Film

Leben nach dem 7. Oktober: Die große Enttäuschung

Arye Sharuz Shalicar, Hanna Veiler und Igor Levit (v.l.) kommen in der Doku zu Wort. Foto: rbb/Polly Härle

Die Reaktionen können recht unterschiedlich ausfallen, wie die aktuelle TV-Dokumentation Judenhass: Unser Leben nach dem 7. Oktober zeigt. Sie belegen, auf welche Weise die Ereignisse dieses Tages auch das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland durcheinandergewirbelt haben. Und viele befürchten, dass das alles keine temporäre Erscheinung bleibt und noch steigerungsfähig ist.

Manche empfinden ohnmächtige Wut, große Niedergeschlagenheit oder einfach nur blanke Fassungslosigkeit darüber, was alles nach dem Überfall der Hamas im fernen Israel auch in Deutschland plötzlich möglich wurde und wie indifferent die Mehrheit der Gesellschaft hierzulande auf den Tsunami antisemitischer Gewalttaten reagiert, mit dem viele von ihnen seither konfrontiert sind.

»Selbst im engsten Freundeskreis gibt es manchmal keine Sensibilität dafür, was Jüdinnen und Juden gerade durchmachen müssen«, lautet das ernüchternde Fazit von Hanna Veiler, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Da ist zum einen die direkte Konfrontation auf dem Uni-Campus mit linksradikalen und propalästinensischen Gruppen, die Slogans wie »Yalla Intifada, von Dahlem bis nach Gaza« brüllen, also explizite Aufrufe zu Gewalt gegen Jüdinnen und Juden.

Ein Uber oder eine Pizza unter seinem richtigen Namen bestellen

Dann sind da noch die Auswirkungen selbst bei den kleinen Dingen im Alltag, wie die TV-Doku eindrucksvoll zeigt. Beispielsweise traut man sich nicht mehr unter seinem richtigen Namen ein Uber oder eine Pizza zu bestellen. »Als junge Person möchte man sich doch gern mit anderen Dingen beschäftigen als mit der Frage, wie sehr die Welt einen hasst«, bringt Veiler die Stimmung nicht nur vieler Gleichaltriger auf den Punkt.

Andere dagegen nehmen das alles fast schon mit einem Achselzucken zur Kenntnis. So wie Ivar Buterfas-Frankenthal. »Seit 2000 Jahren werden die Juden verfolgt«, sagt er. Der 91-Jährige hat die Schoa überlebt und ist es seit Langem gewohnt, von Neonazis bedroht zu werden. Es gab also immer schon gute Gründe, warum er sein Haus mit viel Sicherheits-Hightech in eine »Festung« ausbauen musste. »Aber die Angst ist jetzt größer geworden«, betont Buterfas-Frankenthal und verweist auf den Jubel, den die Massaker bei Muslimen im Berliner Bezirk Neukölln auslösten.

Auch für den bekannten Pianisten Igor Levit ist die Welt vor drei Monaten aus den Fugen geraten. Als Jude fühlt er sich von der Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes im Stich gelassen. »Sehr, sehr vieles in mir und vor mir ist zerbrochen«, erklärt der 36-Jährige in Berlin auf einer Solidaritätsveranstaltung für Israel vor der Humboldt-Universität. »Wo sind die Menschen?«, fragt er zu Recht. Denn gekommen sind wieder einmal nur ein paar Dutzend.

Anders dagegen Arye Sharuz Shalicar, in Berlin aufgewachsener Sprecher der israelischen Armee. »Ich habe das Gefühl, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein«, sagt er und erklärt, dass der 7. Oktober für ihn bedeutete, die Uniform wieder aus dem Schrank holen zu müssen. Und obwohl Shalicar als Jude froh ist, in Zeiten wie diesen unter Juden leben zu können, muss auch er – und das ist einer der starken Momente der TV-Doku – zugestehen, sich am Tag des Massakers »hilflos im eigenen Staat« gefühlt zu haben.

Die Doku »Judenhass: Unser Leben nach dem 7. Oktober« ist abrufbar in der ARD-Mediathek.

Verantwortung

Abschied und Neuanfang

David Beck übernimmt als Nachfolger von Andreas Franck das Amt des Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Justiz

von Luis Gruhler  02.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 02.11.2026

Feier

»Ein Zuhause«

Es war ein bewegender Moment: Nach langer Planung öffnete die bundesweit wirkende Jüdische Akademie in Frankfurt ihre Türen. Mit Prominenz, rabbinischem Segen - und eindringlichen Worten gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  02.11.2026

Frankfurt

»Raum geben für Differenzierung«

Zentralratspräsident Josef Schuster skizzierte in seiner Rede zur Eröffnung der Jüdischen Akademie, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen soll. Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut

von Josef Schuster  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Universität

Angst auf dem Campus

Eine Studie zeigt, wie stark jüdische Studierende unter Antisemitismus leiden – und welche Folgen das für ihre psychische Gesundheit hat

von Alicia Rust  01.11.2026

Porträt der Woche

Reihe 9, außen

Diana Sims-Silbermann spielt Cello und ist Theaterärztin. Sie hat immer denselben Platz

von Claudia Irle-Utsch  01.11.2026