Interview

»Klare Signale«

Zentralratsvizepräsident Josef Schuster Foto: Gregor Zielke

Angesichts des Al-Quds-Tags, den Israelhasser am Freitag begehen, hat Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Polizei zu einem konsequenten Eingreifen bei antisemitischen Parolen aufgefordert.

Sprüche wie »Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein«, die in den vergangenen Tagen zu hören waren, dürften nicht geduldet werden, sagte Schuster der Jüdischen Allgemeinen: »Ich glaube, dass man bei der Polizei überrascht war über das Ausmaß, die Heftigkeit und den Inhalt dieser Demonstrationszüge, und dass man darauf nicht vorbereitet war.« Er gehe davon aus, dass die Polizei künftig das Demonstrationsrecht sichern werde, aber auch darauf achten werde, »was unter den Begriff der Volksverhetzung fällt«.

Meinungsfreiheit Im Rahmen der Meinungsfreiheit habe er Verständnis für pro-palästinensische Demonstrationen, sagte Schuster: »Ich kann das akzeptieren und habe überhaupt kein Problem damit, dass es sie gibt.« Mit den Inhalten der Demonstrationen, »so wie wir sie erlebt haben«, habe er allerdings große Probleme. Er beobachte eine »ganz seltsame Allianz« aus Palästinensern, extremen Linken und Rechtsradikalen.

»Offensichtlich traut man sich, Dinge zu sagen, die man sich früher nicht getraut hat, die aber vermutlich in diesen Kreisen schon immer im Kopf herumgeschwirrt sind«, so Schuster. Bisher hätten die Polizeibehörden auf solche Sprüche in keiner Weise reagiert, sondern »teilnahmslos am Wegrand gestanden«, kritisierte der Zentralratsvize. Er habe aber den Eindruck, dass die Polizei nach den jüngsten Vorfällen deutlich sensibilisiert sei.

opposition Viele Demonstranten machten keinen Unterschied zwischen dem Judentum und Israel, kritisierte Schuster. Doch nicht jeder Jude auf der Welt heiße die Politik Israels in allen Details für gut: »In Israel selbst gibt es ebenso nicht immer nur eine Meinung, sondern auch eine Opposition.« Dass Juden in aller Welt eine Affinität zu Israel haben, »wundert nicht und liegt auch in der Natur der Sache, gerade in Deutschland«, unterstrich Schuster. Hätte es den Staat Israel schon in den 30er-Jahren gegeben, wäre die Geschichte des Judentums anders verlaufen, sagte er.

Viele Gemeindemitglieder seien angesichts der aktuellen Situation sehr besorgt. »Es gibt auch die Frage: Kann man wirklich als Jude in Deutschland leben?« Sein Eindruck sei, dass sich vor allem Menschen diese Frage stellten, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind, so Schuster.

Auf der anderen Seite »sind wir sicher nicht in der Situation, dass von jüdischer Seite die Meinung vertreten wird, dass man als Jude nicht in Deutschland leben kann oder nicht leben sollte, denn dann hätte der Zentralrat und die Landesverbände die vordringlichste Aufgabe, die jüdischen Bewohner Deutschlands genau in diese Richtung aufzufordern. Das ist, denke ich, nicht der Fall.«

Beruhigung Beruhigend für die jüdische Gemeinschaft hätten sich die zahlreichen Solidaritätsbekundungen vonseiten der Politik ausgewirkt. »Ich denke, dass es auch für die Gemeinden ganz wichtig war, dass die Kanzlerin, der Vizekanzler, der Bundespräsident sich geäußert haben – dass es aber auch vonseiten der Kirchen klare Signale in Richtung der jüdischen Gemeinden gab, dass sie für die Existenz und Sicherheit jüdischer Menschen in Deutschland einstehen.«

Unabhängig von der aktuellen Situation habe er das Gefühl, dass Polizei und Sicherheitsbehörden sehr sensibel für die Sicherheit jüdischer Gemeinden und Einrichtungen seien, versicherte Schuster.

Zur Frage einer wachsenden Judenfeindschaft sagte der Zentralratsvize, dass nicht die Zahl der Antisemiten in Deutschland insgesamt größer geworden sei, sondern dass der Antisemitismus heute offener zutage träte. »Die Zahl, dass jeder vierte Deutsche keinen jüdischen Nachbarn haben will, ist immerhin in einer Zeit entstanden, in der es keinen Krieg in Gaza gab – und auch nicht die Beschneidungsdebatte.« Dass etwa 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung Ressentiments gegen Juden hegten, sei seit Langem bekannt, so Schuster.

Dessau-Roßlau

Buch zur jüdischen Geschichte Anhalts vorgestellt

Ein neues Buch informiert über jüdische Orte in Anhalt und soll zum Besuch anregen

 16.01.2026

Weimar

Trauer um Raymond Renaud

Der französische Überlebende des NS-Konzentrationslagers Buchenwald wurde 102 Jahre alt

 15.01.2026

Antisemitismus

Schriftstellerin Funk lebt lieber in Tel Aviv

Künstlerinnen und Künstler aus Israel klagen seit Langem über Schwierigkeiten in Deutschland

 15.01.2026

Hamburg

Espresso für die Seele

Der Jugendkongress der ZWST und des Zentralrats ist für viele das Highlight des Jahres. Hier findet eine Generation, die gestalten möchte, Impulse, Gespräche und Resilienz

von Eugen El  15.01.2026

Makkabi

Slalom und Schabbat

Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in diesem Jahr zur Wintersport Week in die Südtiroler Alpen

von Helmut Kuhn  15.01.2026

Leipzig

»Jeder Hass macht blind«

Das koschere Café »HaMakom« wurde in der vergangenen Woche angegriffen. Was genau ist passiert? Fragen an den Eigentümer

von Katrin Richter  15.01.2026

Mainz

Neue Ausstellung erinnert an Synagogen, Rabbiner und Matzenbäcker

Vom uralten Grabstein bis zum KI-generierten Rabbiner-Avatar reicht die Spannweite. Die Ausstellung »Shalom am Rhein - 1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz« im Landesmuseum Mainz präsentiert so umfangreich wie nie das jüdische Erbe im Land

von Karsten Packeiser  15.01.2026

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-Jähriger setzte vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand und zeigte den Hitlergruß. Er wurde von der Haftrichterin in die Psychiatrie eingewiesen

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026