Buch

Kleijne und groiße Leit

Sammelband zur Ausstellung, die noch bis zum 16. Mai zu sehen ist. Foto: klartext

Buch

Kleijne und groiße Leit

Der Sammelband »Heimatkunde« widmet sich dem jüdischen Leben in Westfalen

von Ludger Heid  13.01.2015 10:39 Uhr

Dass der Patriotismus der deutschen Juden nachgerade sprichwörtlichen Charakter hat, ist eine Binse. Dass deutsche Juden ein besonderes Verhältnis zu ihrer Heimat haben, zu der Region, aus der sie stammen und in der sie lebten, Lokalstolz entwickelten, mag man als logische Folge ihrer Verbundenheit zur deutschen Heimat erkennen, eine Verbundenheit, die freilich immer wieder infrage gestellt oder ihnen gar abgesprochen wurde.

Heimatverlust
Darüber informiert eindrucksvoll ein Sammelband über westfälische Juden und ihre Nachbarn – Heimatkunde einmal ganz anders. Was die Manifestationen von Heimatverlust in den Erinnerungen westfälischer Juden im Exil betrifft, findet dies ihren Ausdruck im Titel eines Beitrags von Iris Nölle-Hornkamp: »Es liegt zu viel Sentimentalität in dem Wort Heimat«. Oder es heißt in einem anderen Beitrag mit dem anrührenden Titel: »Seine Landschaften mögen in Israel sein, aber die Bäume sind in Höxter geblieben.«

In diesem Sammelband geht es um ein weites Spektrum deutsch-jüdischer Lebensentwürfe, wie sie sich in der Region Westfalen allenthalben zeigen. Das Buch beschäftigt sich mit den erkämpften Bürgerrechten, dem daraus erwachsenen, zumindest temporär gesicherten Leben, der Mitgestaltung in den Städten und ländlichen Regionen Westfalens – in Dortmund, Bielefeld und Bochum, in kleineren Gemeinden wie Werther und Raesfeld und vielerorts sonst.

Was den Band so ansprechend macht, ist die Vielzahl und die – mitunter zweischneidige – Vielfalt, die sich in den Beiträgen spiegeln, eine sozialgeschichtliche Bandbreite, die sich sehen lassen kann. Die Herausgeberin Iris Nölle-Hornkamp hat die unterschiedlichsten Themen durch die Zeitläufte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart von bereits länger verstorbenen und noch publizierenden ausgewiesenen Autoren und Autorinnen zu einer Edition zusammengestellt, die über eine westfälische Leserschaft hinaus sicherlich eine breite Aufmerksamkeit finden kann.

Landjuden Das Buch greift Themen auf wie die Landjuden im Modernisierungsprozess der letzten beiden Jahrhunderte (Reinhard Rürup), jüdische Akkulturationsvorstellungen im Konzept des Pädagogen Alexander Haindorf (Arno Herzig), jüdische Handwerker in Lippe im 19. Jahrhundert (Klaus Pohlmann) oder Aspekte des jüdischen Vereinswesen in Westfalen (Gisela Möllenhoff).

Ein Beitrag widmet sich dem jüdischen Motorradrennfahrer Leo Steinweg aus Münster. Vorgestellt werden neben prominenten Repräsentanten des westfälischen Judentums auch die »kleijne Leit« – Schlachter, Schuster, Kaufleute, Soldaten, Wandergesellen, Flüchtlinge und die nicht wenigen Maseltovniks, denen als Schützenkönige und sogar Schützenköniginnen kurzzeitige Ehre zuteil wurde.

Programmatisch der Beitrag des früheren, aus dem münsterländischen Warendorf stammenden Zentralratsvorsitzenden Paul Spiegel über das jüdische Leben in Deutschland seit 1946: Volle Kraft voraus. Heim, Heimat, Hoffnung.

Der vorliegende Band ist zugleich das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen, die noch bis 16. Mai 2015 in Dorsten zu besichtigen ist.

Iris Nölle-Hornkamp (Hg.): »Heimatkunde. Westfälische Juden und ihre Nachbarn«. Klartext, Essen 2014, 287 S., 22,95 €

Porträt der Woche

»Es ist schön, jüdisch zu sein«

Julia Markhovski wuchs zweisprachig auf und fand ihre Identität

von Eugen El  01.03.2026

Interview

»Der Kopf der Schlange wurde abgeschlagen«

Der gebürtige Iraner Armin Levy über den Tod Chameneis, Kritik aus Deutschland an dem Angriff der USA und Israel und einen persönlichen Wunsch

von Katrin Richter  01.03.2026

Deutschland

Höhere Sicherheitsmaßnahmen nach Angriff auf Iran

Hessen verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen. Laut Innenministerium betrifft dies besonders jüdische, israelische und amerikanische Einrichtungen

 28.02.2026

Sachsen-Anhalt

Landespolizei verstärkt Schutz jüdischer Einrichtungen

Nach den Militärschlägen im Nahen Osten rückt die Polizei den Schutz jüdischer Einrichtungen in den Fokus. Das Innenministerium spricht von höchster Priorität

 28.02.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Warum gerade Juden einen Social-Media-Stopp für Jugendliche unter 16 Jahren unterstützen sollten

von Daniel Neumann  27.02.2026

Hamburg

»Seid stolz darauf, jüdisch zu sein!«

Der Jugendkongress unter dem Motto »Strong. Jewish. Here.« ist eröffnet

 26.02.2026

Berlin

Gedenktafel für NS-Gegner Otto Weidt geplant

In Berlin soll der Unternehmer Otto Weidt eine Gedenktafel bekommen: In der NS-Zeit bewahrte er blinde und gehörlose Jüdinnen und Juden vor der Deportation

 26.02.2026

Zeugnis

Gitarre mit Geschichte

Ein 1943 von Hanuš Smetana in Theresienstadt gebautes Musikinstrument erzählt vom Alltag im Ghetto und erinnert an seinen Erbauer, der die Schoa nicht überlebte

von Katrin Diehl  26.02.2026