Schule

»Mehr Berufung als Beruf«

Marianna (Miriam) Braun Foto: Levi Shagalow

Schule

»Mehr Berufung als Beruf«

Marianna Braun über Vorbereitungen auf die Feiertage, den Seder mit Schülern und Begeisterung für Religion

von Stefanie Witterauf  08.04.2023 23:01 Uhr

Frau Braun, Sie sind seit diesem Schuljahr Leiterin für religiöse Angelegenheiten an der Sinai-Grundschule der IKG. Wie kam es dazu?
Da muss ich weit zurückgehen: Ich habe erst mit 24 Jahren zu meinen Wurzeln gefunden, auch durch die Begegnung mit meinem Ehemann Benjamin Braun sel. A. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich durch die Schiwa zum ersten Mal wirklich mit dem Judentum in Berührung gekommen. Danach habe ich Teschuwa gemacht, mehrere Monate in New York gelernt und bald darauf auch meinen Mann geheiratet. Ins Schulleben bin ich 2015 als religiöse pädagogische Kraft an der Sinai-Schule eingestiegen, damals noch ohne festen Plan, auf Dauer dabeizubleiben. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mir die Arbeit sehr viel Spaß macht, auch weil es mir aufgrund meines eigenen Hintergrunds leichtfällt, die Kinder für Religion zu begeistern. Für mich ist das heute mehr Berufung als Beruf.

Was genau sind Ihre Aufgaben?
Ich gestalte das gesamte jüdische Schuljahr. Wir müssen zum Beispiel frühzeitig entscheiden, was wir an Chanukka oder Purim machen. Gerade erst haben wir den Seder für die Grundschulkinder abgehalten, das war eine sehr schöne Feier. Diese Dinge plane ich von A bis Z, aber zum Glück nicht allein, sondern unterstützt von einem tollen Team. Außerdem kümmere ich mich um alle Gebete in der Schule, und schließlich unterrichte ich die dritten und vierten Klassen in Religion.

Wie sieht so eine Vorbereitung auf die Feiertage denn konkret aus?
Die Kinder sollen viel praktisch lernen. Um beim aktuellen Beispiel zu bleiben: Mir war wichtig, dass sie verstehen, warum wir eine Haggada haben und warum es da eine Reihenfolge gibt. Die Kinder gestalten die Hälfte des Seders selbst. Das bedeutet, sie üben den Kiddusch ein, zünden Kerzen, bereiten den Sederteller vor und können ihn auch erklären. Ähnlich wie bei der Schabbatfeier, bei der sie jede Woche die Parascha kindgerecht nachspielen.

Was ist Ihre Vision innerhalb der Sinai-Grundschule?
Auf lange Sicht sehe ich es als meine Aufgabe, dass die Kinder, die diese Grundschule verlassen, wieder in die Gemeinde zurückkommen. Die Religion soll etwas Positives für sie sein, das ihnen Kraft gibt, und ich will ihnen dafür eine Tür öffnen, durch die sie vielleicht später hindurchgehen wollen. Nicht jeder lebt in einem religiösen Haushalt, aber ich sage ihnen: Wenn ihr gern Kerzen zündet am Schabbat, dann ist das doch wunderbar. Jede Mizwa steht für sich, das kann euch niemand mehr nehmen.

Neben Ihrer Position an der Schule sind Sie in Vollzeit Mutter – nach dem Tod Ihres Mannes vor anderthalb Jahren erziehen Sie allein Ihre drei Kinder.
Ja, das war und ist natürlich schwierig. Ohne meinen Glauben hätte ich niemals die Stabilität gehabt, die mich durch das vergangene Jahr getragen hat. Mein Mann war selbst in der Chewra Kadischa und hat mit den Kindern immer sehr offen über das Thema Tod gesprochen. Ich hatte das Gefühl, sie haben es auf ihre kindliche Weise verstanden. Aber es ist natürlich nicht einfach für uns alle, unser Leben hat sich ohne ihn sehr verändert. Ich bin abgehärtet, muss jetzt emotional und körperlich so viel mehr mittragen. Da sage ich: Gott sei Dank habe ich den Glauben, sonst würde ich das alles nicht zusammenbringen. Aber ich bin und bleibe auch jetzt ein sehr positiver Mensch.

Mit der Leiterin für religiöse Angelegenheiten an der Sinai-Schule sprach Stefanie Witterauf.

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