Dokumentation

»Lasst euch nicht einschüchtern«

Appelliert an die Jugend, ihren Visionen zu folgen: Ralph Giordano Foto: Judith König

Zwei Träume seien für ihn in Erfüllung gegangen: der eine, ein Buch zu schreiben und der zweite, dass aus den dort erzählten Erfahrungen ein Preis entstehen würde. Der Schriftsteller und Publizist Ralph Giordano, dessen autobiografisch gefärbter Familienroman »Die Bertinis« Pate für den Preis stand, konnte auch in diesem Jahr zum 14. Mal junge Hamburger für ihre Arbeiten gegen Unrecht, Ausgrenzung oder Gewalt auszeichnen.

Sieben Schulprojekte hatte die Jury ausgewählt. Das Engagement der 14‐ bis 21‐Jährigen ist vielfältig und als Filme, als Collagen, als Dokumentationen unterschiedlich verarbeitet. Doch sie alle vereint, was Giordano in seiner Preisrede als die Basis des Lebens ausmacht: das Streben nach Demokratie.

Die jungen Preisträger forderte der Zeitzeuge des Holocaust auf, sich niemals einschüchtern zu lassen, und ihre Ziele stets zu verfolgen. Dabei stellte er ihnen seine eigenen Träume als nachahmenswerte Muster vor.

Auszüge aus der Rede von Ralph Giordano vom 27. Januar im Ernst‐Deutsch‐Theater Hamburg:

Liebe Schülerinnen und Schüler,
ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen (…) Die Geschichte eines Traums, der sich erfüllte und – in den Sie eingebettet sind.
Geboren wurde dieser Traum in der Nacht vom 5. Auf den 6. Januar 1942. Ich war 18, also so alt wie die Älteren unter Ihnen heute sind. Es war ein Blitz, der das Dunkel zerriss und mich immer wieder ausrufen ließ: »Ich hab’s, endlich hab ich es!« Nämlich: die Idee, ein Buch zu schreiben über das eigene Leben. Und das war, neun Jahre nach Hitlers Machtantritt, für Juden dramatischer, als jede dichterische Phantasie es sich vorstellen konnte.

Ausgrenzung Ich war zehn, als wir Schüler im April 2933 am ersten Tag auf dem Johanneum in »Juden und Nichtjuden« eingeteilt wurden, eine Trennung, die es gestern noch nicht gegeben hatte, der Gongschlag eines neuen Zeitalters. Ich war zwölf, als mein – bis dahin bester – Freund Heinemann, mir eröffnete: »Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude!«

Als am 10. November 1938, ein Tag nach der »Reichspogromnacht«, in der Hamburger Innenstadt die Glassplitter der in der Nacht eingeschlagenen Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte unter meinen Sohlen knirschten, war ich 15. 16 ein Jahr später beim Verhör im »Stadthaus« Ecke Stadthausbrücke/Neuer Wall, Leitstelle der Gestapo in Hamburg: angeklagt »staatsfeindlicher Äußerungen wegen, die – so die Verhörer – das »Miststück deiner jiddischen Mamme dir eingegeben hat.« Als wir Ende 1941 Kenntnis bekamen vom Massenmord an den Juden im deutsch besetzten Osten Europas, war ich 18, und seither in Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod. (…)

Das war der Stand der Dinge in jener Nacht vom 5. Auf den 6. Januar 1942, Geburtsstunde eine Traums, ohne zu wissen, ob »das Buch« je geschrieben werde könnte (…). Aus dem Inferno dieser zwölf Jahre haben wir nichts gerettet, keinen Teelöffel, kein Streichholz, kein Bettlaken. Nur die Aufzeichnungen, die ich mir über die Geschichte meiner Familie gemacht hatte – sie hatten überstanden, sie hatte ich durch alle Fährnisse gerettet, sie waren unversehrt geblieben. Viele, viele Blätter, Unterlagen für »das Buch«, und gehütet in einer Mappe, mit der Aufschrift »Manuskripte« – sozusagen das Alphabet für die Verwirklichung meines Traums.

