Berlin

Liebe, Sorgen, Feiern

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Ein Kinder- und Jugendbuch möchte jüdisches Leben vorstellen und es auch Nichtjuden nahebringen

von Christine Schmitt  18.01.2023 10:12 Uhr

Schon das Titelbild verspricht eine packende Story. Der Alex und die Synagoge Oranienburger Straße mit der goldenen Kuppel sind im Hintergrund. Vor ihnen hält Yoram Ausschau, während Merle über ein neues Motiv für ein Tattoo sinniert. Davor schreitet eine schwarze Katze. Die Illustrationen sind toll und einladend, und jede der 57 Seiten hat ein eigenes Layout. Dafür hat der Illustrator Florian Schmeling eine glückliche Hand und ein gutes Gespür.

Genauso vielfältig ist auch die Geschichte, die Kinderbuchautorin Eva Lezzi in L’chaim, Merle! erzählt. Im Mittelpunkt steht das vielfältige jüdische Leben, das mithilfe von mehreren Protagonisten zwischen fünf und 90 Jahren aufgezeigt wird. Herausgeber ist die Berliner Landeszentrale für politische Bildung, die damit Kindern und Jugendlichen genau das nahebringen möchte.

Biografien Bis alle Akteure am Schluss zusammenkommen und die Geschichte sich zuspitzt, werden auf vielen Seiten mehrere Biografien vorgestellt. Da ist zum Beispiel Merle, die einen jüdischen Urgroßvater hat, sich vom Judentum angezogen fühlt und ihrem Job in einem Tattoo-Studio nachgeht. Sie feiert auf den ersten Seiten ihren 20. Geburtstag in einem Klub, wo sie auf Yoram trifft, der an einer Kette ein Chai trägt – die hebräischen Buchstaben gelten als Symbol für jüdisches Leben. Yoram stammt aus Israel und ist von Merle sehr angetan.

Dann gibt es den ersten Szenenwechsel, und plötzlich ist der Leser im Krieg in der Ukraine. Zumindest glaubt er das: Die elfjährige Natalia, die aus Kiew stammt, hat einen Albtraum, in dem Bomben in ihrer Nähe einschlagen. Sie ist nach Berlin geflohen, leidet unter Heimweh und wünscht sich, ihren Vater wiederzusehen.

Auf den nächsten Seiten spaziert der Schoa-Überlebende Leo durch den Park. Er hat die Kriegszeit versteckt überlebt und trifft sich nun als Witwer oft mit einem ehemaligen Mitglied der Hitlerjugend, dem Witwer Peter, auf einer Bank. Auch die Zeit nach 1945 war schrecklich für Leo, denn seine Mutter war ermordet worden, und seine Verwandten kehrten ebenfalls nicht aus den Lagern zurück.

Auch der junge Yoram hat eine deutsche Familiengeschichte, denn seine Uroma wurde in Berlin geboren und emigrierte vor der Machtergreifung der Nazis. Yoram engagiert sich im Jugendzentrum. Die Katze rettet schließlich den kleinen orthodoxen Jungen Simon vor einem antisemitischen Angriff vor der sefardischen Synagoge, indem sie den Angreifer anspringt. Ein paar Monate später treffen sich fast alle Protagonisten in der Synagoge.

Themen Obwohl viele Themen nur angerissen werden, bleibt die Handlung übersichtlich, und der Leser fiebert mit, ob sich Merle und Yoram wiederfinden und ob sich Natalia weiter mit dem russischen Freund verabreden darf, dessen Eltern als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus Russland nach Berlin kamen. »Die Geschichten und alle Personen in diesem Büchlein sind fiktiv, wenn auch inspiriert von der Wirklichkeit, die uns täglich umgibt«, so Lezzi.

Der russische Angriffskrieg habe sie in den vergangenen Wochen und Monaten sehr beschäftigt. »Ich bin dankbar, dass ich durch die Landeszentrale diese Möglichkeit bekommen habe, für Kinder über die Gegenwart zu schreiben. Auch darüber, was es heißt, flüchten zu müssen.« Dazu kommen noch ein Glossar und Hinweise auf Filme, Links und Literatur.

Seit 2010 publiziert Eva Lezzi Kinder- und Jugendbücher, darunter die Bilderbuchreihe um den jüdischen Jungen Beni, die sie mit der Künstlerin Anna Adam realisiert, die auch das gemeinsame Naturbuch Lilly und Willy (2022) mit Collagen ausgestattet hat. In ihren Jugendromanen Die Jagd nach dem Kidduschbecher (2016) und Kalter Hund (2021) widmet sich Eva Lezzi transkulturellen Erfahrungen auch aus muslimischen und türkisch-deutschen Perspektiven.

»L’chaim, Merle! Jüdisches Leben in Berlin« von Eva Lezzi und Florian Schmeling ist kostenfrei im Besuchszentrum der Berliner Landeszentrale erhältlich.

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