Poträt der Woche

Mann mit vielen Talenten

Yury Veksler ist Journalist und vermittelt das literarische Erbe von Friedrich Gorenstein

von Maria Ugoljew  16.07.2018 21:00 Uhr

»In Deutschland habe ich die russische Literatur noch einmal ganz neu entdeckt«: Yury Veksler (71) lebt in Berlin. Foto: Chris Hartung

Yury Veksler ist Journalist und vermittelt das literarische Erbe von Friedrich Gorenstein

von Maria Ugoljew  16.07.2018 21:00 Uhr

Wenn ich über mein Leben nachdenke, habe ich das Gefühl, bereits mehrere Leben hinter mir zu haben. So betrachte ich das. Es gab die unterschiedlichsten Etappen. Heute bin ich 71 Jahre alt. Im Vergleich zu meiner elfjährigen Enkelin ist das relativ alt, würde ich sagen. Im Vergleich zu meiner 101‐jährigen Tante ist das aber auch relativ jung. Meine Tante fasziniert mich.

Trotz ihres hohen Alters ist sie topfit. Sie hat ein phänomenales Gedächtnis, geht mit ihrem Stock allein spazieren, lebt ihren Alltag völlig selbstbestimmt. Ich überlege zurzeit, ob ich sie porträtiere. Ein Dokumentarfilm über sie – das wäre was! Auch wenn der Film dann nur für unsere Familie bestimmt wäre. Sie hat so vieles zu erzählen.

Moskau Am 25. November 1946 wurde ich in Moskau geboren. Mein Vater war Eisenbahnoffizier, er wuchs in einem Schtetl in der Ukraine auf und sprach bis zu seinem 14. Lebensjahr nur Jiddisch. Meine Mutter hingegen wurde russischsprachig erzogen, ihre Heimatstadt war Minsk. Ihre Mutter, kam im dortigen Ghetto später ums Leben. Meine Eltern lernten sich während des Zweiten Weltkriegs in China kennen. Beide waren bei der Armee.

Als ich drei Jahre alt war, packte unsere Familie die Sachen. Wir zogen von Moskau, wo meine Eltern nach dem Krieg vergeblich versucht hatten, Arbeit und Wohnung zu finden, nach Sibirien, wo mein Vater eine Stelle annahm. Ich besuchte dort erst die Schule, später die Universität, wo ich mich mit ökonomischer Kybernetik und Soziologie befasste. Meine Lieblingsthemen waren das nicht, mich zog es eher zum Theater. Ich stand nebenher auf oder vor der Bühne – als Schauspieler und Regisseur. Außerdem verdiente ich als Klavierspieler Geld, obwohl ich lediglich sieben Jahre lang die Musikschule besucht hatte. Da schlummerte wohl ein Talent in mir. Ich komponiere heute noch.

Das Studium in Nowosibirsk hatte trotzdem etwas für sich – ich lernte dort meine Frau kennen. Kurz darauf kam unser Sohn zur Welt. Im Wohnheim ein Kind zu haben – das war damals schon etwas Besonderes.

1978 zogen wir nach Moskau. Ich begann, Regie an der Boris‐Shchukin‐Theaterhochschule zu studieren. Das war und ist auch heute noch eine gute Adresse. Im Anschluss arbeitete ich unter anderem an einem musikalischen Theater, mit dem ich erstmals nach Deutschland kam. Wir reisten für ein inoffizielles Gastspiel nach Stuttgart, München und an irgendeinen Ort am Bodensee. Diese Aufenthalte sollten später wegweisend für mich sein.

ausreise Anfang der 90er‐Jahre kam das Thema Ausreise in unserer Familie auf. Völlig naiv sagte ich: »Lasst uns nach Deutschland gehen.« Es gab damals diese einmalige Möglichkeit für die sowjetischen Juden. Ich schrieb in den Antrag »Stuttgart oder München«. Das waren die einzigen Städte, die ich kannte.
Somit kamen wir – meine russische Frau, unser Sohn und später auch meine Mutter – in Esslingen am Neckar an, eine Stadt südöstlich von Stuttgart gelegen. Von dort aus ging es in ein Sammellager nach Rheinfelden. Wir lebten mit anderen jüdischen Immigranten zusammen, mit Russlanddeutschen und Asylbewerbern aus Algerien, die sich häufig stritten. Hin und wieder musste sogar die Polizei gerufen werden.

Ich hatte die Idee, im Theater zu arbeiten. Aber das ist mir nicht gelungen. Stattdessen ging ich zum Arbeitsamt, wo man mir, nachdem ich den Deutsch‐Sprachkurs erfolgreich beendet hatte, eine Fortbildung zum Kulturmanager in Regensburg in Bayern vermittelte.

Ich blieb allerdings nicht lange dort. Es folgte ein Praktikum in einer Veranstaltungsagentur in München. Und dann ging es weiter nach Berlin. Dort wurde mir eine ABM‐Stelle angeboten, die ich ohne zu zögern annahm. Ich arbeitete in einem Verein, der Fortbildungen für professionelle Schauspieler organisierte. Dass sich Profis immer weiter und weiter fortbilden wollen – das war neu für mich. Ich kümmerte mich dort unter anderem um die Buchhaltung und war sogar eine Zeit lang Geschäftsführer.

