Bad Segeberg

Kinder oder Künstler?

Der Kindergarten »Sidonie-Werner-Haus« der Synagoge Mishkan Ha’Zafon in Bad Segeberg hat eine lange Warteliste. Die Jüdische Gemeinde Bad Segeberg, Trägerin des Kindergartens, möchte zwei weitere Kita-Gruppen einrichten und hat bei der Stadtverwaltung beantragt, einen neuen Kindergarten im ehemaligen Sidonie-Werner-Waisenheim einrichten zu dürfen, der jetzigen Villa Flath an der Bismarckallee.

Das Ansinnen aber brachte nicht nur die Künstler aus Segeberg und Umgebung auf den Plan, sondern auch den Förderkreis Kulturforum Otto Flath, denn zum einen nutzen sie die Villa als Ausstellungsraum, zum anderen verweist das Kulturforum darauf, dass die Villa nicht umgebaut werden darf, und streitet sich deshalb nicht nur mit der Stadt, sondern auch mit dem Beirat der Stiftung Otto Flath als Nachlassverwalterin des Erbes des Holzbildhauers Otto Flath.

Testament Auf der jüngsten Stadtvertretersitzung beschlossen Segebergs Politiker nun, dass die Villa der Stiftung Otto Flath überantwortet wird. Villa, benachbarte Gebäude, Grund und Boden bleiben im Besitz der Stadt, wie es im Testament des Bildhauers vorgesehen ist. »So will es auch die Stiftungsaufsicht des Landes Schleswig-Holstein, und dem folgen wir jetzt«, sagen Segebergs Bürgermeister Dieter Schönfeld (SPD) und Ursula Michalak (CDU), Vorsitzende des Flath-Stiftungsbeirats.

Sie gehen mit den anderen Fraktionen der Stadtvertretung konform. »Jetzt müssen der Stiftungsbeirat und die Verwaltung der Stadt prüfen, was in der Villa überhaupt erlaubt und möglich ist«, sagt Wolfgang Tödt von der Freien Wählergemeinschaft Bad Segeberg, BBS. Auch SPD-Stadtvertreter Jens Lichte möchte wissen, ob beispielsweise ein Umbau der Villa machbar ist oder nicht. Die Jüdische Gemeinde würde für ihren Kindergarten gern hinter der Villa einen Glasgang zum Garten bauen.

»Alle Bewerber, die die Villa Flath nutzen möchten, müssen sich jetzt beim Stiftungsrat und dem Stiftungsvorstand bewerben«, sagt Ursula Michalak. Die Aussicht, die Villa Flath für 18.000 Euro pro Jahr mieten zu können, treibt schon seit Monaten Segeberger Vereine um. Zurzeit wird die Villa vom Verein für Jugend und Kultur der Stadt genutzt. Zudem können Segeberger Künstler und Kunstvereine im Erdgeschoss der Villa Ausstellungen veranstalten.

Musikschule Die Halle ist den Werken von Otto Flath vorbehalten. Die Werkstatt Otto Flaths, lange Zeit Atelier für Stipendiaten, die auch im ersten Stock der Villa wohnten, wird derzeit nicht genutzt. Nachdem die Stadt keine Stipendien mehr für die Villa ausschreibt, ist der Verein für Jugend und Kultur in die Etage gezogen und bietet Kurse der Jugendmusikschule an. Hierin sieht die Jüdische Gemeinde mögliche Synergie-Effekte, denn auch die Kinder der interreligiösen Kita könnten durch die Fachkräfte der Schule an Musik herangeführt werden.

Außerdem verweist die Gemeinde auf die jüdische Geschichte der Villa. Sie war von 1908 bis zur Vertreibung durch die NS-Regierung ein jüdisches Waisenheim, gegründet und geleitet von der jüdischen Sozialpolitikerin Sidonie Werner aus Hamburg, nach der die Gemeinde ihren Kindergarten benannt hat. Sidonie Werner leitete das Waisenheim mit Haushaltsschule an der Bismarckallee bis zu ihrem Tod am 27. Dezember 1932. Bis Anfang 1939 wurde das Sidonie-Werner-Heim als jüdisches Kinderheim geführt und dann von den Nazis geschlossen. Sidonie Werners Nachfolgerin Gertrud Katzenstein wurde deportiert und kam 1942 im KZ Theresienstadt ums Leben. Die Mitarbeiterin Frieda Epstein wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Für beide ließ die Jüdische Gemeinde Stolpersteine vor der Villa verlegen.

