Porträt der Woche

»Kleine Gemeinden stärken«

Deborah Tal-Rüttger ist Lehrerin und gründete eine hessische Landgemeinde

von Gerhard Haase-Hindenberg  13.11.2017 19:50 Uhr

»Es muss überall Angebote geben – nicht nur in Großstädten, auch auf dem Land«: Deborah »Debbie« Tal-Rüttger (67) lebt bei Kassel. Foto: Gregor Zielke

Deborah Tal-Rüttger ist Lehrerin und gründete eine hessische Landgemeinde

von Gerhard Haase-Hindenberg  13.11.2017 19:50 Uhr

Meine Eltern haben sich in einem Flüchtlingscamp in Marseille kennengelernt. Von dort aus reisten sie 1948 nach Israel aus – als dort gerade der Unabhängigkeitskrieg in vollem Gange war. In Tel Aviv haben sie geheiratet. Mein Vater hatte 1936 auf der Seite der Anarchosyndikalisten in Spanien gegen Franco gekämpft. Nach der Niederlage konnte er nach Schweden fliehen.

Meine Mutter kam aus einer ursprünglich nichtjüdischen Widerstandsfamilie. Mein Großvater war ein Mann mit einem unabhängigen, fast anarchistischen Geist, den die Nazis mehrfach in Konzentrationslager gesteckt hatten. Er hatte sich schon in den 20er‐Jahren mit den verschiedenen Religionen beschäftigt, und seine Sympathie gehörte schließlich »dem Ursprung«, wie er es nannte – für ihn das Judentum.

Kibbuz Meiner Großmutter gelang mit den Kindern die Flucht in die Schweiz. Ende des Krieges war mein Großvater ein schwer kranker Mann. Im Jahr 1946 ist die ganze Familie in München bei Rabbiner Untermann konvertiert, der kurz darauf Oberrabbiner von Tel Aviv wurde. Meine Mutter wurde nach Israel geschickt, und die Familie sollte nachkommen. Leider sind meine Großeltern vorher gestorben.

Ich bin 1950 in Rechovot geboren. Als ich klein war, zogen wir zunächst nach Eilat, wo es damals kaum frisches Wasser gab und ich die Gelbsucht bekam. Daraufhin gingen meine Eltern in den Kibbuz Gal’ed. Für mich war es dort nicht schön – ich war die Kleinste im Kindergarten und für die anderen Kinder das Huhn, auf dem man immer herumgehackt hat. Vielleicht haben meine heutige Stärke und die oft etwas barsche Art dort ihren Ursprung.

Im Kibbuz gab es ideologische Auseinandersetzungen. Mein Vater hat sich mit allen angelegt, und wir zogen zurück nach Eilat. Nach der achten Klasse ging ich für ein Jahr zu meiner Tante in die USA, um mein Englisch zu verbessern. Damals war Israel noch auf einem sozialistischen Kurs, und Amerika fand ich absolut dekadent. Nach dem Abschluss der zehnten Klasse hat mich das Militär wegen meines Untergewichts nicht genommen, und ich begann eine Ausbildung zur Arztsekretärin. Dann habe ich geheiratet und einen Sohn bekommen, doch die Ehe ist gescheitert.

unterricht Meine Eltern waren Anfang der 70er‐Jahre aus privaten Gründen nach Deutschland zurückgekehrt. Ich war damals eine junge geschiedene Frau mit einem dreijährigen Sohn, die von ihrem Gehalt als Arztsekretärin im Beilinson‐Krankenhaus in Petach Tikwa kaum leben konnte. So folgten mein Sohn und ich im Juli 1975 meinen Eltern nach Kassel.

Da ich die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, hatte ich Anrecht auf einen Deutschkurs. Danach holte ich am Hessen‐Kolleg mein Abitur nach, wo ich meinen jetzigen nichtjüdischen Mann kennengelernt habe. Beide haben wir auf Lehramt studiert – ich die Fächer Englisch und Musik. Jahrelang habe ich an Institutionen der Erwachsenenbildung unterrichtet, sowohl zu jüdischen Themen wie auch in Callanetics, einem Gymnastik‐Programm, das vor allem die Tiefenmuskulatur aktivieren soll. Außerdem brachte ich 20 Jahre lang Menschen, die in keiner der großen Metropolen leben, per E‐Mail und später per Skype Iwrit bei.

Die Initiative, in der Nähe von Kassel eine kleine Landgemeinde aufzubauen, stammte von Ada Herlinger, die inzwischen wieder in Israel lebt. Ab 1994 haben wir uns insbesondere um die Leute gekümmert, die nicht mehr in die Synagoge der Einheitsgemeinde gingen. Der orthodoxe Ritus interessierte mich und viele andere nicht, da wir nicht religiös aufgewachsen waren.

Andererseits fehlte vielen von uns aber auch etwas. Ada kam aus einer Reformgemeinde in Naharija. Sie wusste also, was Reformjudentum ist. Sie hatte ein paar Leute um sich geschart, und wir haben Kabbalat Schabbat und die Feiertage gemeinsam gefeiert. Irgendwann meinte sie, wir sollten einen Verein gründen, wenn wir schon zusammen sind. Das haben wir gemacht, und später schlug sie vor, den Verein in eine Gemeinde umzuwandeln. 1995 haben wir dann offiziell die Gemeinde »Emet weSchalom« gegründet.

