Berlin

Leere am Aaron-Bernstein-Platz

Auf dem neuen Platz an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte stehen nur noch vereinzelt Gerüste, Baumaschinen ziehen ihres Weges, und Pflastersteine werden festgerüttelt im Sand. Fotografiska, das »Contemporary Museum of Photography, Art & Culture«, die »Bakery« und die »Bar Veronika« sind seit vergangenem Jahr in den restaurierten Gebäudekomplex der einstigen alternativen Touristenattraktion Tacheles eingezogen. Das namensgebende Künstlerkollektiv hatte die Ruine einer Anfang des 20. Jahrhunderts gebauten Einkaufspassage zwischen 1990 und 2012 besetzt und mit Studios, Kino, Bar und aufregendem Lärm gefüllt.

Das Treppenhaus stinkt schon lange nicht mehr, und sogar die wilden Graffitis wirken wie geputzt. Hängende Gärten im Durchgang des Quartiers zur Friedrichstraße mag man begutachten wie das antike Weltwunder von Babylon. Hubwagen und Wachleute stehen vor den Gebäuden. Deren Waben, Quader und Rauten, all das Glas, die in Bronze gehaltenen, auf Mieter wartenden Geschäftsräume erinnern an die architektonische Stilrichtung des »Brutalismus« der 50er-Jahre, ein Dreiecksgebäude zur Oranienburger Straße hin gar an das Flatiron Building in New York, während das Kopfsteinpflaster preußische Gepflogenheiten suggeriert. Die Tiefgarage ist bereits in Betrieb.

Streitbarer Zeitgenosse

Und dann staunt man wirklich: In Stein eingelassen auf mindestens drei Metern am Eingang zum neuen Quartier steht zu lesen: Aaron-Bernstein-Platz. Der Namensgeber der nicht unumstrittenen, wenn auch durchaus spektakulären Meile im Herzen Berlins ist also ein Reformer. Geboren am 6. April 1812 in Danzig und gestorben am 12. Februar 1884 in Berlin. Ein streitbarer Zeitgenosse, heute nicht mehr allzu bekannt, und just zu dieser kapitalschweren Bebauungsmaßnahme gewissermaßen aus dem Nichts hervorgezaubert, denn auch seine Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee existiert nicht mehr.

Auf dem Aaron-Bernstein-Platz herrscht beschauliches Treiben, wenn es auch für so etwas wie ein langes Quartiersgefühl noch viel zu früh ist. Es fehlt an Cafés, Restaurants, Geschäften. Allein der Supermarkt unterscheidet sich nicht vom Rest der Stadt: »Wir suchen dich, werde Teil unseres Teams Backshop.« Über Stühle in der Frühjahrssonne verfügen bisher nur die ersten Mitarbeiter der »Dry Gin & Beef«-Restauration. Auch das ein Signal: 500 edle Wacholderschnapssorten und gehobene Fleischkultur sind nicht für jedermann erschwinglich.

Er war Wissenschaftler, Journalist und einer der Begründer der jüdischen Reformgemeinde.

Ein Gefühl für Unverhältnismäßigkeit mag auch Aaron Bernstein umgetrieben haben. Mit gerade einmal 20 Jahren kam er nach Berlin, studierte Naturwissenschaften und hielt sich mit dem Verkauf antiquarischer Bücher über Wasser. In der Märzrevolution 1848 tat er sich als demokratischer Kämpfer hervor und gründete ein Jahr später die »Uhrwähler-Zeitung«. Darin forderte er unter dem Pseudonym A. Rebenstein politische Reformen, was ihm einen viermonatigen Gefängnisaufenthalt einbrachte.

Bei der liberalen »Volkszeitung« und als Redakteur der Monatszeitschrift »Reform-Zeitung« wirkte er 30 Jahre lang als Leitartikler. Er veröffentlichte zwei Novellen, deren Inhalt sich um das jüdische Leben in deutschen Kleinstädten rankte. Bernsteins Fokus und wohl auch Herz lagen allerdings bei den Naturwissenschaften. Er publizierte 21 Bände der »Naturwissenschaftlichen Volksbücher«, die Bestseller ihrer Zeit waren. Er beschäftigte sich mit Raum, Zeit und Lichtgeschwindigkeit. Das beeinflusste sogar Albert Einstein. Einer Neuauflage 1923 stellte der Vater der Relativitätstheorie ein Geleitwort voran. Bernstein experimentierte außerdem in den Bereichen Fotografie und Telegrafie. Und der Journalist und Wissenschaftler war einer der Begründer der jüdischen Reformgemeinde.

