Initiative

Lasst uns reden

Mehrere junge türkische Berliner verteilen Flugblätter, in denen sie zum Boykott von deutschen Supermarktketten aufrufen. Der Vorwurf: Die Firmen spendeten ihre Gewinne angeblich dem israelischen Militär. Diese Aktion während der israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen im vergangenen Jahr ist in der Broschüre »Handreichung« dokumentiert. Die Publikation des Projektes »amira« dokumentiert türkischen Antisemitismus.

Auch in diesen Tagen werden bei Demonstrationen von Berliner Palästinafreunden antiisraelische und judenfeindliche Parolen gerufen. Der aktuelle Antisemitismus in der Türkei – vermittelt über Zeitung, Fernsehen und Internet – beeinflusst auch die hiesigen türkischen Migranten. Seit Israels Marine sechs Schiffe der »Gaza-Flottille« im Mittelmeer angegriffen und türkische Aktivisten erschossen hat, warnen Experten vor einer Antisemtismuswelle in der Türkei.

Praxistag Das haben auch die Mitarbeiter des Projekts »amira« (»Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus«) erkannt, die am vergangenen Donnerstag zu einem Praxistag unter dem Motto »Das ist hier doch (k)ein Judenclub – Ansätze zur Bearbeitung von Antisemitismus in der offenen Jugendarbeit« ins Nachbarschaftsheim Urbanstraße einluden, zu dem etwa 60 Interessierte kamen.

Im Rahmen des Projekts entwickelt der »Verein für Demokratische Kultur in Berlin« seit September 2007 Angebote zum Umgang mit Antisemitismus unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund für die offene Jugendarbeit, so Mitarbeiter Timo Reinfrank. Dazu zählt auch die Broschüre »Handreichung«, die von »amira« herausgegeben wurde. »Gemeinsam mit Mitarbeitern von Jugendeinrichtungen und von Migranten-Organisationen möchten wir herausfinden, wie das Problem von Antisemitismus erfolgreich diskutiert und bearbeitet werden kann«, sagt Reinfrank.

Mobbing Dazu soll der Praxistag dienen, der Schritt von der Theorie in die Wirklichkeit. Ausprobieren, was bei Jugendlichen ankommt, wie am besten mit dem schweren Thema umgegangen wird. Von jüdischer Seite steuert Itai Boeing, Beter der Synagoge Fraenkelufer und ehemaliger Lehrer, praktische Erfahrungen bei. Er kennt die Arbeit von »amira« seit der Gründung. Beim Praxistag, bei dem an mehreren Tischen in halbstündigen Work-
shops über Themen wie Migration, Religion und Identität diskutiert wird, ist er mit von der Partie. »Wie kann man Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichen«, ist dabei die Frage.

Damit seinen Schülern das Judentum und Israel nähergebracht werden, organisierte der ehemalige Lehrer einer Gesamtschule in Moabit eine Reise nach Israel. Zuerst schien sie erfolgreich zu sein. Zurückgekommen, musste er jedoch beobachten, dass die, die mitgefahren waren, von Mitschülern gemobbt wurden.

»Begegnung ist nicht das Allheilmittel«, sagt Elke Gryglewski von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Ihre Empfehlung: erst ein gemeinsames Projekt auf die Beine stellen und als Ergebnis dann eine Reise unternehmen. Und den Jugendlichen Chancen geben, sich kennenzulernen, ohne gleich das Jüdischsein zum Thema zu machen.

Kiez-Rallye Nach einer Pause wechselt Boeing zum Tisch mit dem Thema Kiez-Rally. Die ist ein Projekt, beim dem Jugendliche zu einer Moschee, Kirche, Synagoge, einem Bioladen und ins Schwule Museum Kreuzberg fahren, um dort ausgewählten Personen Fragen zu stellen. An der Synagoge Fraenkelufer wurden sie von Gabbai Grigorij Kristal empfangen. »Warum steht hier die Polizei?«, wollten die Jugendlichen als erstes von ihm wissen. Das sei ein großes Thema gewesen, sagt Mitarbeiterin Giuseppi Letterie, die die Rallye vorstellt. Es sei für viele das Erste Mal, dass sie sich bewusst mit einem jüdischen Menschen unterhalten – und über die Sicherheitsvorkehrungen nachdachten.

»Man schließt sich zu sehr ab«, meint Boeing. Heute leben so viele junge Juden in Berlin, da sollte man »nicht immer in die Vergangenheit« blicken und sich auf das Holocaust-Thema beschränken. Er geht offensiv mit seinem Judentum um. Ohne Kopfbedeckung verlässt er sein Zuhause nicht. Auch schon als Lehrer hat er sie getragen und bereits damals von Schülerseite viele Anfeindungen erlebt. Aber wenn er mal eine Vertretungsstunde gab und es darin um Israel ging, dann hätten sich die Jugendlichen mit dem Thema beschäftigt. Von diesen Schülern hörte er nie wieder antisemitische Äußerungen.

Facebook »Man muss schon sehr aufpassen«, sagt Elke Gryglewski. Sie habe bei einer Elternversammlung an einem Charlottenburger Gymnasium mitbekommen, dass ein Kind auf Facebook Juden aufs Heftigste beschimpfte. »Alle Erwachsenen gingen davon aus, dass so etwas nur von einem türkischen Mitschüler kommen könne. Tatsächlich war es aber ein deutscher Junge.« Das sei dann eine andere Baustelle.

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