Ferien

Koschere Hüttengaudi

Zwischen Saalbach und Hinter­glemm, in sonniger Hanglage am Berg: Da steht das Haus, in dem sonst im Winter Ski-Urlauber und im Sommer Wandergruppen ihre Ferien verbringen.

Nun bietet sich hier ein ganz anderes Bild: Rund 70 Mädchen aus Deutschland und der Ukraine sind für zehn Tage in die österreichische Ferienregion im Salzburger Land zu einem Sommercamp gekommen. Hier sei »immer was los«, heißt es in der Fremdenverkehrswerbung, die auch noch eine »Hüttengaudi« verspricht.

Spaß und Vergnügen haben die Mädchen. Das Besondere dabei: Die Hüttengaudi ist koscher. Vor dem Haus ist an diesem Dienstagmittag gerade eine Gruppe dabei, einen Tanz einzustudieren. Andere sind vor die Tür gegangen, weil es bald mit dem Bus zum Ausflug geht. Wiederum andere stehen zusammen und plaudern noch ein bisschen.

kulturen Rabbiner Yehuda Teichtal schaut zufrieden auf das Geschehen: »Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, welche Freundschaften sich so schnell entwickeln, welche Verbindungen zwischen Mädchen verschiedener Kulturen und Sprachen geknüpft werden«, sagt er. »Es ist herzerwärmend, die Freude und die Wärme zu sehen, die diese Mädchen erfahren.«

Teichtal veranstaltet schon seit Jahren die Sommercamps von Chabad Berlin, erstmals ist es aber eine Ferienfreizeit von Mädchen nicht nur aus Deutschland, sondern gemeinsam mit jungen Ukrainerinnen. Die Mädchen sind alle zwischen acht und 15 Jahren alt. Die einen kommen aus Berlin, Düsseldorf, Ulm, Frankfurt oder Dresden. Die anderen stammen aus Charkiw, Odessa oder Dnipro, sind vor drei oder vier Monaten vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet.

Wie beispielsweise die 15-jährige Sonja. Sie kam mit ihrer Familie aus Kropywnyzkyj nach Berlin, wo sie in einem von Chabad organisierten Quartier Unterkunft fand. Sie hätte es sich nicht im Traum vorstellen können, sagt sie, dass sie nun die Sommerferien in Österreich verbringt. »Ich mag es sehr: die Landschaft, die Umgebung. Und auch die anderen Mädchen sind so freundlich.«

übersetzer Sie kann sich in Englisch verständigen. Den anderen Mädchen helfen Madrichot, deutsch- und russischsprachige Betreuerinnen. Miri aus Berlin, zwölf Jahre alt, braucht keine Übersetzer. Sie hat russischsprachige Eltern, kennt schon einige ukrainische Mädchen und kann auch mit den neuen Freundinnen gleich ins Gespräch kommen. »Es ist sehr schön hier, alle sind so freundlich und nett«, schwärmt sie. »Und die Berge sind auch sehr schön – und hoch.«

Einige haben das erste Mal im Leben das Schma-Gebet gesagt.

Bald steht eine Bergwanderung auf dem Programm. Daneben sind unter anderem ein Besuch im Wildpark und in einem Schaubergwerk sowie eine Fahrt nach Salzburg vorgesehen – und am Freitagabend und Samstag »ein tolles Schabbatprogramm«.

Das alles kostet. Die Teilnahmegebühr betrug 300 Euro. »Doch die Mehrheit der Kinder hat das nicht bezahlt«, sagt Rabbiner David Teichtal. Viele kommen aus einkommensschwachen Familien. Und die ukrainischen Mädchen sind von der Gebühr befreit. Deren Teilnahme sei mit Spenden finanziert worden.

David Teichtal hat das Camp organisiert. Er ist schon Tage zuvor angereist, hat alles hergerichtet und die Küche gekaschert. Auch hat er einen Lastwagen voll koscherer Verpflegung hergebracht und einen Koch aus Israel engagiert. Der steht gerade mit zwei Handys – an jedem Ohr eines – draußen auf der Treppe. Er kümmert sich um den Nachschub von Lebensmitteln aus München.

Ausflug Drinnen ist unterdessen der Tisch gedeckt – zum Mittagessen. Die Mädchen lassen es sich schmecken. Viel Zeit haben sie nicht, denn gleich geht es zum Ausflug in den Wildpark. Hadassa ruft allen zu, dass sie sich jetzt wirklich auf den Weg machen müssen.

Die 22-jährige Wienerin ist Madricha beim Camp. Sie erzählt: »Wir unternehmen viel. Die Mädchen sollen keine Langeweile haben.« Es beginne mit einem Morgenprogramm und Frühstück, gefolgt von Sport und anderen Aktivitäten, jeden Nachmittag gibt es einen Ausflug zu einem anderen Ort. »Aber das Wichtigste ist für uns, dass die Mädchen dann nach diesen Tagen sagen können: Wir haben etwas gelernt, wir nehmen etwas mit.« Sie verweist auf das Motto des Camps: »Die Zukunft verändern, die Welt zu einem besseren Ort machen.«

Irgendwie scheint es, dass die Mädchen schon etwas verändern. »Ein ukrainisches Mädchen, das niemanden kannte, hat hier jetzt bereits beste Freundinnen«, bemerkt Rabbiner Yehuda Teichtal. Das sei ein gutes Zeichen für Integration, aber auch für eine positive Beziehung zum Judentum. Viele Mädchen kommen nicht aus religiösen Familien. »Einige haben am ersten Abend vor dem Schlafengehen mit den anderen zum ersten Mal das Schma-Gebet gesagt. Das erste Mal im Leben.«

Und bald werden sie wieder nach Hause fahren, in ihr eigenes oder ihr provisorisches Zuhause. Teichtal meint, viele der ukrainischen Mädchen würden wohl in Deutschland aufwachsen: »Wenn wir uns an die Einwanderung der russischsprachigen Juden damals erinnern, ist das wie ein Déjà-vu.« Was in den 90er-Jahren geschah, wiederhole sich jetzt irgendwie. »Es ist sehr bewegend, das hier zu erleben.« ddk

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