Göttingen

Leben auf 64 Quadratmetern

Gemeindevorsitzende Jacqueline Jürgenliemk und Finanzvorstand Achim Doerfer sind für ihre Gemeinde da. Foto: Michael Caspar

Bei strahlendem Sonnenschein beging die Jüdische Gemeinde Göttingen am Sonntag mit 200 Gästen den zehnten Jahrestag der Einweihung ihrer Synagoge. Vor zehn Jahren war das 1825 im Weserort Bodenfelde errichtete Gotteshaus – in Einzelteile zerlegt – auf Tiefladern nach Göttingen transportiert worden.

»In der Synagoge feiern wir seither mit zehn bis 50 Gläubigen unsere freitäglichen Gottesdienste«, berichtet Jacqueline Jürgenliemk, die Vorsitzende der Liberalen Gemeinde. Edward van Voolen ergänzt: »Seit 2017 betreue ich die Göttinger als Rabbiner, für die ich in dieser Funktion schon einmal, 2002 bis 2009, tätig war.« Unterstützung erhält er von Rabbinatsstudenten des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, wo er unterrichtet. Jeweils ein Student kommt ein Jahr lang einmal im Monat für ein Wochenende nach Göttingen. Kantor der Gemeinde ist Daniel Kempin aus Frankfurt. Er gab am Abend des Festtags gemeinsam mit Dimitry Reznik ein Klezmerkonzert.

»Die Synagoge nutzen wir auch für Konzerte und Versammlungen«, erklärte Gemeindevorsitzende Jürgenliemk. Das Alltagsleben der Gemeinde mit Sprachkursen in Deutsch und modernem Hebräisch, Vorträgen und interreligiösen Begegnungen finde dagegen im Gemeindehaus statt. Das nutze die Gemeinde seit 2004. Sie habe das ehemalige Pfarrhaus mit dem großen Gartengrundstück von der evangelischen Kirche erworben.

Fachwerksynagoge Als »ganz besonderen Ort« beschrieb Jürgenliemk während der Feier die schlichte, schmucklose Fachwerksynagoge, die einen Grundriss von acht mal acht Metern hat und über eine Empore verfügt. Der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Bodenfelde, Albert Freudenthal, hatte sie 1937 verkaufen müssen. Der neue Eigentümer konnte das Gebäude im Jahr darauf während der Novemberpogrome nur mit Mühe vor einem Trupp SA-Männer schützen, die es niederbrennen wollten. Die repräsentative Göttinger Synagoge, die in der Kaiserzeit erbaut worden war, wurde dagegen damals zerstört. Die Bodenfelder Synagoge diente lange als Scheune. In den 80er-Jahren verfiel sie.

Der Heimatforscher Detlev Herbst stieß bei seinen Recherchen zum jüdischen Leben im Solling auf das Gebäude. Er machte es einer breiten Öffentlichkeit wieder bekannt. Von ihm stammte die Idee, die Synagoge nach Göttingen zu versetzen. Dort war die Gemeinde 1994 nicht zuletzt von den vielen nach der Wende zugezogenen jüdischen Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion wiederbelebt worden. Die Umsetzung des Projekts, die vom 1996 gegründeten Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen finanziell ermöglicht wurde, zog sich jedoch viele Jahre hin.

Jürgenliemk ernannte Herbst am Sonntag im Namen der Gemeinde zum Ehrenmitglied des Beth Shalom (»Haus des Friedens«). Ihm gehören nichtjüdische Ehepartner, Menschen, die sich auf einen Giur vorbereiten, und eben »ganz besondere Menschen« an, erklärte die Vorsitzende. Herbst bedankte sich mit einem silbernen, im weißrussischen Minsk gefertigten Jad für die Lesung aus der Tora.

Ehrenmitglieder
Auch der emeritierte Judaistikprofessor Berndt Schaller, der der Gemeinde eng verbunden ist und viele Jahre lang Führungen über den Friedhof der jüdischen Gemeinde angeboten hat, wurde Ehrenmitglied des Beth Shalom. Die Vorsitzende bedauerte allerdings die Schließung des Friedhofs. Die Außenmauer sei einsturzgefährdet. Grabsteine drohten umzufallen. Die Sanierungskosten könne die – aufgrund des hohen Durchschnittsalters – schrumpfende Gemeinde nicht aufbringen, erklärte der für Finanzen zuständige Vorstand, Achim Doerfer. 140 Mitglieder habe die Gemeinde noch. Vor einigen Jahren seien es 200 Personen gewesen.

Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt, der lutherische Superintendent Friedrich Selter für die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen sowie der Vorsitzende der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinde, Mustafa Keskin, gratulierten der Gemeinde in kurzen Grußworten. Die muslimische und die jüdische Gemeinde sind beide Mitglied des Runden Tischs der Abrahamsreligionen, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstand.

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 20.10.2026 Aktualisiert

Speyer

Nach Drohbrief: Kirchen solidarisch mit Jüdischer Gemeinde

Die beiden großen christlichen Kirchen haben Drohungen gegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer verurteilt. Die Bedrohung jüdischen Lebens sei nicht hinnehmbar

 20.10.2026

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026

Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Mit neun Jahren wird er nach Auschwitz deportiert. Später wird er unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen

 19.10.2026

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026