Ukraine-Krieg

Kinder aus Odessa

Ihren fünften Geburtstag wird Sara wahrscheinlich nicht so schnell vergessen, denn an diesem Tag kam sie mittags mit weiteren 106 Kindern sowie mit Betreuern in Berlin an. Mehrere Tage hatte die Fahrt aus dem südukrainischen Odessa gedauert, die über Moldawien, Rumänien, Ungarn und Tschechien nach Deutschland führte. Im Hotel gab es Luftballons, und es wurde für sie ein Geburtstagsständchen gesungen.

Koffer Als die Kinder kurz zuvor aus den beiden Bussen ausgestiegen waren, sahen sie müde und abgekämpft aus. Einige hatten ein Kuscheltier unterm Arm, andere zogen Koffer hinter sich her. Zur Stärkung gab es dann etwas zu essen – Cornflakes, Obst und Brote –, die Zimmer mussten aufgeteilt werden, und abends wurde Schabbat gefeiert.

»Sie sind erschöpft, aber gesund bei uns in Berlin angekommen, worüber wir sehr glücklich sind«, so Jana Erdmann, Pressesprecherin von Chabad Lubawitsch. Ein Teil der Kinder sind Waisenkinder, andere wurden von ihren Eltern oder anderen Verwandten auf die Fahrt geschickt. Es gibt einige Kleinkinder, die meisten aber sind zwischen drei und 18 Jahren alt.

Frank-Walter Steinmeier sprach direkt mit den geflüchteten Kindern und Jugendlichen.

Die Mädchen und Jungen würden allmählich etwas auftauen und anfangen, von ihrem Schicksal und ihren Erlebnissen zu berichten, beobachtet Jana Erdmann. Allerdings gebe es auch ein vierjähriges Mädchen, das bisher noch kein einziges Wort gesagt hat.

Das jüngste Kind ist knapp drei Monate alt. Da der Junge mit seiner Mutter in einer umzingelten Stadt lebte, entschied sie sich zu einem schweren Schritt: Sie trennte sich von ihrem Baby und gab es mit auf die Reise nach Deutschland. »Alle Mädchen im Teenageralter kümmern sich rührend um ihn«, sagt Jana Erdmann. Eine Betreuerin natürlich auch. Sie habe den Jungen noch kein einziges Mal weinen gehört.

Verpflegung Das Waisenhaus der Gemeinde Mishpacha Chabad war evakuiert worden, weil in Odessa ein Angriff der russischen Armee befürchtet wurde. Chabad Berlin hatte über die Verbindungen zu seinen Schwestergemeinden in der Ukraine die Ausreise der Kinder erwirken können und rief bereits öffentlich zu Spenden auf, als sich die Busse noch auf der Straße befanden. »Überwältigend« nennt Jana Erdmann die Reaktion auf den Hilfeaufruf.

»Es gab ein riesiges Feedback. Wir haben Kinderschuhe, warme Jacken, Spielzeug bekommen«, erzählt sie. Mit Spenden allein sei die Bereitschaft zu helfen aber nicht erschöpft gewesen: »Jüdische und nichtjüdische Berliner zeigen ihre Anteilnahme, wollen helfen, sortieren Sachen. Viele kamen einfach nur, um etwas vorbeizubringen – und blieben dann über vier bis fünf Stunden.«

Für die Unterbringung der Flüchtlinge hat Chabad Zimmer in einem Hotel in der Nähe der Synagoge gebucht. Dazu kommt noch die koschere Versorgung. »Auf etwa 144.000 Euro werden sich die Kosten für vier Wochen belaufen. Bitte helfen Sie uns«, so Rabbiner Yehuda Teichtal, Vorsitzender von Chabad Berlin, auf Facebook. »Eine Küche des Hotels wurde koscher gemacht, um die Kinder vor Ort verpflegen zu können.« Er rechnet allein mit täglichen Verpflegungskosten von 40 Euro für jede Person.

besuch Wie viel Beachtung die Rettung der jüdischen Kinder aus Odessa in der Öffentlichkeit findet, zeigte sich spätestens, als der erste Mann des Staates, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dem Jüdischen Bildungszentrum von Chabad Berlin am Montag einen Besuch abstattete. »Ich bin dankbar und glücklich, dass die Kinder und Jugendlichen nach einer langen Reise wohlbehalten hier in Berlin angekommen sind«, sagte er dort erleichtert.

