Darmstadt

Mickey-Maus-Kippa und Pop

An Ausdauer mangelt es Simone Siewert nicht. Schon seit 10 Uhr morgens hält sie die Stellung hinter ihrem kleinen Verkaufsstand im Foyer des Darmstädter Gemeindezentrums. Links die Menora in verschiedenen Ausführungen, direkt vor ihr die Chamsa, verschiedenfarbig gestaltet zur Abwehr böser Blicke, und rechts handgefertigte Kippot, wahlweise mit klassischen Motiven oder im Micky-Maus-Design. »Die sind schon recht teuer«, findet Simone Siewert, als es gerade mal etwas ruhiger an ihrem Stand zugeht. »Aber immerhin haben wir schon drei verkauft.«

Wie viele Menschen sich an diesem Sonntag schon an ihrem Stand vorbeigedrückt haben, kann die Mitarbeiterin nicht einmal ansatzweise schätzen. Der Basar brummt. Am frühen Nachmittag wird es ziemlich eng im Haus an der Wilhelm-Glässing-Straße. Im Eingangsbereich heißt es Schlangestehen. Siewert blickt derweil durch eines der Oberlichter in den grauen Himmel. »Wer weiß«, sagt sie, »vielleicht hängt das auch mit dem Wetter zusammen.«

nachfrage Tatsächlich hat der Andrang wenig mit der Witterung zu tun. Seit elf Jahren ist der Basar der zionistischen Frauenorganisation WIZO ein fester Termin im Veranstaltungskalender der Darmstädter Gemeinde. Ein Treffpunkt für die Liebhaber von Judaika, wie sie an Siewerts Stand angeboten werden, von Kosmetik der israelischen Firma Ein Gedi vom Toten Meer und von modebewussten Schnäppchenjägern, die sich in der Secondhand-Abteilung mit Kleidung eindecken. Die Möglichkeit ein gutes Geschäft zu machen, ist Teil der Veranstaltung, aber nicht deren eigentlicher Zweck. Im Hintergrund geht es um etwas anderes: die Hilfe für benachteiligte Mädchen und Frauen.

Im Rüdiger-Breuer-Festsaal steht Aviva Steinitz vor einer Reihe leerer Regale, die aussehen, als wären sie buchstäblich ge-
plündert worden. Eine Mischung aus schierer Ungläubigkeit und Freude scheint sich in den Augen der Darmstädter WIZO-Vorsitzenden widerzuspiegeln. »600 Preise hatte die Tombola«, erklärt sie, »alle sind weg.« Im Geiste rechnet Steinitz bereits den Losverkauf zu den übrigen Einnahmen hinzu.

bilanz Am frühen Sonntagnachmittag fällt es ihr allerdings noch schwer abzuschätzen, wie viel der Wohltätigkeitsbasar in diesem Jahr abwerfen wird. »Aber ich bin mir sicher, es ist schon jetzt mehr als im vergagnenen Jahr«, sagt sie voller Stolz. Ein Mehr, dass auch einige tausend Kilometer von Darmstadt entfernt für Freude sorgen wird.

Seit zwei Jahren fließen die Einnahmen des WIZO-Basars in eine Einrichtung im israelischen Eilat. Dort betreibt die Wohltätigkeitsorganisation das Auguste-und-Robert-Meder-Zentrum für gefährdete Mädchen, eine Anlaufstelle für Frauen, mit denen es das Leben nicht allzu gut gemeint hat. Misshandlungsopfer und sozial Benachteiligte werden hier ebenso betreut wie Drogenabhängige. Insgesamt etwa 100 Mädchen und Frauen finden hier Zuflucht und Hilfe. Neben Therapieangeboten versucht das Zentrum, den Hilfesuchenden auch eine berufliche Perspektive zu vermitteln. »Wir holen die Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes von der Straße«, betont Steinitz.

Aus den Lautsprecherboxen tönt israelische Popmusik. Mittags sorgen Live-Bands und die Tanzgruppe Yovel für Unterhaltung im Rüdiger-Breuer-Saal. Aus der angeschlossenen Küche klingt das Klappern von Geschirr. »Die ist heute in Männerhand«, erklärt Steinitz, während im Hintergrund große Tabletts mit Falafel arrangiert werden.

perspektive »Alles Begleitprogramm, das hat sich in den letzten Jahren so entwickelt«, sagt die WIZO-Ortsvorsitzende. So seien immer mehr Programmpunkte hinzugekommen: die Tombola, die Musik, der örtliche Buchhändler, der im Foyer jüdische und israelische Literatur anbietet und einen Teil seiner Einnahmen spendet.

An die 70 Helferinnen und Helfer sind mittlerweile an der Organisation des alljährlichen Basars beteiligt. Im vergangenen Jahr brachte der WIZO-Basar dem Meder-Zentrum rund 10.000 Euro ein. »Das fließt vor allem in die Bezahlung der Fachkräfte, sowie in die Ausstattung«, erläutert Steinitz.

»Es war gerade das Engagement in Eilat, das mich von WIZO überzeugt hat«, erzählt Simone Siewert, während die letzten Kunden allmählich von dannen ziehen. Gerade einmal eine Woche ist es her, dass sie dem Darmstädter Ortsverein beigetreten ist. »Dann gleich am Basar mitzuarbeiten, das ist schon wirklich anstrengend.« An Arbeit wird es indes auch nach diesem Sonntag nicht mangeln. »Es gibt bei uns ein geflügeltes Wort«, scherzt Vorsitzende Aviva Steinitz, »nach dem Basar ist vor dem Basar.«

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