Amcha

Leben nach dem Überleben

Auf dem Podium: Martin Auerbach, Giselle Cycowicz, Moderator Daniel Friedrich Sturm, Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen) und David Becker (v.l.) Foto: Gregor Zielke

Etwa 193.000 Überlebende des Holocaust leben noch in Israel – Menschen, die nicht selten bis heute an den Traumata des Erlebten leiden. Daran erinnerte am 1. Oktober eine Podiumsdiskussion im Jüdischen Museum Berlin aus Anlass des 25-jährigen Bestehens von Amcha in Deutschland.

Schwere Depressionen, Angstzustände und Verzweiflung sind psychische Probleme, die oft erst im Alter auftreten. »Direkt nach der Befreiung ging es für viele erst einmal um das Überleben nach dem Überleben: darum, einen sicheren Lebensort zu finden, eine Familie zu gründen, Bildung nachzuholen«, führt der Psychiater und Psychotherapeut Martin Auerbach aus. Der Mediziner ist klinischer Direktor bei Amcha, der Hilfsorganisation von Überlebenden für Überlebende und deren Nachkommen.

Therapie 1987 wurde Amcha gegründet, um eine große Lücke zu schließen: Bis dahin gab es kaum psychotherapeutische Angebote in Israel. Mittlerweile betreibt Amcha (»Dein Volk«) 14 psychotherapeutische Zentren im Land und bietet Sozialklubs für ältere Menschen, die auch zu Hause besucht werden, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, in die Treffpunkte zu kommen. Allein im vergangenen Jahr wurden so 17.812 Menschen betreut; das Durchschnittsalter liegt bei 84 Jahren.

»Als wir mit Amcha anfingen, wussten wir nichts über die Behandlung von alten Menschen«, erklärt die Psychotherapeutin Giselle Cycowicz, die selbst die Schoa überlebte. »Wir haben uns auf unser Herz verlassen und von den älteren Menschen gelernt.« Bei der Podiumsdiskussion berichtet sie von der Zeit nach Auschwitz. »Nach der Befreiung fielen viele von uns über Jahre in eine Depression: Wir hatten keine Träume, keinen Boden unter den Füßen.« Erst ihr Studium der Psychologie habe das Trauma verdrängt.

Aufarbeitung Für den Psychologie-Professor und Trauma-Experten David Becker sind Cycowiczs Erzählungen exemplarisch: »Ein zentraler Punkt für die Arbeit mit Überlebenden ist, dass diese von der Passivität in die Aktivität kommen müssen.« Zudem sei wichtig, anzuerkennen, dass das Trauma nicht ende, wenn die unmittelbare Gewalt vorbei sei. Vielmehr wirkten die Traumata bis heute – entsprechend sei ihre Aufarbeitung eine Gegenwartsfrage. Martin Auerbach ergänzt: »Solange es Menschen gibt, die jemanden brauchen, der aktiv zuhört und nicht weghört, so lange ist Amcha nötig.«

Informationen unter www.amcha.de oder bei Facebook unter www.facebook.de/amcha.deutschland.

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