Roman

Mandelbaums Kopfkino

Der Roman schildert auch die Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft. Foto: PR

Roman

Mandelbaums Kopfkino

Marian Offmans Debüt ist ein Sittengemälde der alten Bundesrepublik

von Heide Sobotka  25.08.2022 10:41 Uhr

Felix Manlelbaum sitzt in Untersuchungshaft. Er soll den bekannten Neonazi Adolf Hintermoser mit seiner Kamera so schwer verletzt haben, dass dieser im Koma liegt.In dieser Nacht im Gefängnis schläft Mandelbaum nicht, und in seinem Kopf zieht das Leben des 70-Jährigen an ihm vorbei. Geburt in München, Auswanderung und Kinderjahre in Kanada, schließlich die Rückkehr ins Deutschland der 50er- und 60er-Jahre mit all den Altnazis an wichtigen Schaltstellen der deutschen Bürokratie und Justiz.

Schulzeit Ihn quälen die zermürbende Ungewissheit, die Widersinnigkeit, dass ein deutscher Jude einen Neonazi vorsätzlich erschlagen haben soll, Wut und Verzweiflung machen sich in Mandelbaum breit. Die biografische Erzählung hat dabei für den Protagonisten fast etwas Beruhigendes – auch wenn die Erinnerungen alles andere als schön sind. Er erzählt von seiner Schulzeit, häufigen Ortswechseln aufgrund familiärer Trennungen und Neuformierungen, Erlebnissen als einziger jüdischer Schüler seiner Klasse. Von dem Wunsch nach Gemeinsamkeit in einer jüdischen Umgebung, der Hinwendung zur Gemeinde, zur Religion.

Ungeschönt beschreibt er das verwirrende Leben in einer Patchworkfamilie, neue Bindungen der Eltern. Eine Familie, die es aber dennoch versteht, zusammenzuhalten. Er erzählt von Kindheit und Jugend, eigener Familiengründung, Erfolgen und Misserfolgen in Schule und Beruf Und er beschreibt seine politischen Ambitionen und Hoffnungen auf Bedeutung und Anerkennung im politischen Stadtleben Münchens. Immer wieder gesteht Mandelbaum auch seinen politischen Opportunismus, um die jüdische Sache, wie er sie sieht, voranbringen zu können. Bewusst lässt er sich vor den Karren spannen und tritt einer konservativen Partei bei, die ihm nicht sozial genug ist und Mitglieder in ihren Reihen hat, die antisemitische Sprüche tolerieren.

Eckdaten An zeitgeschichtlichen Eckdaten orientiert – wie den großen Neonazi-Aufzügen in München, dem Brandanschlag auf das jüdische Elternheim, dem Kampf um ein neues Gemeindezentrum, dem versuchten Anschlag bei dessen Grundsteinlegung und der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums – entspinnt sich auch ein Sittengemälde einer Bundesrepublik, die ihre rechten Triebe nie unter Kontrolle bringt, was letztendlich zu rechtsradikalen Anschlägen wie denen des NSU, Gewalt gegen Flüchtlinge und den Pegida-Demonstrationen führte.

Mandelbaum ist durchaus selbstkritisch in seinem Streben um Anerkennung, die er halb vergebens, halb tatsächlich in Politik und Gemeinde findet. Wie die Geschichte ausgeht, erfährt der Leser nicht. Nach der durchwachten Nacht, einer notdürftigen Morgentoilette und frischer Kleidung, die ihm seine Frau in die Zelle bringen lässt, soll Mandelbaum am nächsten Morgen dem Haftrichter vorgeführt werden.

Challenge Der Roman schildert auch die Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft. Marian Offman, von 2002 bis 2020 jüdischer Stadtrat in München, bezeichnet seine Geschichte als Roman. Es ist eine fiktive Erzählung, die immer wieder auf zeitgeschichtliche Fakten zurückgreift, auch wenn Namen und Geschlecht wichtiger Persönlichkeiten verändert wurden. Kurze, konkrete Sätze und Sachverhalte entwerfen eine bekannte, nachvollziehbare Chronologie des Nachkriegsdeutschlands. Rechtsterrorismus, Antisemitismus, das Gezerre um Anerkennung von Renten für jüdische Zuwanderer? Wer da noch Nachhilfe im Verständnis braucht, sollte dieses Buch lesen.

Marian Offman: »Mandelbaum«. Volk Verlag, München 2022, 320 S., 25 €

Jewrovision

»Wir eröffnen die ganze Sache …«

Unsere Autorin war bei den Proben des »Juze Emet Nürnberg. Am Echad Bayern« dabei. Nur über den Auftritt darf sie noch nichts verraten

von Katrin Diehl  11.05.2026

Porträt der Woche

Berlinerin mit Klartext

Lala Süsskind ist wie die Jüdische Allgemeine Jahrgang 1946. Sie war Gemeindechefin, WIZO-Präsidentin – und engagiert sich weiterhin

von Christine Schmitt  11.05.2026

Zentrum

Jüdische Präsenz

Mit der neuen Hauptsynagoge »Ohel Jakob« ist die jüdische Gemeinde ins Herz der Stadt zurückgekehrt

von Luis Gruhler  11.05.2026

Berlin

Jüdische Gemeinde übt massive Kritik an Antisemitismus-Papier der Linken

Der Gemeinde-Vorsitzende Gideon Joffe bezeichnet das Konzept der Partei als »feige« und spricht von einem »Feigenblatt«

 11.05.2026

Berlin

Gedenken zum ersten Todestag von Margot Friedländer

Zum ersten Todestag von Margot Friedländer gibt es auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenkveranstaltung. Berlins Regierender Bürgermeister findet emotionale Worte zum Jahrestag

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026