Porträt der Woche

»Migration ist ein Schock«

Alexej Boris ist Schauspieler und macht seine Zuwanderergeschichte zum Programm

von Christine Schmitt  16.11.2015 19:33 Uhr

»Für Kinder ist Auswanderung besonders hart, weil sich in den Familien plötzlich die Rollen umdrehen«: Alexej Boris (43) aus Stuttgart Foto: Gregor Zielke

Alexej Boris ist Schauspieler und macht seine Zuwanderergeschichte zum Programm

von Christine Schmitt  16.11.2015 19:33 Uhr

Vor der Erleuchtung heißt es: Müll rausbringen, Essen kochen, Hemden bügeln. Nach der Erleuchtung steht auf dem Plan: Müll rausbringen, Essen kochen, Hemden bügeln. Nein, ich falle nach dem Applaus und einem zugezogenen Bühnenvorhang in kein Loch. Es geht alles weiter: das Leben mit meinen drei Töchtern zwischen zwei und sieben Jahren, meiner Frau, meinen Workshops, Kabarett-Auftritten und natürlich mit meiner Arbeit als Schauspieler. Ich falle der fremden Freizeit zum Opfer. Das aber sehr gerne. Wenn andere Menschen nach dem Job ins Theater gehen, dann stehe ich auf der Bühne und arbeite. Ich liebe das.

Dabei hatte mir ein Lehrer bei der Aufnahmeprüfung an der Stuttgarter Schauspielschule einmal prophezeit: »Ich verspreche Ihnen, Sie werden nie auf einer deutschen Bühne stehen.« Eineinhalb Jahre später hatte ich eine Festanstellung in einem Theater in Stuttgart und stand auf der Bühne. Seitdem habe ich noch etliche weitere Häuser und Kleinkunstbühnen in ganz Deutschland als Schauspieler kennengelernt.

leningrad Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen. Mit meinen Eltern und meiner Schwester lebte ich früher in Leningrad und hatte mit gerade einmal 16 Jahren meinen Schulabschluss – vergleichbar mit dem Abitur – in der Tasche. Archäologie stand bei mir auf dem Plan. Aber eines Tages fragte mich ein Freund, ob ich Lust hätte mitzukommen – er wolle bei einer Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Film und Theater in Leningrad vorsprechen.

Ich ging mit – und die nahmen mich prompt auf. Durch das Studium konnte ich regelrecht durchmarschieren. Mit einem Schlag war ich angefixt und wusste, dass ich nur noch Schauspieler werden wollte. Ein anderer Beruf kam für mich nicht mehr infrage.

Allerdings war mir alles schon in die Wiege gelegt worden – meine Mutter ist Theaterwissenschaftlerin, und ich war als Kind oft im Theater. Bei uns zu Hause gingen Schauspieler ein und aus. Die Welt der Bühne war somit das Natürlichste für mich. 1991 verließen wir als Familie Leningrad, was ich überhaupt nicht lustig fand. Ich war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt.

bühnenwelt Wir kamen nach Aachen. Okay, dachte ich damals, ich kann zwar kein Wort Deutsch, aber Französisch, also probiere ich es aus, mich mit dieser Sprache in dem Dreiländereck durchzuschlagen, denn Holland und Belgien sind fußläufig von Aachen entfernt. Aber es sprach kein Einziger Französisch. Also fing ich an, Deutsch zu lernen – was mühsam war.

Bei den Aufnahmeprüfungen knallten mir die Dozenten Sachen an den Kopf wie: »Sie haben wohl zu viel russisches Theater gesehen.« oder »Sie spielen viel zu russisch.« Dabei konnte ich mittlerweile gut Deutsch.

Heute nehme ich immer noch Sprechunterricht, um mir für die jeweilige Figur eine spezifische Art zu sprechen anzueignen. In Wiesbaden stehe ich beispielsweise demnächst mit einem Ein-Mann-Stück auf der Bühne. Darin spiele ich insgesamt 33 Figuren. Da brauche ich natürlich für jede eine eigene Stimme. Manche sprechen Dialekt – da muss ich dann auch österreichisch, schweizerisch und natürlich Öscher (Aachener) Platt gekonnt sprechen.

In dem Stück geht es um einen arbeitslosen Schauspieler, der in einem Restaurant die Tischreservierungen telefonisch annehmen muss, etwa von Dieter Bohlen oder einem russischen Mafia-Boss. Aber ich spiele auch in ganz klassischen Stücken, wie demnächst den König Kreon in Antigone.