Und hier kommt die Erklärung für den neuen Namen des Tacheles: Genau auf diesem Areal zur Johannisstraße hin wurde 1854 nach Plänen des Architekten Gustav Stier die Synagoge der Jüdischen Reformgemeinde gebaut und eingeweiht, deren Gottesdienste – revolutionärerweise – auch am Sonntag stattfanden. Man verzichtete weitgehend auf das Hebräische sowie eine getrennte Sitzordnung oder Kopfbedeckungen.

Ersatz für die geschlossene Große Synagoge in der Oranienburger Straße

In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge von SA-Leuten verwüstet, danach wiederhergestellt und diente zwischen 1940 und 1942 als Ersatz für die geschlossene Große Synagoge in der Oranienburger Straße. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schließlich zerstört. Bis zur Tacheles-Bebauungsmaßnahme hatte ein Parkplatz den Synagogengrund versiegelt.

Das neue, in jeder Hinsicht glatt polierte Quartier ist alles, nur kein Ort der Erinnerung.

Eine öffentliche Sitzgelegenheit bietet derzeit eine Bank im Durchgang zum Supermarkt. Darauf haben sich Steve und seine Truppe Klempner aus der Slowakei zur Mittagspause niedergelassen. »Wir sind nur vier Wochen hier, nächsten Freitag geht es wieder heim.« Steve mag die Architektur. »Tolle Gebäude, großartige Arbeit«, schwärmt er. Aber er habe keine Ahnung von der Geschichte des Ortes. »Was, hier stand mal eine Synagoge?«

An anderer Stelle ist der Durchgang noch von Security bevölkert. Sie bewacht weiterhin das geschäftige Bauen und Bohren. Das neue, in jeder Hinsicht glatt polierte Quartier ist alles, nur keine Reminiszenz an die Geschichte des Jüdischen Kulturbundes, der sich hier 1933 als Reaktion auf die Entlassung jüdischer Künstler gegründet hatte. Auch nicht an das Künstlerkollektiv Tacheles und die Subkultur der Neunziger, die das Areal überhaupt erst so bekannt und wertvoll gemacht haben. Die Karawane ist längst abgefunden und weitergezogen.

Begehbare Meisterwerke preziösen Scheins

Rund 50 Bäumchen und hübsch verspiegelte Rundskulpturen zieren den öffentlichen Teil des Platzes. Die privaten Foyers der Gebäude sind begehbare Meisterwerke preziösen Scheins. Die erschwinglichste Miete liegt bei 3130 Euro kalt für 94 Quadratmeter, der bisherige Top-Verkauf eines Penthouse von 250 Quadratmetern laut Presseberichten bei rund zehn Millionen Euro. Hier wird sicherlich nie wieder ein Rave stattfinden. Wohl aber ein Konzert der Berliner Symphoniker.

Christoph Willibald Gluck, Ouvertüre »Iphigenie in Aulis«, Ernest Bloch, »Concerto Grosso«, Erich Wolfgang Korngold aus der Orchestersuite »Viel Lärm um nichts«. In »Erinnerung an jüdisches Leben« lud das Ensemble im Juli vergangenen Jahres zur »Klingenden Geschichtsstunde« auf Bernsteins Platz.

»Wir freuen uns, mit dem Aaron-Bernstein-Platz nicht nur einen weiteren Platz im neuen Stadt-Quartier Am Tacheles zu eröffnen, sondern auch einen wichtigen Abschnitt innerhalb dieses spannenden Projekts fertigstellen zu können«, wird Sebastian Klatt, Geschäftsführer der pwr development, auf der Website des selbst ernannten »Stadtquartiers« mit dem üblichen Wortgebimmel für Besucher, potenzielle Mieter und Gewerbetreibende zitiert.

Es war offensichtlich, neudeutsch gesagt, ein »smarter move«, dem Platz einen jüdischen Namen und damit eine jüdische Identität zu verleihen, gleichzeitig an seine auch jüdische Geschichte zu erinnern. Verkauft sich gut, könnte man sagen. Das Projekt und seine unmittelbare Realität bleiben trotzdem umstritten.

Ein jüdischer Reformer war hier, er wurde gehört, sein Name in Stein gelassen. Nicht mehr – und auch nicht weniger. Was hätte Aaron Bernstein wohl dazu gesagt?

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