Pandemie

Leben im Warteraum

Der Lockdown bedeutet für Adi Talmor »komplette Nullrunden im März und April«. Foto: privat

Pandemie

Leben im Warteraum

Wie Israelis in Deutschland mit den Corona-Einschränkungen umgehen

von Jérôme Lombard  29.04.2020 15:49 Uhr

Wie wird die Welt nach der Corona-Pandemie aussehen? Über diese Frage denkt Adi Talmor derzeit häufig nach. »Ich bin mir sicher, dass das Leben irgendwann wieder so sein wird wie früher«, sagt er. »Aber wann das der Fall ist, kann heute noch niemand sagen.« Talmor stammt aus Rechovot südlich von Tel Aviv. Seit zehn Jahren lebt er mit seiner Freundin und den beiden elf und 14 Jahre alten Kindern im baye­rischen Regensburg.

Er ist der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, sagt der Israeli mit einem Lächeln. Der 48-Jährige arbeitet als selbstständiger Sicherheitsberater für Unternehmen im In- und Ausland. »Als Selbstständiger bin ich es gewohnt, an meinem Schreibtisch von zu Hause aus zu arbeiten«, erzählt Talmor.

Folgen Doch die wirtschaftlichen Folgen der Krise treffen auch ihn mit voller Härte. »Bereits seit Ende Februar habe ich kaum noch Beratungsaufträge. März und April sind komplette Nullrunden für mich«, sagt er. »Wenn die Ausgangsbeschränkungen auch im Sommer anhalten, wird es finanziell eng.«

Adi Talmor ist froh, dass seine Kinder schon größer sind und ihn nicht mehr so sehr brauchen.

Talmor verbringt im Moment viel Zeit mit seinen beiden Kindern in den heimischen vier Wänden. »Zum Glück sind beide schon größer und brauchen mich nicht mehr so sehr«, sagt er.

Außerdem funktioniere das digitale Lernangebot der Schulen gut, erzählt der Vater, sodass die Kinder jeden Tag mit Hausaufgaben beschäftigt sind. Talmors Freundin fährt weiterhin täglich mit dem Auto ins Büro. In ihrer kleinen Firma gibt es keine Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. »Natürlich besteht draußen ein gesundheitliches Risiko, aber wir sind froh, dass wenigstens einer von uns beiden noch Arbeit hat«, sagt der Israeli.

Jogging Er selbst hat sich trotz Pandemie ein wenig Unterwegssein von früher erhalten. Mit Spaziergängen zum Beispiel oder mit Joggingrunden zusammen mit seiner Tochter im Park. »Regensburg ist eine kleine und entspannte Stadt, man kann sich hier gut aus dem Weg gehen.«
Mit seinen Eltern und Freunden in Israel chattet Talmor regelmäßig.

»Die Ausgangsregeln sind in Israel strenger als hier und machen meinem Bruder mit seinen kleinen Kindern zu schaffen.« Dass auch in Deutschland strengere Maßnahmen notwendig sind, um Corona einzudämmen, findet Talmor nicht. Er hat eine Bitte an die Politik: »Ich wünsche mir eine Perspektive raus aus den Beschränkungen.«

Dass nun schon erste vorsichtige Schritte unternommen werden und etwa mittelgroße Geschäfte wieder öffnen dürfen, findet er richtig. »Ich möchte aber auch, dass die Politiker mit ihrer Exit-Strategie aus dem Corona-Lockdown nicht zuerst an die Wirtschaft denken. Die Gesundheit geht vor«, betont er.

Werden die Kontaktsperren zu schnell zurückgenommen, befürchtet Sharon Kotokovsky einen Rückfall und damit wieder eine Zunahme von Infektionen.

Auch Sharon Kotokovsky hofft auf eine weitere Lockerung der Einschränkungen durch die Politik mit Augenmaß. Die 37-jährige gebürtige Jerusalemerin, die mit ihrem zwei Jahre alten Sohn und ihrem deutschen Mann seit 2016 in Potsdam lebt, befürchtet bei einer zu schnellen Aufhebung der Corona-Kontaktsperren einen Rückfall.