Schreibblockade Jetzt endlich konnte ich mich also daran machen – dachte ich. Denn als ich mich in die Trümmer setzte und zu schreiben anfangen wollte, brachte ich kein Wort, keinen Buchstaben zu Papier – ich war wie gelähmt. (…)

Ender der 40er‐Jahre des vorigen Jahrhunderts jedoch löste sich etwas, konnte ich schreiben, und das über die ganzen 50er‐Jahre hin. Nur war ich tief unzufrieden mit dem Geschriebenen: Es war nicht das, was ich wollte – noch nicht.

Dass es kommen würde, daran habe ich nie gezweifelt.

Und es kam, als nächste Etappe, 1961, sechzehn Jahre nach der Befreiung, mit diesem Satz vor meinem inneren Auge:
»Giacomo Bertini war fünf Jahre alt, als er beschloss, sein erbärmliches Geburtsnest Riesi im sizilianischen Regierungsbezirk Caltanisetta auf dem Rücken eines nachbarlichen Esels unabgemeldet zu verlassen – das Meer, Palermo, Musik!« (…)

Nach diesem Satz im Herbst 1961 schrieb ich vierzehn Jahre lang kein einziges Wort an dem Buch, keine Silbe. Bis ich im Ok‐ tober 1975 mit der Endschrift, der Reinschrift begann, um sie über sechs Jahre hin bruchlos zu vollenden: meine Hamburger Familien‐ und Verfolgten‐Saga ›Die Bertinis‹! (…)

Aufgabe Um einen Verlag hatte ich mich nicht gekümmert. Der Traum war eine selbstgestellte Aufgabe, von der es nur eine Erlösung gab – sie zu Ende zu bringen, unabhängig davon, ob der Text gedruckt werden würde oder nicht. (…)

Ich sehe noch die mitleidigen Blicke so mancher Bekannter und Freunde, wenn in den Ewigkeiten zwischen diesen beiden Jahreszahlen die Rede auf »das Buch« kam – »Ach, ›Die Bertinis‹? Sie mal an. Wirklich? Wie steht’s denn damit, lieber Ralph?« Im Klartext hieß das: »Merkst du eigentlich gar nicht, dass du da einer Fata Morgana erliegst, einem Traum nachjagst, der sich nie erfüllen, sondern ein Traum bleiben wird?« (…)

Aber damit nicht genug – dem Wunder des ersten folgte ein zweiter Traum: Ich spreche vom »Bertini‐Preis«, ich spreche von euch.

Zuversicht Dieser Preis, der heute zum 14. Mal vergeben wird, ist so etwas wie die Krönung meines Lebens. Wie denn nicht?

Wie konnte ich damals ahnen, dass es zu einer Veranstaltung wie unserer heutigen kommen und ich erhobenen Hauptes durch Hamburg gehen würde?

Wie konnte ich ahnen, liebe Schülerinnen und Schüler, dass ich einmal euch begegnen und Zeuge werden würde, wie ihr gegen meine alten Todfeinde in neuer Gestalt angeht, und damit die einzige Gesellschaftsform verteidigt, in der ich mich sicher fühle – die demokratische Republik?

Das ist es, was mich sagen lässt: der »Bertini‐Preis« ist so etwas wie die Krönung meines Lebens, mein zweiter Traum – in den ihr nun eingeschlossen seid. Mit all den Schülerinnen und Schülern, die den Preis schon bekommen haben und noch bekommen werden.

Das ist die Geschichte, die ich euch heute erzählen wollte. Sie soll euch ermutigen, euren eigenen Träumen nachzugehen. Wenn ihr einen habt, ganz tief und von innen her, dann lasst nicht locker, bleibt ihm auf den Fersen, lasst euch nicht abschrecken durch Hohn und Spott, durch Neid oder Unverständnis, oder durch eure große Jugend. Prüft, was euch da vorschwebt und habt einen langen Atem, wenn ihr euren Visionen folgt. Meine Nöte, meine Mühen, meine Ängste von damals, die sollt ihr dabei nicht haben, wohl aber Ausdauer, Glauben an euch selbst, Glauben an eure Kraft, Glauben an euren Mut.

Und das natürlich unter dem Motto des Bertini‐Preises: »Lasst Euch nicht einschüchtern!«

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