Redezeit

»Meine Kindheit hat mich stark gemacht«

Ruth Westheimer Foto: Rafael Herlich

Redezeit

»Meine Kindheit hat mich stark gemacht«

Die Sexualtherapeutin Ruth Westheimer über Seitensprünge, Familie und ihr Wiedersehen mit Deutschland

von Rivka Kibel  19.10.2015 09:46 Uhr

Frau Dr. Ruth, Sie sprechen seit Jahrzehnten über Sex. Hängt Ihnen das Thema nicht schon zum Hals raus?
Nein! Nie! Nur wenn ich in einem Gespräch anfange, mich selbst zu langweilen, höre ich auf, darüber zu reden. Denn dann langweilt sich mein Gegenüber auch.

Wie hat sich der Sex in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Die Leute erwarten, beeinflusst von Büchern, Fernsehen und Internet, immer mehr voneinander. Aber man sollte nicht ständig denken, dass es in anderen Schlafzimmern besser zugeht als im eigenen. Die Menschen sind offener geworden, Frauen haben gelernt, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, dass sie einen Orgasmus bekommen.

Und wenn die Frau nicht will, darf sie heute auch »Nein« sagen – ohne Kopfschmerz-Geschichten?

Ich weiß, die Feministinnen hassen mich dafür, aber im Talmud steht: »Wenn das Glied des Mannes erregt ist, fliegt das Gehirn aus dem Kopf.« Deswegen sage ich: Niemand soll nackt ins Bett gehen, wenn er nicht vorhat, sexuell aktiv zu werden. Wenn die Frau Bereitschaft zeigt, muss sie es auch durchziehen.

Profitieren die jungen Leute von der neuen Offenheit?
Da gibt es ganz andere Probleme: Ich sehe, wie sie Händchen halten auf der einen Seite und auf der anderen Seite mit dem Handy herumspielen. Eine Katastrophe! Die Kultur der Konversation geht komplett verloren. Und die Aids-Rate wird steigen, weil die jungen Leute nicht genügend aufpassen.

Was raten Sie bei Ehekrisen?
Ein Paar muss an der Beziehung arbeiten. Die intellektuelle und gefühlsmäßige Basis muss da sein, sonst ist die sexuelle Beziehung irgendwann auch nicht mehr vorhanden. Wichtig ist, dass man sich gegenseitig respektiert. Und: Versucht, zusammen zu bleiben! Gerade, wenn Kinder da sind. Außer ihr habt Probleme, die man nicht lösen kann. Dann geht zum Anwalt.

Was raten Sie bei einem Seitensprung?
Das kann vorkommen. Wenn, dann sollte man es seinem Partner aber nicht sagen. Besser ist es allerdings, sich nur in der Fantasie auszuleben oder zu onanieren. Warum? Weil’s da keine Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaften gibt.

Müssen Sie beim Sex an Ihre eigenen Tipps denken oder können Sie mental entspannen?
Das ist eine persönliche Frage. Nächste Frage!

Ihr neues Buch »Ratschläge für ein erfülltes Leben« dreht sich nicht nur um Sex. Was muss man tun, um im Alter so agil, fit und zufrieden zu sein, wie Sie es sind?

Mein wichtigster Ratschlag: Wenn Sie jemanden kennen, der immer klagt, übers Wetter und überhaupt über alles – trennen Sie sich von ihm! Es sei denn, es ist Ihre Schwiegermutter. Dann müssen Sie da durch. Und ehren Sie die Natur! Das ist es, was Samson Raphael Hirsch, nach dem meine Schule in Frankfurt benannt war, gemeint hat, als er sagte: »Wenn ich sterbe, wird G’tt mich fragen: ›Hast du meine Alpen gesehen?‹« Deshalb gehe ich regelmäßig wandern. Das Skifahren habe ich aber aufgegeben. Man muss seine Grenzen kennen.

Sie sind in Frankfurt aufgewachsen, aber im Alter von zehn Jahren mit einem Kindertransport in die Schweiz geschickt worden. Ihre Eltern sind in Auschwitz umgekommen. Wie bewahrt man sich da die Fröhlichkeit?

Die ersten Jahre der Kindheit sind extrem prägend. Ich hatte eine wunderbare Kindheit in Frankfurt. Liebende Eltern und eine Großmutter, die nichts zu tun hatte, außer sich um mich zu kümmern. Deswegen habe ich das Waisenhaus und auch später die Zeit in der Hagana so gut überstanden. Weil meine ersten zehn Lebensjahre so gut waren. Das hat mich stark gemacht.

Machen Sie noch immer einen Bogen um den Frankfurter Hauptbahnhof?
Ja. Denn dort habe ich meine Mutter und meine Großmutter das letzte Mal gesehen, als ich mit dem Kindertransport in die Schweiz fuhr. Und ich höre noch heute die Schritte der schweren Stiefel, als sie meinen Vater abgeholt haben. Meine Großmutter hat noch Geld aus ihrem Rocksaum geholt und es den Nazis gegeben, damit sie gut auf meinen Vater aufpassen. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Trotzdem kommen Sie jedes Jahr zur Buchmesse nach Deutschland?
Ja. Aber ganz alte Menschen will ich hier nicht treffen. Ich will nicht wissen, wo sie während der Nazizeit waren. Aber es ist schön, dass die Deutschen jetzt so viele Flüchtlinge aufnehmen. Bravo!

Erinnern Sie sich an Ihr Schweizer Kinderheim? Was hat es Ihnen bedeutet, als Flüchtlingskind dorthin zu kommen?
Kennen Sie das Lied »Kommt ein Vogel geflogen (...) nimm ein Gruß mit und ein Kuss (...)«? Genau so war unsere Situation. Wir haben über den Bodensee auf Liechtenstein und Deutschland geblickt und gewusst, dass wir dort nicht hinkönnen. Aber wir waren wie Geschwister, und wir Mädchen von damals treffen uns noch heute. Als ich jung war, dachte ich immer, wenn ich in Frankfurt geblieben wäre, hätte ich meine Familie retten können. Was natürlich Unsinn ist. Aber ich bin dankbar, dass ich am Leben bin. Und deshalb bin ich froh, dass es Länder gibt, die heute zu den Flüchtlingen sagen: »Ich nehme dich auf!«

Mit der Sexualtherapeutin, die auf der Frankfurter Buchmesse ihr neues Buch »Lebe mit Lust und Liebe. Meine Ratschläge für ein erfülltes Leben« vorstellte, sprach Rivka Kibel.

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