»Chabad hat sofort und ohne zu zögern die Initiative ergriffen und leistet hier im Bildungszentrum tatkräftig Hilfe«, wurde der Gastgeber von Steinmeier gelobt, der in Begleitung seiner Frau Elke Büdenbender und zusammen mit der Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) gekommen war.

Im Anschluss an Steinmeiers Ansprache ging es für ein kurzes Gebet in die Synagoge und anschließend zum Mittagessen in den Speisesaal des Jüdischen Bildungszentrums. Dort wurde der Bundespräsident von den Kindern und Jugendlichen spontan mit dem hebräischen Lied »Hevenu Schalom Alechem« – »Wir haben euch Frieden gebracht« – begrüßt. Beim Essen tauschte sich das Staatsoberhaupt dann direkt mit einigen von ihnen aus.

Rabbiner Yehuda Teichtal nennt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen Frank-Walter Steinmeier einen »außerordentlichen Menschen mit einem großen Herz«. Dessen Besuch sei für die Kinder und Jugendlichen aus Odessa eine besondere Freude gewesen und gebe ein wenig Mut und Hoffnung in dieser schweren Zeit.

PERSPEKTIVE Die Kinder bleiben jetzt erst einmal in dem Hotel. Doch so schnell wie möglich sollen sie Kitas oder Schulen besuchen. Das werde natürlich schwierig, weil sie kein Deutsch können, meint Jana Erdmann.

Die Kinder sind in dem Waisenhaus zusammen gewesen und sollen das auch bleiben. Erdmann hofft auf eine Immobilie, in der alle unterkommen können. Einige Kinder haben Verwandte in Deutschland, vielleicht werden sie zu ihnen weiterreisen. »Einige ziehen sicherlich auch weiter nach Israel oder Frankreich zum Beispiel«, sagt Jana Erdmann. Die dritte Option ist, darauf zu warten, bis sie in die Ukraine zurückkehren können. »Aber es sieht nicht gut aus, dass sie in absehbarer Zeit zurück in ihre Heimat können.«

Freiwillige haben für die nächsten Wochen ein Programm auf die Beine gestellt, sodass die Kinder Berlin kennenlernen können und eine Tagesstruktur haben, bis für sie der Besuch von Kitas oder Schulen möglich sein wird.

In der Nacht von Montag auf Dienstag kamen 120 weitere Menschen in Berlin an.

Über die mittel- und langfristige Perspektive der geflüchteten Kinder in Berlin ist Rabbiner Teichtal im Gespräch mit Bildungssenatorin Busse sowie mit Katja Kipping (Linke), der Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales. Auch die Worte des Bundespräsidenten bei seinem Besuch im Bildungszentrum von Chabad Berlin ließen anklingen, dass ihre Flucht nach Deutschland mehr als nur einen vorübergehenden Aufenthalt bedeuten könnte. So hoffe er, dass die Kinder »bald wieder die Möglichkeit haben, mit andern Kindern zu spielen, dass sie sich in einen neuen Alltag einfinden, dass sie neue Freundschaften schließen und auch eine neue Sprache erlernen können«.

Chabad Die Frage, wie es nun für sie weitergeht, stellt sich bei Chabad Berlin mittlerweile auch für eine zweite Gruppe Flüchtlinge. Mitten in der Nacht von Montag auf Dienstag kamen etwa 120 weitere Menschen in der deutschen Hauptstadt an, darunter überwiegend Mütter mit ihren Kindern. Damit hat sich die Zahl der Menschen, um die sich Chabad Berlin kümmert, verdoppelt.

Rabbiner Teichtal kommentierte in einer Pressemitteilung diesen Zuwachs an Flüchtlingen aus der Ukraine mit folgenden Worten: »Wir freuen uns, den Kindern einen sicheren Hafen bieten zu können. Vor 80 Jahren mussten Juden aus Deutschland fliehen. Heute nimmt Deutschland jüdische Flüchtlinge auf. Was für eine Entwicklung!«

Informationen zu Spendenmöglichkeiten sind unter www.chabadberlin.de zu finden.

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