Frankfurt

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Freitagnachmittag im Treffpunkt der Schoa-Überlebenden: Die selbst gekochten Speisen sind portioniert und bald abholbereit. Foto: Rafael Herlich

Die Idee entstand an Pessach. »Ich habe zwei Tage in der Küche gestanden, um den Zoom-Seder vorzubereiten«, erzählt Dennis Stern. Seine Eltern leben in Holland. Da das Fest dieses Jahr mitten im coronabedingten Lockdown stattfand, waren Familienzusammenkünfte nicht möglich. Stern beging den gemeinsamen Sederabend virtuell: Mit seinen Eltern und seinem Bruder traf er sich auf der Videokonferenzplattform »Zoom«.

Wie aber ergeht es in diesen Zeiten älteren, einsamen, bedürftigen Menschen, die ihr Zuhause nicht mehr verlassen können? Darüber habe er während des Zoom-Seders nachgedacht, sagt der 40-jährige Frankfurter, der in der Immobilienbranche arbeitet.

Ein sonniger Freitagvormittag im Juli. Im ZWST-Treffpunkt für Überlebende im Frankfurter Westend herrscht reger Betrieb. Plastikschalen und Papiertüten stehen auf Tischen bereit. Stern versieht Schälchen mit selbst gemachtem Couscous- und Thunfischsalat mit erklärenden Etiketten. Auch abgepackte Kuchenportionen sind schon da.

Freude Zufälligerweise habe ihn kurz darauf ein Freund angeschrieben, der noch Nachtisch übrig hatte, erzählt Stern weiter. Er wiederum habe noch einiges an Heringssalat gehabt. Ein Tausch kam zustande, aus dem sich dann ein Konzept herauskristallisierte: Warum nicht die Kräfte bündeln, ein Netzwerk aus helfenden Händen bilden? Einer kocht die Vorspeise, ein anderer steuert Suppe bei, ein Dritter kümmert sich um den Nachtisch: ein mit vereinten Kräften zubereitetes Schabbat-Essen für hilfsbedürftige Schoa-Überlebende. »Menschen eine Freude machen«, lautet Dennis Sterns Motto. Er habe die Idee aufgeschrieben und Freunde kontaktiert, die sofort ihre Hilfe zugesagt hätten, erinnert er sich.

Der Treffpunkt für Schoa-Überlebende stellt die Räume zur Verfügung und organisiert die Lieferung an die älteren Menschen.

Ilya Daboosh, Leiter des Sozialreferats der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST), betritt den Treffpunkt. Er hat zwei Töpfe mit Tomatensuppe mitgebracht. Seine Frau hat die Suppe gekocht, sagt Daboosh. Stern, mit dem er befreundet ist, hatte ihm von seiner Idee erzählt, erzählt Daboosh. Der Kontakt verlieh dem Vorhaben einen entscheidenden Schub. Er habe seinen Freund »mit dem Treffpunkt gematcht«. Die ZWST-Einrichtung, die wegen Corona ihre Aktivitäten reduzieren musste, stellt jeden Freitag die Räume zur Verfügung und organisiert die Lieferung der Essenspakete an die Überlebenden.

Das Projekt »So schmeckt Schabbes« ist Anfang Mai angelaufen. Zunächst wurden zehn Menüs verteilt. Mittlerweile werden wöchentlich 20 Pakete ausgeliefert – an Überlebende, die aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Treffpunkt kommen können oder keine Familie vor Ort haben. »Die Senioren freuen sich wahnsinnig«, sagt Channah Trzebiner, Mitarbeiterin des Treffpunkts. »Da sind Menschen, die an uns denken« – dies zu wissen, freut viele Überlebende, berichtet Stern.

»Wir sind alle keine professionellen Köche«, beteuert er. Das Projekt werde von Menschen getragen, »die es aus Spaß machen, um zu helfen«. So wie Daniela. Die pensionierte Kauffrau hat eine große Schale Kartoffelsalat und Hühnchenschnitzel mitgebracht. Eine Freundin hatte sie angesprochen, ob sie für alte Menschen Schabbat-Essen kochen möchte. »Da war für mich klar, dass ich das mache«, sagt Daniela. Trzebiner und ihre Kollegin Esti Petri helfen ihr nun, Suppe, Salat und Schnitzel zu portionieren und in Papiertüten zu packen. Dennis Stern macht ebenfalls mit.

Die Essenspakete zeigen den Senioren: »Da sind Menschen, die an uns denken.«

Petri betont Sterns tragende Rolle bei dieser Idee: »Die meiste Arbeit hat Dennis, was unglaublich ist.« Trzebiner sieht es genauso: »Alles geht auf den Dennis zurück.« Stern unterdessen sieht das Projekt nicht als sein alleiniges Werk: »Es sind ganz viele Leute, die helfen.« Die meiste Arbeit werde schließlich von den Köchen geleistet, betont er: »Ich halte nur die Fäden zusammen.«

Corona-Situation Das Portionieren und Abpacken der Speisen verläuft erstaunlich schnell und konzentriert. Dennoch ist die Stimmung im Treffpunkt kommunikativ. Es wird Deutsch und Hebräisch gesprochen und auch gelacht, auch wenn es hin und wieder um ernste Themen wie die Corona-Situation in Israel und die Lage der dort lebenden Familienmitglieder geht.

Vanessa Orgler hilft auch mit und backt jeden Freitag die Challot.

Jetzt fehlen nur noch die Challot. Vanessa Orgler kommt wie gerufen. Die 30-Jährige bringt selbst gebackene Schabbatbrote vorbei. Bei dem Projekt war sie fast von Anfang an dabei, sagt Orgler. »Ich koche und backe sehr gern«, berichtet sie. Da sie keine Großeltern mehr hat, sei das eine tolle Art und Weise, wenigstens anderen älteren Menschen zu helfen. Die Challot werden nun ebenfalls in die Papiertüten gepackt, in denen sich zudem ein Blatt mit Erläuterungen zum dieswöchigen Tora­abschnitt befindet. Gegen Mittag leeren sich die Tische im Treffpunkt. Mehrere Fahrer treffen ein, um den alten Menschen die frisch zusammengestellten Essenspakete nach Hause zu bringen.

Dennis Stern wirkt leicht erschöpft, aber auch sichtlich zufrieden. Auf die Frage, wie lange er das Projekt noch weitermachen möchte, antwortet er: »Es gibt überhaupt keinen Grund, damit aufzuhören.« Über engagierte Menschen, die das Projekt in anderen Städten organisieren möchten, würde sich Stern freuen. Seine Idee sucht Nachahmer.

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