaus vom wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland. Während der Weimarer Republik stand es um die Finanzen des Hospitals so gut, dass 1929 der Grundstein für einen Erweiterungsbau mit 111 Betten gelegt wurde.

NEUANFANG Doch 1933 kam das NS-Regime an die Macht, und verbot Nichtjüdinnen und -juden, sich im Israelitischen Krankenhaus behandeln zu lassen. Gleichzeitig untersagte der braune Senat jüdischen Patientinnen und Patienten, in nichtjüdische Krankenhäuser zu gehen. Das Krankenhaus von Salomon Heine geriet in finanzielle Not. Jüdische Ärzte, Schwestern und Verwaltungsangestellte wurden verfolgt, deportiert und ermordet. Da das Israelitische Krankenhaus aber beliebt war, konnte der Betrieb bis 1938 erhalten werden.

Zur Eröffnung des Betsaals wird eine neue Torarolle eingebracht.

Mit Kriegsbeginn enteignete der Nazi-Senat das Krankenhaus. Nach 1945 gelang dem aus dem KZ Theresienstadt zurückgekehrten ehemaligen Verwaltungsleiter Felix Epstein der Neuanfang des Israelitischen Krankenhauses. Mit der finanziellen Unterstützung der Familie Warburg baute er das Krankenhaus wieder auf. 1959 feierte das neue Israelitische Krankenhaus am Orchideenstieg Ecke Alsterkrugchaussee in Hamburg-Alsterdorf Richtfest und hat sich seitdem kontinuierlich zu einer medizinischen, wissenschaftlichen Institution in Hamburg entwickelt.

In das alte ehemalige Israelitische Krankenhaus auf St. Pauli aber zieht jetzt mit der Reformsynagoge neues jüdisches Leben ein.

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