Jahrestagung

Liberale Familie

Joel und seine neuen Freunde aus Unna, Bad Segeberg, Marburg und Norderstedt waren beeindruckt von Sofer Neil Yerman aus New York. Er zeigte ihnen, wie eine Torarolle geschrieben wird und erklärte, wie aufwendig die Herstellung der koscheren Tinte dafür ist. Das war einer der wenigen Momente, in denen sich die Tagung der Erwachsenen der Union progressiver Juden (UpJ) mit der der Kinder überschnitt.

Dass den Kleinen und den etwas Älteren zwischen vier und zwölf Jahren ein eigenes Angebot gemacht wurde, war sicher ein Grund für den großen Zuspruch zum Jahrestreffen der liberalen Juden in Berlin‐Spandau. Etwa 250 Erwachsene waren gekommen, so viele wie noch nie; andere erhielten wegen Überfüllung eine Absage. Allein am Freitag hatten die Eltern rund 30 Workshops zur Auswahl.

Die Kinder versuchten währenddessen, auf dem geräumigen Gelände zu erleben, was es heißt, durch die Wüste zu ziehen. Sie spielten im selbst gebauten Zelt, stellten Schabbatkerzen her, backten Challot oder lösten auf einer Schnitzeljagd Rätselfragen. Sogar die Gottesdienste feierten sie unabhängig von den Eltern. Am Freitagabend führten drei Madrichim mit einem eigenen kleinen Siddur durch den Kabbalat Schabbat. Am Samstag leitete der liberale Münchner Rabbiner Tom Kucera einen Kinder‐Schacharit mit einer kurzen Toralesung, einer Tora‐Prozession und einem Kiddusch mit Traubensaft.

Morning Blues »Das habe ich nun gelernt, dass man am Schabbatmorgen auch dann Schacharit feiern kann, wenn niemand in der Gemeinde die Liturgie so richtig beherrscht«, resümiert Thorsten S. aus Marburg einen Workshop, den Walter Rothschild, der liberale Landesrabbiner von Schleswig‐Holstein, gab. Wenn keiner die Tora auf Hebräisch sicher lesen oder gar leinen kann, solle man es eben auf Deutsch machen. Das sei besser, als die Synagoge geschlossen zu halten. Im Übrigen könne man die Verantwortung für den Gottesdienst auf mehrere Schultern verteilen und gemeinsam nach und nach dazulernen.

Praktische Aspekte eines offenen und zeitgemäßen Religionsunterrichts diskutierten Teilnehmer in zwei Workshops mit der Zürcher Soziologin Sylvia Dym. Sie hatte kürzlich ein Lehrbuch für den jüdischen Unterricht mit Kindern zwischen sechs und acht Jahren publiziert – ein Gemeinschaftsprojekt der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch Zürich und der UpJ. In Spandau stellte sie nun den zweiten Band vor: Rosch Pina Ophir für Kinder bis zehn Jahren. Ein dritter Band für Kinder bis zu 13 Jahren soll im Herbst erscheinen.

Das Programm sei dieses Mal viel stärker auf Themen zugeschnitten gewesen, die für Mitglieder und Gemeinden von praktischer Bedeutung seien, findet Peter S. aus Bad Segeberg. Dazu gehörte offenbar nicht nur, Schabbatlieder zu singen, Niggunim zu komponieren oder israelische Tänze zu versuchen. Wichtig waren dem Segeberger vor allem die beiden Workshops, bei denen der niedersächsische Landesrabbiner Jona Sievers die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) vorstellte. Nach der Satzung der Union seien ihre Gemeinden an Entscheidungen des Beit Din der ARK gebunden. Ohne Beit Din könnten keine Statusfeststellungen, Übertritte und jüdische Scheidungen vollzogen werden. Also sei es wichtig, dessen Kriterien und Verfahrensweisen zu kennen.

Tiefgang Andere hätten es gern noch etwas theologischer und philosophischer gehabt, weil ihnen in ihrer Gemeinde die Gelegenheit zu solchem Tiefgang fehle. In diesem Jahr drehten sich die meisten religiösen Schiurim um die zornig mahnende Prophetenlesung zum Wochenabschnitt Dewarim. Damit setzten sich die Rabbiner Henry G. Brandt, Walter Rothschild und Konstantin Pal auseinander, während Rabbiner Kucera die talmudische Lehre über Teenager mit jüngeren Ergebnissen der Hirnforschung verglich und Yurij Kadnykov über Liebe und Sexualität anhand ausgewählter Beispiele aus der Hebräischen Bibel sprach.

»Wir haben viel erreicht in den letzten Jahren«, freute sich die Vorsitzende der UpJ, Sonja Guentner aus Köln, am Ende der Spandauer Tagung. Das wachsende Interesse daran habe auch damit zu tun, dass der Kontakt zu und zwischen den Mitgliedsgemeinden intensiviert worden sei. Der wichtigste Fortschritt sei, dass ihre Organisation kurz davor stehe, den Vereinsstatus hinter sich zu lassen und als religiöse Organisation Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden.

»Wir verstehen uns als die Stimme des liberalen Judentums in Deutschland«, betonte Guentner. Umgesetzt wurde dieser Anspruch, als sie als Repräsentantin der liberalen Juden den Kooperationsvertrag mit der Universität Potsdam zur Einrichtung des Studienfaches »Jüdische Theologie« unterzeichnete. Vom Wintersemester 2013/14 an werde das Studium für das nichtorthodoxe Rabbinat damit auf eine neue Grundlage gestellt.

KIgA

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