Comedy Wenn ich mit meinem Comedy-Programm Schwarz. Rot. Koscher unterwegs bin, dann spüre ich immer etwas Befangenheit beim Publikum, so als hinge die Frage in der Luft: »Wann sagt er ›Holocaust‹?« Ich möchte deren Beziehung zum Judentum ja normalisieren, weshalb ich kurz auf den Holocaust eingehe und mitteile, dass ich nicht von der Vergangenheit, sondern der Gegenwart reden möchte. Von unserem Alltag und wie wir sind. Nicht, wie wir waren. Ich hole keine »Holocaustkeule« heraus. Das Geschichtsbuch bleibt zugeklappt. Die Leute gehen dann erhellt raus und denken: Die Juden sind ganz normal.

Vor Kurzem trat ich vor eigenen Leuten auf, also vor jüdischem Publikum. Da habe ich das Programm abgewandelt und mir eine andere Reihenfolge überlegt. Augenzwinkernd sage ich dann: »Ich weiß, ihr könnt den Witz viel besser erzählen.«

Zur Seite steht mir Tante Marina, die ich auch spiele – eine Figur aus der Gemeinde, die jedem vertraut ist: Fast jeder hat so eine Mutter oder Großmutter und erkennt sie sofort. Ein Lehrer hat einmal zu mir gesagt: »Dir muss nichts ein-, sondern nur auffallen.« Situationen aus dem Leben ad absurdum zu führen – das kommt meistens gut an. Meine Texte schreibe ich selbst. Mir muss ja nur etwas auffallen.

Workshops Ich werde immer wieder gefragt, wie ich es schaffe, ganze Rollen auswendig zu lernen. Es würde mir schwerer fallen, ins Büro zu gehen und den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen. Ich versuche immer zu verstehen, was die Figuren sagen und meinen. So bekomme ich die Texte leichter in meinen Kopf. Morgens sitze ich nun doch häufiger am Schreibtisch und formuliere Anträge für Workshops und andere Projekte. Mit Präventionsworkshops gehe ich zum Beispiel in Schulen.

Neulich erst war ich in einer Berufsschule und spürte: Hier sitzen die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, dort die Antifa-Anhänger, woanders die Nazis und in einer anderen Ecke die Kids, die zu keiner dieser Gruppen gehören. Entweder gehen sie einander aus dem Weg oder prügeln sich. Ich versuche immer, für etwas zu sein, denn dagegen zu sein, verhärtet nur den anderen. Außer Schulen besuche ich regelmäßig auch den Jugendknast. Es reizt mich einfach.

Ich glaube, dass ich die Jungs verstehe, denn ich weiß, wovon sie reden, und ihre Mitleidsnummer zieht bei mir nicht. Ich war 17, kam in ein fremdes Land, in dem ich kein Wort verstand, und antworte ihnen entsprechend. Tja, was soll ich sagen? Ich bin groß, habe eine tiefe Stimme und keine Haare auf dem Kopf – so respektieren sie mich schnell.

Das eine Programm, das ich vor ihnen spiele, heißt Deutschland. RU. Im Mittelpunkt steht der Aussiedler Stanislav, der an die falschen Freunde und auf die schiefe Bahn gerät. Eine andere Aufführung ist Kohlhaas. Eine Hinrichtung, bei der man sich fragt, ob der Verurteilte ein Verbrecher ist oder ein Volksheld. Meine Bühnen und Festivals liegen nicht immer vor der Haustür, weshalb ich viel Zeit im Zug verbringe.

trauma Während der Fahrten schreibe und lese ich viel. Am liebsten mag ich Short Storys, die bringen die Handlung schnell auf den Punkt, sind bissig und witzig. Derzeit verschlinge ich die Rabbi-Krimis von Harry Kemelman. Ich denke darüber nach, wie man ein Live-Hörspiel aus ihnen machen könnte. Das reizt mich sehr, denn ich finde sie großartig.

Als wir nach Deutschland zogen, engagierte ich mich in der Aachener Gemeinde. Meine Eltern und Großeltern wohnen dort noch immer, während ich »kosher style« in Stuttgart lebe.

Migration ist immer ein Schock und ein Trauma. Für Kinder ist es besonders hart, weil sich in der Familie plötzlich die Rollen umdrehen: Früher hatten die Eltern das Sagen, nun müssen die Kinder, die schneller die Sprache gelernt haben, mit aufs Amt kommen und ihnen helfen.

Für uns alle war der Anfang hart, auch weil es damals so schwer war, die Kontakte in der Heimat aufrechtzuhalten. Mittlerweile geht das einfacher. Übrigens, obwohl ich groß bin, eine tiefe Stimme habe und keine Haare auf dem Kopf, gibt es doch drei Menschen, die keine Angst vor mir haben: meine Töchter.

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