Szene

Kunst und Genuss

An seinen ersten Schritt in das halb verfallene Gebäude an der Auguststraße kann sich Michael Fuchs noch ziemlich genau erinnern. Die große Tür ließ sich schwer öffnen. Es roch feucht, und beim Blick hoch zu den Decken schwante ihm nichts Gutes: In Fetzen hing die Farbe herunter – dieses alte helle Grün, das so typisch war für eine Schule. An diesem Donnerstag wird Fuchs wieder einen ersten Schritt über die Türschwelle machen. Dann aber erstrahlt die Jüdische Mädchenschule in neuem Glanz.

Denn nach einem knappen Jahr Renovierungszeit wird das Gebäude eröffnet. Passend zum Beginn der Berlinale sollen sogar schon Brad Pitt und Angelina Jolie einen Tisch im »Salon Pauly«, dem Restaurant von Boris Radczun und Stephan Landwehin, die das Promi‐Lokal Grill Royal betreiben, reserviert haben. Gerüchte, um die sich Michael Fuchs, der Mieter der Jüdischen Mädchenschule, nicht kümmern konnte.

Denn bis vor einer Woche hatte er noch ganz anderes zu tun: Handwerker schleppten Leitern über die Flure, Elektriker beugten sich über blinkende Geräte, und riesige, in Folie verpackte Bilder warteten auf den Gängen darauf, an den richtigen Ort geschafft zu werden. Und trotz lärmender Baugeräusche, beißendem Farbgeruch und staubiger Treppen war der Galerist Fuchs die Ruhe selbst. Zumindest äußerlich hat er sich nicht anmerken lassen, dass bis zur heutigen Eröffnung noch ein großes Stück Arbeit vor allen liegen sollte.

biennale Die Schule hat eine lange und vielfältige Geschichte. Alexander Beer, Architekt der Jüdischen Gemeinde, erbaute das Haus 1927 bis 1928. Ab 1930 wurden hier Mädchen unterrichtet. Waren es anfangs gerade mal 300 Schülerinnen, zählte man 1933 schon fast 1.000. Zwölf Jahre später schlossen die Nationalsozialisten das Gebäude und nutzten es als Lazarett. In der DDR war dort bis 1996 die Bertolt‐Brecht‐Schule untergebracht.

Danach blieb das rote Klinkergebäude geschlossen. Nur einmal – zur 4. Biennale 2006 – öffnete es seine Türen für Besucher. 2009 wurde die Einrichtung von der Jewish Claims Conference an die Jüdische Gemeinde übertragen. Zwei Jahre später konnten, nachdem Fuchs’ Konzept »Gastronomie und Kunst« die Gemeinde überzeugt hatte, die Umbauten beginnen, die vom Architekturbüro Grüntuch Ernst umgesetzt wurden.

Das Haus steht im ehemaligen Scheunenviertel. Umgeben vom früheren jüdischen Krankenhaus und der einstigen Neuen Synagoge. Ein Umfeld, das für Michael Fuchs »ganz normal ist« und in dem er sich als Galerist wohlfühlt. Besonders hat es ihm aber die Aula in »seinem« Haus angetan – ein Lieblingsraum. Und zufällig auch der Ort für Fuchs’ Galerie. »Die Aula mit ihren sieben Meter hohen Decken ist sehr imposant«, sagt der Kunsthändler. »Vielleicht wird aber auch die Turnhalle mein Lieblingsort, denn dort gibt es etwas zu essen.« Neben der Galerie öffnen nämlich auch das Restaurant »The Kosher Classroom« und der »Salon Pauly« mit angeschlossener Bar.

Pastrami Auch in diesen Räumen wurde bis vor einer Woche noch gehämmert. Und für den schnellen Imbiss zwischendurch sorgen »Mogg & Melzer Delicatessen« – vielleicht das Eldorado für Pastrami‐Liebhaber. Das alles findet im Erdgeschoss seinen Platz. In den drei Etagen darüber werden wechselnde Ausstellungen zu sehen sein. Das »Lab« der Leipziger Galerie Eigen+Art wird in eines der Stockwerke einziehen. »Das Konzept Gastronomie und Kunst soll auf einem hochkarätigen Level umgesetzt werden«, sagt Fuchs, der die Jüdische Mädchenschule »lebendig halten möchte«.

Dazu gehört auch, dass einige Elemente aus der wechselvollen Geschichte der Schule erhalten geblieben sind. Wie zum Beispiel eine Büste von Bertolt Brecht. »Die habe ich gehütet wie meinen Augapfel«, sagt Fuchs. Auch ein Schriftzug aus DDR‐Zeiten im Hof des Gebäudes wurde nicht enfernt, um »den Charme des Hauses« zu erhalten. Von »Überrenovierung« hält Fuchs nichts.

Und möglicherweise, wenn alle Gäste am Donnerstagabend das Haus verlassen haben, geht Fuchs mit einem Pastrami‐Sandwich noch einmal ganz allein durch das Gebäude und denkt daran, wie er Klinken und Fensterknäufe auf Flohmärkten zusammengesucht hat. Welche Herausforderung es war, die Auflagen des Denkmal‐ und Brandschutzes zu vereinen, und wie es hier noch vor einer Woche ausgesehen hat.

Mehr Informationen über das Haus gibt es unter: www.maedchenschule.org

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