Porträt der Woche

Millionär und Schuhputzer

»Ich habe den schönsten Job der Welt«: Jacques Lipschitz Foto: Jörn Neumann

Porträt der Woche

Millionär und Schuhputzer

Jacques Lipschitz ist Statist an der Kölner Oper und tritt gelegentlich auch in Filmen auf

von Annette Kanis  19.12.2014 16:32 Uhr

Ich bin Rentner und habe seit 14 Jahren den schönsten Job der Welt: Ich bin Statist an der Kölner Oper und habe ständig mit Sängern, Musikern, Dirigenten und Regisseuren zu tun. Vor einigen Jahren hatte ich manchmal drei verschiedene Vorstellungen in der Woche.

Insgesamt war ich schon bei 16 Produktionen dabei. Einen Riesenerfolg hatten wir mit My Fair Lady. Da trete ich sieben Mal auf: Ich bin ein Multimillionär, aber auch ein Schuhputzer. Im Februar fliegen wir mit My Fair Lady für zehn Tage zu einem Gastspiel nach Oman – oh, das wird spannend!

Dieses Jahr war ich auch bei den Aufführungen von Madame Butterfly dabei. Es ist eine Wiederaufnahme. Bei den ersten Vorstellungen vor vier Jahren war ich noch elastischer. Ich merke das, denn ich muss auf einer schrägen Bühne knien. Das ist ziemlich anstrengend.

Eine sehr intensive und interessante Probenarbeit habe ich vor einiger Zeit mit Katharina Thalbach erlebt. Sie inszenierte bei uns in Köln ihre Oper Rotter. In der zweieinhalbstündigen Vorstellung musste ich mich sieben Mal hinter der Bühne umziehen und wurde immer wieder neu geschminkt. Ich spielte einen Flüchtling, einen verfolgten Juden, einen Schwarzmarkthändler, einen Schaffner und einen Bauarbeiter – war das anstrengend! Aber es war auch großartig.

Neben der Oper war ich auch schon im Schauspielhaus und im Kino zu sehen. In dem Film Das Wunder von Bern spielte ich zum Beispiel einen jubelnden Zuschauer. Ich habe getobt und geschrien wie wild.

Danach war ich Statist in dem Film Der Vorleser: ein Rechtsanwalt. Ich habe kein Wort gesagt, aber war mit meiner Tasche im Gerichtssaal. Und vier Mal habe ich beim Kölner Tatort mitgespielt. Einmal stand mein Name sogar im Abspann. Da hatte ich die Rolle eines Obdachlosen, wurde auch geschlagen, und die beiden Kommissare haben mich gerettet. Die Prominenten waren immer großartig: der alte Quadflieg oder Peter Ustinov. Der hat mich mal zu einer Pizza eingeladen.

Kindheit Geboren wurde ich in Bukarest. Wir hatten viel Glück, dass wir am Leben geblieben sind. Mein Vater wurde nur zu Zwangsarbeit verpflichtet. Ich kann mich noch heute erinnern, wie wir uns gefreut haben, als die russische Armee kam. Da war ich zehn Jahre alt. Und danach fing der Kommunismus an.

1950 wollten meine Eltern mit meinem Bruder und mir auswandern. Ich war damals 16 und stand eine ganze Nacht im Innenministerium in Bukarest in der Schlange, um Formulare für die Auswanderung nach Israel zu bekommen. Jerusalem zahlte der kommunistischen Regierung damals 100 Dollar für jeden Juden, den sie gehen ließ.

Mit dem Schiff »Transilvania« ging die Reise von Constanza nach Haifa. Sie dauerte drei Tage und drei Nächte. In Haifa angekommen, brachten uns Regierungsbusse zu unserer ersten Bleibe: einem Zelt in der Wüste.

Nach ein paar Monaten bekamen wir dann eine kleine Baracke. Meine Mutter fing zu nähen an und konnte so erstes Geld verdienen. Schon bald wurde ich zur Armee eingezogen. Zweieinhalb Jahre war ich dort. Meine Eltern und mein Bruder lebten mittlerweile in Tel Aviv in einem Hotelzimmer. Wenn ich sie am Wochenende besuchte, habe ich im Bad übernachtet. Über der Badewanne hatte ich ein Brett, darauf lag eine dünne Matratze.

Eine Verwandte meiner Mutter aus New York schickte uns dann 3000 Dollar – das war damals sehr viel Geld. So konnten wir endlich eine Wohnung mieten, und es fing ein neues Leben für uns an.

