Berlin

Klezmer meets Bombay Beat

Eins, zwei, drei, vier, Sprung, Sprung!», ruft die junge Tanzlehrerin und Choreografin Angelika Soldatenko in die Runde und klatscht dabei rhythmisch in die Hände. Rund 40 Frauen, Männer und Kinder drehen sich in einem großen Kreis. Mal nach links, mal in die entgegengesetzte Richtung. Nach nur eineinhalb Stunden Workshop sieht das schon ziemlich professionell aus.

Im Hintergrund wummern die Bässe von mitreißenden israelischen Schlagern. Klezmer meets Pop, jazzige Töne sind genauso vertreten wie Rock oder Folk. Nun tanzen alle zu «Mayim Mayim», was so viel heißt wie «Wasser, Wasser». Es handelt sich um ein populäres israelisches Volkslied. Auch «Hora Agadati», ein Volkstanz für Anfänger, oder «Tel Aviv» von Omer Adam stehen auf der Playlist des Laptops, der an die Musikanlage angeschlossen ist. Elf ganz unterschiedliche Songs geben einen Eindruck davon, wie facettenreich die jüdische Musik ist, entsprechend vielfältig sind die jeweiligen Tänze.

Bevor es in die nächste Runde geht, erklärt Soldatenko den Teilnehmenden, wovon die jeweiligen Songs handeln

Dennoch braucht es keine großen Vorkenntnisse, um einfach mitzumachen. «Der Vorteil der Kreistänze ist ja, dass man einfach mitgezogen wird», sagt Christa Berry, die mit ihrer Freundin Gudrun Sagawe zum Tanzkurs gekommen ist. «Die meisten Tänze kenne ich noch aus meiner Kindheit», erzählt Sagawe. Gleichwohl habe sie mindestens 30 Jahre lang eine Pause eingelegt, was israelische Volkstänze betrifft. «Aber Musik verlernt man nicht, ich höre sie, und dann tanze ich», sagt die ehemalige Sekretärin von Heinz Galinski, dem ehemaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und des Zentralrats der Juden.

Bevor es in die nächste Runde geht, erklärt Soldatenko den Teilnehmenden, wovon die jeweiligen Songs handeln, inklusive einiger Worte zu ihrer Entstehungsgeschichte. Die Tänzer hören ihr aufmerksam zu, in Erwartung dessen, was wohl als Nächstes kommt.Bei «Yedid Nefesh» handelt es sich beispielsweise um eines jener berühmten Diaspora-Lieder, bei denen eine wilde Mischung von ganz internationalen Melodien zu einem Song destilliert wurden, von Bombay Beats bis zu Breslauer und marokkanischen Anklängen.

Genauso bunt wie die Melodie, zu der Dichter Elazar ben Moshe Azikri bereits im 16. Jahrhundert einen Text verfasste, der um die Sehnsucht und Liebe zu Gott kreist, ist auch die Zusammenstellung der Teilnehmer, die sich im großen Saal des jüdischen Gemeindehauses in der Fasanen­straße versammelt haben.

Sie kommen aus Deutschland, den USA, aus Israel oder Osteuropa. Hochbetagte tanzen neben Kleinkindern, alle halten sich an den Händen, wobei der Anteil der Tänzerinnen den der männlichen Teilnehmer deutlich übersteigt. «Das ist beim Tanzen meistens so», sagt Bella Roit, die in der Vergangenheit große Konzerte in Israel wie auch international organisiert hat und sich seit vielen Jahren der Arbeit mit Jugendlichen und Kindern hierzulande verschrieben hat. Heute schaut die Frau mit dem großen schwarzen Hut beim Workshop einfach zu. Seit Covid lege sie eine kleine Pause ein, sagt Roit.

«Die meisten Tänze kenne ich noch aus meiner Kindheit», sagt Gudrun Sagawe

Der Große Saal, in dem der Meisterkurs «Jüdische Tänze» stattfindet, wird üblicherweise für Veranstaltungen, Ausstellungen und Versammlungen genutzt, für Familienfeierlichkeiten wie Hochzeiten oder Trauerfeiern sowie zu den jüdischen Feiertagen. Diesmal hat er sich in einen Tanzsaal verwandelt, auf dessen Parkett die Tänzer die Welt da draußen vergessen dürfen. Wenn auch nur für rund zwei Stunden.

Ausgelassen sein, auf alte Bekannte treffen, sich den Klängen einer mitreißenden Musik hingeben. Laufen, hüpfen, drehen, atmen, den eigenen Bewegungsabläufen folgen. Beim Tanz dürfen alle Sorgen abgeschüttelt werden. Im Hintergrund der Klang der Klarinette, die Töne zu produzieren vermag, ähnlich facettenreich wie die einer menschlichen Stimme: mal weinend und klagend, dann lachend, mal laut und schmetternd, dunkel, donnernd und bedrohlich, dann wieder witzig und frech, bis jener Klangteppich am Ende des jeweiligen Stückes schließlich leiser wird und sich verabschiedet wie der Wind.

Die Frauen und Männer schauen zu, wippen mit, können es kaum erwarten, loszulegen

Angelika Soldatenko macht nun die nächste Schrittfolge vor. Die Frauen und Männer schauen zu, wippen mit, können es kaum erwarten, loszulegen. Anschließend tritt die Tanzlehrerin zur Seite, um den Abläufen zu folgen.

Dabei feuert sie die Runde an, gibt Instruktionen, korrigiert hier und da, immer behutsam und ermutigend. Schließlich soll sich niemand schämen, der einfach mal die Schritte vergisst oder locker improvisiert.
Als Einzige trägt die Choreografin eine Art Kostüm: über dem weißen Shirt eine blaue Weste mit Glitzersaum, einen schwarzen Rock und dazu rote Tanzschuhe. «Diese Art von Tanz hat die besondere Fähigkeit, Menschen – jenseits aller Altersunterschiede und Konventionen – miteinander zu verbinden, sie zu vereinen und einander einfach nur gute Laune zu schenken», sagt Soldatenko, die ursprünglich aus der Ukraine kommt und heute auch als Event-Managerin arbeitet.

Zuschauer sitzen am Rande, wiegen sich im Rhythmus der Musik, lächeln

Die Bühne im Hintergrund ist festlich mit israelischen Flaggen und blauen, weißen und silbernen Ballons geschmückt, eine Installation aus weißen Blüten spendet zusätzlich ein bisschen Licht. Zuschauer, die nicht tanzen oder gerade eine kleine Pause einlegen, sitzen am Rande, wiegen sich im Rhythmus der Musik, lächeln. Zwischen den einzelnen Stücken gibt es kleine Pausen. Ein Büfett mit Getränken, Datteln, Maronen und Gebäckstückchen sorgt dafür, dass niemand unterzuckert oder gar dehydriert ist.

Was hier spätestens zum Abschlusstanz – bei dem alle Teilnehmenden eine kleine israelische Papierflagge erhalten, die geschwenkt werden darf – so mühelos aussieht, als hätten die Teilnehmer nie etwas anderes gemacht, war beim Warm-up zu Beginn des Workshops noch überhaupt nicht absehbar. «Künftig würden wir diese Art von Veranstaltung gern viermal im Jahr machen», sagt Olga Lavut, die das Familienzentrum Zion der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, seit 2012 leitet. Die vielen Hände, die ihr zum Abschied des Meisterkurses geschüttelt werden, bestätigen sie in diesem Vorhaben.

Redaktion

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