Heute sind wir eine kleine liberale Landgemeinde mit einem egalitären Minjan. Acht Jahre lang war ich die Vorsitzende und auch Vorbeterin. Inzwischen ist eine andere Beterin in die Rolle als Vorbeterin hineingewachsen, und sie macht das sehr gut.

torarollen Ich halte die kleinen Gemeinden deshalb für wichtig, weil man nicht alle Juden in Deutschland auffordern kann, in Großstädte zu ziehen. Die Leute leben nun einmal überall, und es muss für sie Angebote geben, um ihre religiöse Tradition ausüben zu können. Die Tatsache, dass das bei uns seit 1995 funktioniert, zeigt, dass das Modell attraktiv ist.

Die ersten 20 Jahre hatten wir eine Wohnung angemietet. Seit letztem Rosch Haschana haben wir die ehemalige Synagoge in Felsberg im Schwalm‐Eder‐Kreis unweit von Kassel hergerichtet. Die Renovierung ist noch nicht abgeschlossen, aber wir können schon die Gottesdienste darin abhalten.

Die erste Torarolle haben wir einem Rabbiner abgekauft. Später hat ein amerikanischer Sofer entdeckt, dass einzelne Buchstaben schon verblasst sind und die Rolle somit nicht mehr koscher ist. Er riet uns, sie vorerst weiter zu benutzen, aber bald eine andere Rolle zu besorgen. Wir wandten uns an die World Union for Progressive Judaism, und eines Tages bekamen wir die Nachricht, dass eine von deutschen Juden in Dayton/Ohio gegründete Gemeinde eine Torarolle an eine liberale Gemeinde in Deutschland spenden will. Ich bin hingeflogen, um sie abzuholen.

leihgabe Kurz vorher hatte ich von Leuten, die meine Kurse besuchten, erfahren, dass es im Dom zu Fritzlar eine Torarolle geben soll. Das ergab für mich gar keinen Sinn. Was sollte eine Torarolle in einem katholischen Dom? Als meine Freundin, die Rabbinerin Irit Shillor, zu Besuch kam, erzählte ich ihr von jenem Gerücht.

Zufällig war an diesem Tag die berühmte Handschriftensammlung des Doms für die Öffentlichkeit zugänglich. Wir fragten einen der Angestellten, und er bestätigte, dass es im Dom eine Torarolle gebe – ein Mönch habe sie auf einem Flohmarkt gefunden und gesagt: »Wenn die Juden wiederkommen, geben wir sie ihnen zurück.« Da haben wir uns ihm vorgestellt, und der arme Mann fing an zu stottern, weil ihm klar wurde, was er gesagt hat.

Es war allerdings nicht so, dass sie uns die Torarolle gleich ausgehändigt hätten, denn das musste im Bistum Fulda entschieden werden. Es vergingen drei Jahre, in denen sich nichts rührte. Dann baten wir die Allgemeine Rabbinerkonferenz, direkt mit dem Bischof von Fulda in Kontakt zu treten. Prompt bekamen wir die Torarolle als Leihgabe, weshalb wir sie scherzhaft die »katholische Tora« nennen.

engagement Seit 2011 bin ich die stellvertretende Vorsitzende der deutschen Sektion der Union progressiver Juden und für Bildung zuständig. Ich organisiere zum Beispiel verschiedene Ausbildungslehrgänge von Vorbetern. Das bietet zwar der Zentralrat auch an, aber ausschließlich für Männer und nur aus orthodoxer Sicht. Für mich ist es wichtig, dass wir uns nicht nur liberal nennen, sondern auch über die liturgischen Unterschiede Bescheid wissen.

Soweit es meine Zeit zulässt, kümmere ich mich auch um Flüchtlinge. Vor zwei Jahren gründeten wir einen »Arbeitskreis Willkommen«. In einem Haus, das uns meine Heimat‐Kommune Gudensberg zur Verfügung gestellt hat, organisiere ich Deutschkurse für Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea.

Die freiwilligen Helfer habe ich gebeten, dass man den Geflüchteten vorerst nicht sagt, dass ich Jüdin bin und ursprünglich aus Israel komme. Sie sollten mich erst einmal als »Debbie« kennenlernen. Irgendwann hat es sich dann ergeben, dass ich ihnen das selbst gesagt habe. Die meist jungen Leute sahen mich mit großen Augen an, aber ihr warmherziges Verhalten hat sich mir gegenüber nicht geändert.

Nun renovieren wir im nahe gelegenen Felsberg die Synagoge – da habe ich unter unseren Flüchtlingen gefragt, wer uns helfen kann. Bis auf einen Iraker, der sich nicht beteiligen wollte, haben uns alle geholfen. Zum Dank haben wir sie zu einem Konzert mit hebräischen Liedern eingeladen, das ich in der Synagoge gegeben habe. So konnte ich hoffentlich zum Abbau von Vorurteilen gegenüber Juden beitragen.

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