Nach dem Militärdienst habe ich in allen möglichen Berufen gearbeitet: Ich war Tagelöhner auf Zitrusplantagen, habe Orangen gepflückt, in Werkstätten gearbeitet und wurde schließlich mit Anfang 20 durch glückliche Umstände und die Vermittlung eines Freundes Weber. Im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachung bekamen wir dann Webstühle aus Krefeld. Da habe ich meine Mutter, die perfekt Deutsch sprach, gebeten, einen Brief zu schreiben, denn ich wollte nach Deutschland. Es klappte, und so machte ich ein Praktikum bei der Webstuhlfirma. Später ging ich dann auf die Krefelder Textilingenieurschule. So begann meine Zeit in Deutschland.

Bukarest Deutsch war meine Muttersprache. Ich habe zwar als Kind in Bukarest nicht Deutsch gesprochen, aber ich hörte es ständig. Meine Mutter war eine »k. und k.«, sie hat mit ihren Geschwistern nur Deutsch geredet.

Ich kam zwar als Praktikant nach Deutschland, aber ich war verrückt nach dem Theater, da wollte ich hin. Das hat mich schon immer fasziniert. Ich habe dann Krefeld verlassen und wurde Bühnenarbeiter an der Oper in Düsseldorf.

Ende der 60er-Jahre zog ich nach Köln. Ich bekam einen Dreijahresvertrag als Regieassistent am Opern- und Schauspielhaus. Danach hatte ich keine Beschäftigung. Ich rief einen Freund an, der damals freier Redakteur beim WDR war, und fragte ihn, ob ich nicht als Regieassistent beim WDR anfangen könnte. Und dann war plötzlich alles ganz einfach. Er hatte an diesem Tag mit einem Regisseur gesprochen, der einen neuen Assistenten suchte, und so konnte ich bei ihm beginnen.

Ich habe dann alle möglichen Jobs beim WDR gemacht, bis ich – das war mein Glück! – in der Musikabteilung landete. Dort war ich 20 Jahre. Zunächst habe ich PR-Arbeit gemacht, vor allem für die Kammerkonzerte. Später habe ich die Chefdirigenten betreut.

Noch heute gehe ich gern in die Philharmonie. Selbst habe ich leider kein Instrument lernen können wegen der Kriegszeit. Aber mein Sohn Daniel, der jetzt 20 ist, hat mit fünf Jahren angefangen, Geige zu spielen. Er hat sich musikalisch gut entwickelt. Aber beruflich will er in eine andere Richtung. Er ist zur Bundeswehr gegangen. Erst macht er drei Monate Grundausbildung, dann möchte er zur Luftwaffe. Das ist nicht komisch für mich, die Zeiten haben sich geändert. Auf meinen Sohn bin ich sehr stolz, den Daniel liebe ich über alles.

Und ich führe eine glückliche Ehe, bin immer noch verliebt in meinen Schatz. Ich habe meine spätere Frau im jüdischen Elternheim kennengelernt. Damals, vor mehr als 20 Jahren, bereitete ich dort am Wochenende morgens von sieben bis zehn Uhr das Frühstück vor. Eine alte Dame fragte mich, ob ich ihre Nichte, die aus Moskau zu Besuch kam, am Bahnhof abholen könnte. Das habe ich gern gemacht – und Rita kennengelernt, mit der ich heute verheiratet bin. Sie ist französische Staatsbürgerin, weil ihre Mutter in Paris geboren wurde. Wir sprechen Rumänisch miteinander.

Freunde An Köln mag ich, dass ich so viele Freunde habe. Die Menschen hier sind angenehm. Durch die Statisterie habe ich eine Menge nette Menschen kennengelernt. Aber ich habe auch viele Freunde, die verstreut sind in der Welt. Die rufe ich oft an – ob das meine Cousine in Israel ist, meine Cousine in Kanada oder ein Freund, der in Mexiko als Lehrer arbeitet. Ich pflege auch diese Freundschaften.

Was die Religion angeht, bin ich total unfromm – aber gläubig. Darum bin ich auch Mitglied der Gemeinde – seit 50 Jahren! Die Gemeinde ist meine zweite Familie. Ich versuche, jeden Samstag zum Gebet zu gehen, aber nicht immer schaffe ich’s.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich eines Tages nach Israel zurückgehen möchte. Nein. Ich denke zwar oft an das Land und an meine Armeefreunde, aber ein Zurück gibt es nicht. Ich habe meine Wurzeln hier, ich bin zufrieden. Ich habe sehr viel Glück gehabt in meinem Leben.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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