Spielplätze »Natürlich ist es schwer, meinem Sohn jeden Tag erklären zu müssen, dass wir nicht auf den Spielplatz gehen können und er nicht in der Kita seine Freunde treffen darf«, sagt sie. »Aber es hilft nichts, wir leben nun einmal in einer weltweiten Pandemie.« Um ihr kleines Kind trotz Spielplatzverbots bei Laune zu halten, geht die Israelin täglich mindestens eine Stunde mit ihm spazieren.

Sie hat momentan viel Zeit. Ihren Beruf als Theaterkünstlerin kann sie nicht ausüben. »Vor der Krise habe ich an einer Performance-Tour zu Stolpersteinen in Potsdam gearbeitet«, erzählt sie. »Eine solche künstlerische Performance kann man nicht am Laptop von zu Hause aus einstudieren.«

Um als Familie die Zeit der Isolation gut zu überstehen, ist es der Mutter wichtig, an Gewohnheiten festzuhalten. »An Pessach haben wir den Seder abgehalten, und an Ostern haben wir selbstverständlich Schokoeier gesucht.«

Ursprünglich wollte die Potsdamer Familie über die Feiertage Kotokovskys Eltern und Verwandte in Israel besuchen. Wegen des Einreiseverbots in Israel war das aber nicht möglich. »Normalerweise sind wir an Pessach immer mit meinen Eltern zusammen«, erzählt die junge Frau.

»Dass es in diesem Jahr wegen Corona nicht ging, hat mich sehr traurig gemacht. Ich habe Heimweh und kann nur hoffen, dass wir die Reise schnellstmöglich nachholen können.«

Perspektiven Ein bisschen mehr Perspektive, wann ein Besuch in Israel wieder möglich sein wird, wünscht sich auch Alon Shir-On aus Wiesbaden. Der Architekt ist in Kfar Saba aufgewachsen. Dort leben auch nach wie vor seine Eltern.

Dass seine Familie nicht gemeinsam mit seinen Eltern Pessach feiern konnte, habe ihm das Herz gebrochen, sagt Alon Shir-On.

Seit drei Jahren sind Shir-On, seine Frau und sein kleiner Sohn in der hessischen Landeshauptstadt zu Hause. »Dass wir in diesem Jahr keinen gemeinsamen Pessach-Seder mit meinen Eltern veranstalten konnten, hat mir das Herz gebrochen«, sagt der 33-Jährige. Für seinen Sohn war es das erste Pessachfest überhaupt. »Und das sollte er mit seiner ganzen Familie in meiner Heimat feiern.«

Aus diesen Plänen wurde nichts. Die Reisedaten wurden durch die Pandemie unmöglich gemacht. Oma und Opa in Israel konnte der Kleine aber trotzdem sehen. »Wir haben unseren Seder per Videochat abgehalten«, sagt der junge Vater. »Das ist zwar nicht das Gleiche wie ein physisches Beisammensein, aber immerhin eine Form, sich gegenüberzusitzen und zu sehen.«

Pessach 2020 werde für die ganze Familie unvergesslich bleiben, da ist sich der Architekt sicher. »Ich danke Gott, dass wir alle gesund sind, und auch dafür, dass ich noch Arbeit habe«, sagt Shir-On. In seinem Architekturbüro im nahe gelegenen Frankfurt herrsche weiter reger Betrieb. Da Bauarbeiten in Deutschland trotz der Corona-Krise immer erlaubt waren, seien auch die Auftragsbücher seiner Firma voll.

Ein paar Unterschiede zu sonst gibt es für Shir-On bei seiner Arbeit aber dennoch. »Statt mit der Bahn fahre ich mit dem Auto. Im Büro sprechen wir grundsätzlich nur per Telefon, die Tische sind weit auseinandergestellt, und die Teeküche ist tabu.« Auch wenn es in diesen Tagen ein Risiko sei, gehe er gerne ins Büro. »So komme ich wenigstens noch ein bisschen vor die Tür.«

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