RBB So kam ich zum Radiojournalismus, arbeitete beim Sender Freies Berlin, dem damaligen SFB, der heute Rundfunk Berlin‐Brandenburg (RBB) heißt. Später kam die Deutsche Welle als Auftraggeber hinzu. Von 2003 bis 2007 hatte ich eine sehr intensive journalistische Phase. Ich machte mich damit sogar selbstständig.

Ich bin auf dem deutschen Arbeitsmarkt nie richtig angekommen. Deshalb bekomme ich heute eine niedrige Rente und bin zwangsläufig auf die Grundsicherung angewiesen. Der jüngeren Generation ergeht es anders, die ist erfolgreich. Das ist toll.
Die Entscheidung, auszuwandern, habe ich aber nie bereut. Meine Frau und ich haben uns ausschließlich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, obwohl wir die russische auch hätten behalten können.

Ich fühle mich hier in Deutschland als Jude wohl. Das war in der Sowjetunion anders. Den latenten, unterschwelligen, staatlich verordneten Antisemitismus habe auch ich kennengelernt, nicht zuletzt, als ich mich für ein Opernregie‐Studium bewarb. Der Professor sagte mir ganz unverblümt: »Ich kann dich leider nicht aufnehmen, denn ich habe nur Platz für einen Juden.« Das war wirklich unangenehm.

Leider ändert sich nun auch in Deutschland die Stimmung. Es gab zwei – aus meiner Sicht – grobe antisemitische Attacken auf den designierten Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, in der Presse, einmal in einem Beitrag des NDR und einmal in der Tageszeitung »Die Welt«. Beides sorgte in der Öffentlichkeit für viel Diskussion und Kritik – das ist ja das Schöne an Deutschland, dass hier diskutiert wird. Dennoch wurden diese Artikel publiziert. Und eben das stimmt mich nachdenklich.

Literatur Spannend ist, dass ich in Deutschland die russische Literatur noch einmal ganz neu entdeckt habe. Erst hier habe ich zum Beispiel Friedrich Gorenstein richtig kennen‐ und schätzen gelernt. Sein Name war mir zwar schon immer ein Begriff, nicht aber sein literarisches Können. Er wurde zu meiner Nummer eins. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass er mein Leben bereichert hat.

Gorenstein ist ein russisch‐jüdischer Schriftsteller, geboren 1932. Wer die Filme von Andrei Tarkowski kennt, der hat seinen Namen vielleicht schon einmal gehört. Gorenstein schrieb zum Beispiel das Drehbuch von Solaris. Eine breite öffentliche Anerkennung erlangte er in der Sowjetunion allerdings nie. 1980 immigrierte er nach Deutschland.

Ich lernte Gorenstein in Berlin persönlich kennen. Wir waren keine Freunde, aber sehr gute Bekannte. Heute verwalte ich sein literarisches Erbe. Ich bin zu einem richtigen Gorenstein‐Experten geworden. 2015 kam mein Dokumentarfilm über ihn heraus.

Veröffentlichung Ich sorge dafür, dass seine Werke weltweit und auch in Russland veröffentlicht werden. Seit 2011 sind dort zehn Bücher verlegt worden, zwei weitere kommen demnächst heraus. Das ist auf der einen Seite ein Erfolg.

Auf der anderen Seite frage ich mich aber, warum die russischen Verlage noch nie von selbst auf mich zugekommen sind. Darauf gibt es nur zwei Antworten: erstens, weil Gorensteins Literatur keine einfache ist; zweitens, weil er nun einmal Jude war. Er hätte auch unter einem Pseudonym schreiben und damit seine Herkunft verstecken können – doch das wollte er nie. Er wollte als Jude anerkannt werden.

Ich habe – noch zu seinen Lebzeiten – sein Stück Berdichev als szenische Lesung auf die Bühne gebracht. Ihm hat das sehr gefallen. Das war Ende der 90er‐Jahre. Nach seinem Tod im Jahr 2002 habe ich zum Andenken an ihn seine Erzählung Champagner mit Galle inszeniert.

Lebensaufgabe Die Inszenierung war ein voller Erfolg. Unser Programm war Teil der Jüdischen Kulturtage in Berlin. Mit einer zweiten Fassung reisten wir nach Moskau und Tscheljabinsk am Ural. 2004 tourten wir damit durch die jüdischen Gemeinden in München, Freiburg, Erfurt, Osnabrück und Hamburg. Das Publikum – größtenteils russischsprachig – war jedes Mal sehr angetan vom Stück.

Ich arbeite heute noch ab und zu als Journalist, und ich habe auch noch einige Dokumentarfilm‐Ideen. Doch mein Hauptanliegen ist, Friedrich Gorensteins Literatur zu vermitteln. Diese zu verbreiten – das ist zu meiner Lebensaufgabe geworden.

Aufgezeichnet von Maria Ugoljew

Porträt der Woche

Dem Theater verschrieben

Brian Kapell ist Schauspieler und leitet eine englischsprachige Comedy-Bühne

von Urs Kind  22.01.2019

Obermayer Awards

Ehrung für deutsche Heimatforscher

In Berlin wurden sechs Projekte mit jüdischem Geschichtspreis ausgezeichnet

von Christine Schmitt  22.01.2019

#WeRemember

Zehn Buchstaben, eine Botschaft

Mit einer großen Social-Media-Kampagne erinnert der Jüdische Weltkongress an die Opfer der Schoa

von Katrin Richter  21.01.2019