Besitzverhältnisse Die drei Häuser, die sich in jüdischem Besitz befanden, wurden enteignet und von der NS-Stadtverwaltung zum Verkauf angeboten. Wilhelm Burmester förderte Otto Flath und kaufte gemeinsam mit seiner Ehefrau das Anwesen vom damaligen NS-Bürgermeister Hans Koch für nur 14.000 Reichsmark. Nach Wilhelm Burmesters Tod blieb es im Besitz von Ellen Burmester. Der Holzkünstler Otto Flath kümmerte sich nicht um die tragische jüdische Vergangenheit des Hauses. Er sah sich seiner Holzbildhauerkunst verpflichtet und arbeitete vor allem an christlichen Motiven und Altären.

Grundsätzlich hat die Stadtverwaltung den Antrag der Jüdischen Gemeinde auf Erweiterung des Kindergartens um eine bis zwei Gruppen bewilligt und in den Kita-Bedarfsplan aufgenommen, was jedoch nicht heißt, dass es beim gewünschten Standort bleiben muss. »Wir sehen das nicht an den Standort Villa Flath gekoppelt«, sagen Ursula Michalak und Wolfgang Tödt. Der BBS-Politiker, auch Vorsitzender des Bauausschusses, bedauert, dass es keine klare Rechtsauskunft über das Testament von Otto Flath gibt. »Das ist ein schwebendes Verfahren«, sagt er.

Ob die Villa also zu einem Kindergarten umgebaut werden kann, sei ebenso fraglich wie die Tauglichkeit der Räume nach dem Kita-Gesetz. »Wir müssten zudem prüfen, welche Kosten durch einen Umbau zu einer Kita auf uns zukommen«, sagt SPD-Stadtvertreter Jens Lichte. Nach Aussage des Förderkreises Kulturforum Otto Flath jedenfalls ist ein Umbau nicht möglich. Stadt, Kreis, Stiftungsbeirat und Stiftungsaufsicht signalisierten hingegen, dass ein Umbau durchführbar sei.

Erinnerung Bürgermeister Schönfeldt wird deutlich: »Otto Flath hat verfügt, dass das Haus so bleiben soll, wie es zu seinen Lebzeiten war, damit sich die Menschen auch nach seinem Tod an ihn erinnern.« Doch schon der erste Testamentsvollstrecker habe die Villa umbauen lassen. Zudem habe Otto Flath nie gewollt, dass andere Künstler durch Ausstellungen in der Villa seine Werke verdrängen.

Schönfeld freut es aber, dass die Jüdische Gemeinde als Träger zwei weitere Kita-Gruppen einrichten möchte. »Ich würde es begrüßen, wenn sich die Jüdische Gemeinde bereitfände, die Kita auch an einem anderen Standort einzurichten«, sagt Schönfeld.

Eine Chance bleibt der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg noch. Möglicherweise kann sie als eventuelle Rechtsnachfolgerin Ansprüche auf die Villa geltend machen, die vor der Schoa jüdisches Eigentum war und vom Nazi-Regime enteignet wurde.

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

München

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Das neue Familienzentrum lud in der Reichenbachstraße zu einem »gemein(de)samen« Nachmittag ein

von Esther Martel  20.01.2026

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Interview

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht«, welche politischen Entwicklungen ihnen Sorge bereiten

 19.01.2026

Interview

»Die Kita wird für alle offen sein«

Yevgeny Kutikov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Potsdam, über die erste jüdische Kita in Brandenburg.

von Christine Schmitt  19.01.2026

Dachau

2025 mehr als eine Million Besucher in KZ-Gedenkstätte

Erstmals wurden in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein ganzes Jahr lang Besucher gezählt. 2025 waren es mehr als eine Million. Im kommenden Frühjahr will man deren Profil genauer untersuchen

 19.01.2026