Provenienz

Kleines Stück Gerechtigkeit

Silberabgabe – hinter diesem fast unverfänglich klingenden Begriff aus dem Wortschatz des nationalsozialistischen Verwaltungs- und Machtapparats verbirgt sich eines jener dunklen Kapitel, die zum Räderwerk des Holocaust gehörten. Der groß angelegte systematische Raub von Eigentum jüdischer Familien war neben der Entrechtung, Verfolgung und Ermordung von Juden eine tragende Säule des nationalsozialistischen Regimes. Die Aufarbeitung ist auch Jahrzehnte später nicht abgeschlossen.

Das Bayerische Nationalmuseum, das sich in die Liste der Profiteure der sogenannten Silberabgabe einreiht, ist bei der Vergangenheitsbewältigung auf der Zielgeraden angekommen. Matthias Weniger ist Leiter der Provenienzforschung des Museums und hat sich in den vergangenen zwei Jahren intensiv mit der Materie beschäftigt. Jetzt kann er sich über die Fortschritte freuen. »Inzwischen habe ich mit 40 der 64 betroffenen Familien Kontakt, und rund ein Drittel der Fälle mit fast der Hälfte der Objekte nähert sich dem Abschluss«, lautet seine Bilanz.

erinnerungskultur Welche Bedeutung solche Gegenstände in der Erinnerungskultur der Juden und insbesondere einzelner Familien haben, wurde am »Tag der Provenienzforschung« am 14. April in einer gemeinsamen digitalen Veranstaltung des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und des Bayerischen Nationalmuseums deutlich. An dem zweistündigen Zoom-Gespräch, das von Matthias Weniger moderiert wurde und inzwischen auch auf der Webseite des Nationalmuseums abgerufen werden kann, nahmen auch mehrere Mitglieder betroffener Familien teil. Sie symbolisieren beispielhaft, welch unermessliches Leid und welche Schicksale sich hinter diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte verbergen.

Zu den Teilnehmern der virtuellen Gesprächsrunde gehörten Angehörige der Familie Neumeyer wie etwa Peter Neumeyer, der Enkel von Karl und Anna Louisa Neumeyer. Dem Ehepaar war vor knapp zwei Jahren, am 17. Juli 2019, vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in München-Schwabing eine Erinnerungsstele gewidmet worden. Barbro Friberg, ebenfalls eng mit dem Ehepaar verwandt, war zu diesem besonderen Anlass eigens aus Schweden angereist.

Für die Enthüllung der Stele war der 17. Juli nicht zufällig ausgewählt worden. An diesem Tag im Jahr 1941 nahmen sich Karl und Anna Louisa Neumeyer gemeinsam das Leben. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, die das Ehepaar als kleines Kind noch persönlich kennengelernt hatte, kann den selbstbestimmten Tod nachvollziehen: »Für sie gab es keine Rückzugsorte mehr, keine Refugien, kein rettendes Ufer und keinen Silberstreif am Horizont. Die Verzweiflung, die daraus erwuchs, teilten nahezu alle jüdischen Familien jener Zeit.«

verbindung Mit München und seiner jüdischen Gemeinde ist der Name Neumeyer eng verbunden. Karl Neumeyer war vor der Machtergreifung der Nazis Dekan der Juristischen Fakultät der Universität München, Begründer des internationalen Verwaltungsrechts und Autor bahnbrechender juristischer Werke. Ihrer Zeit voraus war auch seine Ehefrau Anna Louise, die sich für Frauenrechte starkmachte. Ab 1901 war sie Mitglied des »Vereins für Fraueninteressen« und damit eine Vorreiterin für Gleichberechtigung.

Alfred Neumeyer, Karls Bruder, stellte sich in den Dienst von Religion, Tradition und Gemeinschaft. Bis ins Jahr 1941 leitete er den Verband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern und war Vorsitzender der Münchner Gemeinde.

Die erzwungene »Silberabgabe« war ein Element des staatlichen Raubzugs.

Faktoren wie berufliche Anerkennung und gesellschaftliches Engagement spielten nach der Machtergreifung der Nazis keine Rolle mehr. Bereits 1934 wurde Karl Neumeyer von der Universität in den Zwangsruhestand geschickt, nur weil er Jude war. Danach begann die systematische Zerstörung der Familie. Die erzwungene »Silberabgabe«, ein Element des staatlichen Raubzugs, war ein weiterer Schritt auf dem Weg in den Tod. Dazu entschloss sich das Ehepaar, das bereits alles verloren hatte, als sich noch mehr Einschränkungen abzeichneten – die Übersiedlung ins Barackenlager Milbertshofen und schließlich die Deportation.

Schicksale Derartige Schicksale bestärken Matthias Weniger in seiner Überzeugung, die Restitution geraubter Gegenstände so weit wie nur irgend möglich voranzutreiben. »Das Zoom-Gespräch hat deutlich gemacht, welchen tatsächlichen Wert diese Objekte für die Familien haben. Der materielle Wert spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Die Erinnerung, die damit verbunden wird, ist das eigentlich Wertvolle daran«, sagte Weniger.

Auch der Blick von Charlotte Knobloch geht weit über reine materielle Werte hinaus. »Jedes noch so kleine Stück Gerechtigkeit, das durch eine Restitution wiederhergestellt werden kann, beendet ein Stück Unrecht. Und das ist jeden Aufwand wert«, betont sie. Sie erinnert aber auch daran, dass die staatlichen Institutionen in der Verantwortung stünden, überall dort Gerechtigkeit wiederherzustellen und Ungerechtigkeit zu beenden, wo es ihnen möglich sei.

Der Umgang des Bayerischen Nationalmuseums mit Provenienzforschung und Restitution verdient nach Überzeugung der Gemeindepräsidentin Dank und Anerkennung. Damit werde unter Beweis gestellt, »dass die bleibende Verantwortung des Rechtsstaats gegenüber den Verbrechen des Unrechtsstaates angenommen wird«.

Die Veranstaltung ist unter diesem Link abrufbar.

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  26.07.2026

München

Diplomatie und Freundschaft

Anlässlich seines 15-jährigen Bestehens lud das israelische Generalkonsulat zu einem Festakt in den Kaisersaal der Residenz

von Luis Gruhler  26.07.2026

Porträt der Woche

Eine Stimme für Israelis

Eliran Hirsh möchte mit seinen Podcasts Landsleute weltweit vernetzen

von Lorenz Hartwig  26.07.2026

Berlin

Rabbinerkonferenz: Berliner Führerbunker jüdischer Gemeinde geben

Was wird aus dem alten Führerbunker in Berlin? Derzeit streiten Senat, Stadtplaner und Denkmalschützer um den richtigen Umgang mit der Ruine. Die Europäische Rabbinerkonferenz schaltet sich nun mit einem Vorschlag ein

 26.07.2026

Bayern

»Es ist Zeit, den Hass zu beenden«

Eine Mahnwache der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zeigte Solidarität mit dem Opfer des israelfeindlichen Verbrechens in der Region Würzburg

von Stefan W. Römmelt  25.07.2026

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026