Volkstrauertag

Mahnung und Verantwortung

In stillem Andenken: IKG-Präsidenten Charlotte Knobloch nach der feierlichen Kranzniederlegung Foto: Bayerische Staatskanzlei

Das Gedenken an die jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, ist seit vielen Jahren ein fester Termin im Kalender der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Traditionell lädt die Gemeinde am Volkstrauertag zu einer feierlichen Zeremonie mit Vertretern der Bundeswehr ein.

In diesem Jahr freilich mussten die Ansprachen auch Bezug auf ein tagesaktuelles Thema nehmen, von dem man gehofft hatte, dass es den Tag nicht prägen würde: Die Rede ist vom Judenhass, der, wie Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Kultusgemeinde, am Sonntag auf dem Neuen Israelitischen Friedhof sagte, »mit Wucht und Gewalt auch auf unsere Straßen zurückgekehrt ist«.

Vor einem Jahr noch habe sie eben dort zwischen Aussegnungshalle und Kriegerdenkmal gesagt, die jüdische Gemeinde könne nunmehr »den Traum der Vorfahren« wahr machen und als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft des Landes leben. »Jetzt fällt es mir schwer, das so zu formulieren«, lautete ihre Bilanz in diesem Jahr: »Jetzt ist es wieder nur ein Traum.« Der Antisemitismus, ohnehin nie ganz verschwunden, habe in Deutschland wieder »spürbar zugenommen«. Und doch wolle sie sich »den Glauben nicht nehmen lassen« – den Glauben an die Demokratie, an »die Kraft von uns allen«.

Ereignisse des 7. Oktober in Israel

An diesem Nachmittag gab es keine Rede, in der nicht auf die schrecklichen Ereignisse des 7. Oktober in Israel eingegangen worden wäre. Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU), der in Vertretung von Ministerpräsident Markus Söder anwesend war, nannte den Terrorangriff der Hamas »menschenverachtend« und »durch nichts zu rechtfertigen«, und er stellte klar: »Wer die Existenz des Staates Israel infrage stellt, wird bei uns keine Heimat finden.«

CSU-Stadtrat Michael Dzeba als Repräsentant der Landeshauptstadt München betonte ebenfalls: »Israel muss und darf sich verteidigen, und die freie Welt muss Israel unterstützen.« Brigadegeneral Thomas Hambach, dessen Hauptaufgaben in der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit liegen und der unter anderem auch Hilfseinsätze der Bundeswehr koordiniert, bekannte, dass er sich für den Antisemitismus in Deutschland schäme.

Judenfeindliche Übergriffe, so der Kommandeur des Landeskommandos Bayern, machten ihn »fassungslos und wütend«. Zwar seien Judenhasser im Land eine Minderheit, aber sie sind »eine extrem laute Minderheit, und es ist an uns, lauter zu werden«. Während dieser Ansprachen lagen zwölf Kränze bereit, die anschließend an den Gedenksteinen mit den Namen der Gefallenen platziert wurden. Eine Ehrenformation der Bundeswehr hatte sich längs des Platzes positioniert.

Die IKG-Präsidentin stellte das Wörtchen »wieder« ins Zentrum ihrer Ausführungen. »Wieder« sei das Schlüsselwort, das den Zusammenhang herstelle zwischen den Gefallenen von einst und dem »fürchterlichen Pogrom der Hamas«, begangen aus »blindem Judenhass«.

»Die Bereitschaft, dem Vaterland zu dienen, wurde verleugnet.«

Charlotte Knobloch

Rund 100.000 jüdische Soldaten seien bereit gewesen, im Ersten Weltkrieg »aus Vaterlandsliebe höchste Opfer zu bringen«. 12.000 von ihnen bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben. Und die, die zurückkamen, »waren nicht mehr dieselben«, so wie auch die »Welt von gestern«, aus der sie in den Krieg aufgebrochen waren, nach 1918 nicht mehr existierte. Die Hoffnung, durch Mut im Krieg auch gesellschaftliche Gleichstellung zu erkämpfen, erfüllte sich indes nicht. »Die Bereitschaft, dem Vaterland zu dienen, wurde nicht honoriert, sondern verleugnet«, sagte Charlotte Knobloch.

Der Aufbruch in die Moderne sei trügerisch gewesen, so Knobloch weiter, zumal gleichzeitig der »Aufstieg der völkischen Feinde« begann. Auch ihr eigener Vater habe im Krieg gekämpft, auch er wurde mit einer Tapferkeitsmedaille geehrt, auch in seinem Fall war all das wenig später schon nichts mehr wert. »Wie er, der Weltkriegs-Veteran, unter den Nationalsozialisten zum rechtlosen Ausgestoßenen wurde, gehört zu meinen bittersten Kindheits­erinnerungen.«

10.000 jüdische Soldaten dienten im bayerischen Heer

Dass die Nazis alles getan hätten, um die Erinnerung an den Heldenmut der jüdischen Soldaten auszulöschen, darauf gingen auch Staatsminister Herrmann und Stadtrat Dzeba in ihren Beiträgen ein. Herrmann verwies darauf, dass die Namen der jüdischen Gefallenen nach 1933 systematisch aus den entsprechenden Listen getilgt worden waren. 10.000 jüdische Soldaten hätten im bayerischen Heer gedient, 1500 kamen aus München, und 180 Gefallene verzeichnete allein die jüdische Gemeinde in der Stadt. Wenigstens posthum wolle man ihnen allen »die Ehre erweisen, die sie verdienen«.

Michael Dzeba berichtete von einer Erzählung seines Großvaters über den allerersten Soldaten, der im Ersten Weltkrieg starb. »Er kam aus Galizien, er war Jude.« Die Nationalsozialisten hätten den Juden auch die »Heldenhaftigkeit und ihre Loyalität geraubt«. Von seinem Großvater wisse er: »Uns geht es nicht gut, wenn jüdisches Leben bedroht ist.« Der Antisemitismus, so der Stadtrat, sei der »Lackmustest unserer Gesellschaft«.

Ehe Rabbiner Shmuel Aharon Brodman das Trauergebet El Male Rachamim vortrug, betonte schließlich Brigadegeneral Hambach, es sei von zentraler Bedeutung, das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren und sich zu fragen: Was kann ich selbst tun? »Ein friedliches Miteinander ist keine Selbstverständlichkeit.« Er schloss programmatisch mit einem Zitat der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, die erst kürzlich ihren 102. Geburtstag gefeiert hat: »Wir sind doch alle Menschen.«

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