Limmud

Kibbuz am Werbellinsee

Für Joel, Rouven, David und Nathan ist es nicht das erste Mal. Die Jungen aus Berlin – zwischen zwölf und 14 Jahren alt – kennen das jüdische Lernfestival am Werbellinsee schon aus den Vorjahren.

Doch beim 7. Limmud-Treffen steht ihnen eine andere Art von Premiere bevor: Die Jungen wollen zusammen mit der zwölfjährigen Rebecca Sonnenschein und Sebastian Haupt, dem Vater von Joel und Rouven, die erste »Limmud-Zeitung« herausbringen. Worüber sie schreiben wollen, darauf können sich die jungen Autoren aber anfangs überhaupt nicht einigen. Nur eines steht fest: Alle möchten einen Blick in die koschere Küche werfen.

Eruv Während die Jugendlichen am Donnerstagnachmittag in der Europäischen Jugendbegegnungsstätte noch über ihrem medialen Schlachtplan brüten, befestigt der Journalist Oliver Bradley schon einmal die Seile für den Eruv, den Schabbatbezirk, an den Bäumen auf dem Gelände der ehemaligen Pionierrepublik »Wilhelm Pieck«. Von Weitem erinnern die weißen Gebäude im Grünen an einen großen Kibbuz.

Unterdessen beginnen die ersten Veranstaltungen. 400 Teilnehmer, unter ihnen fast 90 Kinder und Jugendliche, und deutlich mehr Israelis als in den Vorjahren, sind mit Bussen, Bahn, Shuttles und Privatautos in die Schorfheide gereist. Mehr als 180 Diskussionen, Seminare und Workshops stehen in den vier Tagen vom 29. Mai bis zum 1. Juni auf dem Programm. Ein Rekord.

Doch bei allem Lerneifer und auch der Selbstvermarktung, die das Event für jüdische Organisationen und Strömungen bedeutet, geht es nach dem Vorbild von Limmud in Großbritannien um mehr: darum, eine tolerante jüdische Gemeinschaft zu bilden, in der jeder und jede akzeptiert wird – egal, ob orthodox, liberal oder säkular.

schacharit Freitagmorgen, acht Uhr früh: Vogelgezwitscher dringt in die improvisierte Synagoge in der alten Disco. Die Bima, ein einfacher Tisch, wird ein Stück nach vorne geschoben, damit auch eine Beterin, die schlecht laufen kann, direkten Zugang zur Torarolle bekommt.

Während Masorti-Rabbinerin Gesa Ederberg den Schacharit-Gottesdienst zu Rosch Chodesch, dem Beginn des jüdischen Monats Siwan, gestaltet, hat sich in Haus 7 der orthodoxe Minjan versammelt. 15 Männer, unter ihnen die Rabbiner Arie Folger, Netanel Wurmser und Saul Freiberg, verrichten das Morgengebet. Ihr melodiöser Gesang dringt nach draußen auf die Wiese – und berührt auch Menschen, die nicht regelmäßig jüdische Gotteshäuser besuchen.

»Die Sonne scheint, die Location liegt mitten im Grünen, die Atmosphäre ist entspannt«, sagt der Limmud-Vorsitzende Jonathan Marcus. Nach diversen Jahren Erfahrung wirkt das Limmud-Team – alles Freiwillige – erfahren und gelassen.

Israel Doch die inhaltlichen Diskussionen sind durchaus spannungsgeladen: Gusti Yehoshua Braverman, Leiterin der Abteilung für Diaspora-Aktivitäten der World Zionist Organization (WZO), präsentiert beim erstmalig angebotenen »Hebrew Space« in Zusammenarbeit mit dem deutschen WZO-Gesandten Rotem Malach und anderen Mitarbeitern sowie dem Wirtschaftsjournalisten Matan Hodorov aus Israel Seminare, Vorträge und Hebräisch-Unterricht für Anfänger – und redet illusionslos über eine wachsende Entfremdung zwischen jungen Diaspora-Juden und Israel.

Ebenfalls zur Sache kommt Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg, beim Thema »Blühende Landschaften oder verblühende Schönheiten? Jüdische Gemeinden in der Sinnkrise«. Auch eher orthodox sozialisierte Vorsitzende müssten alle Strömungen des Judentums fördern, sonst drohe das Konzept der Einheitsgemeinde zu scheitern, warnt Rubinstein.

Entertainerqualitäten beweist Shmuley Boteach beim voll besetzten Workshop »Kosher Lust«. Der US-Rabbi spricht über die These seines neuen Buchs: Nicht Liebe, sondern Lust sei der Schlüssel zu einem erfolgreichen Eheleben (vgl. S. 21). Doch der Autor erntet auch Widerspruch, vor allem von Frauen. Ein großer Erfolg ist die israelische Kabbalat Schabbat »Let’s Start Davening« am Freitagabend: Fast 200 Menschen versammeln sich in der Disco.

Hawdala Am späten Samstagabend, kurz vor 23 Uhr, kommen dann noch einmal über 200 Teilnehmer auf der großen Wiese zusammen – zur gemeinsamen Hawdala. Die Zeremonie zum Schabbatausgang leitet Rabbiner Folger. Rabbinerin Ederberg stellt ihm den Kiddusch-Becher ihrer Gemeinde zur Verfügung.

Und ob orthodox oder liberal, über eines sind sich fast alle Limmudniks einig: Das koschere Essen von Elfenbein aus Berlin schmeckt hervorragend. Wie erwartet widmet sich die Limmud-Zeitung – sie erscheint am Sonntagmorgen – vor allem dem Catering.

Doch es gibt auch Interviews. Ilja Barskiy (28) aus Düsseldorf, Madrich bei der Kinderbetreuung von Limmud, sagt, an dem Festival möge er, »dass die Leute Kippot auf dem Kopf tragen. Dass es einen Eruv gibt – und dass Menschen aus mehreren jüdischen Richtungen zusammenleben können«.

Bus
Als »segensreiche Tätigkeit« bezeichnet Netanel Wurmser, Landesrabbiner der IRGW, das jüdische Lernen bei Limmud. Auch diesmal sind viele Mitglieder aus Stuttgart mit einem extra gecharterten Bus an den Werbellinsee gereist: »Vielleicht sollten das mehr Gemeinden so organisieren«, meint der orthodoxe Rabbiner.

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