Halle

Keine gute Adresse

Die Reaktionen auf seinen Aufruf, die Emil-Abderhalden-Straße in Halle umzubenennen, haben Johannes Varwick überrascht. Der kürzlich an die Martin-Luther-Universität Halle berufene Politologe wollte mit seinem Institut nicht an einer Straße residieren, die nach einem bekannten Eugeniker und Unterstützer des Naziregimes benannt ist.

Doch der Widerstand gegen seinen Appell, den er vergangenen Oktober gemeinsam mit vier weiteren Professoren aufgesetzt hatte, ist enorm. Längst gibt es um den lokalen Geschichtsverein »Zeit-Geschichte(n)« eine Gegeninitiative. Und auch der für Straßenumbenennungen verantwortliche Kulturausschuss des Stadtrats weigert sich bislang beharrlich, den Namen zu ändern.

Dabei sind Abderhaldens NS-Verstrickungen belegt: Der 1877 in der Schweiz geborene und in Deutschland als Biochemiker zu Ansehen gekommene Forscher unterzeichnete in der Hoffnung, dass seine »rassehygienischen« Vorstellungen umgesetzt würden, den 1934 im Völkischen Beobachter abgedruckten Aufruf »Deutsche Wissenschaftler hinter Adolf Hitler«.

Leopoldina Zudem sorgte er als Präsident der Hallenser Wissenschaftsakademie Leopoldina in vorauseilendem Gehorsam dafür, dass deren jüdische Mitglieder ausgeschlossen wurden. Ohne dass eine direkte Aufforderung an die Leopoldina erging, teilte er 1938 seinem Gauleiter mit, dass alle Juden der Akademie »ausgemerzt« worden seien. Nach dem Krieg behauptete er hingegen, seine jüdischen Mitglieder geschützt zu haben, und blieb bis zu seinem Tod 1950 Präsident der Gelehrtenakademie.

Dennoch halten die Stadträte von CDU, FDP und Linkspartei in Halle mit Verweis auf Abderhaldens soziale Verdienste um die Stadt am Straßennamen fest. Absurderweise wird zur Entlastung des Forschers auch immer wieder auf seine fehlende NSDAP-Mitgliedschaft hingewiesen, obwohl er als Schweizer Staatsbürger überhaupt kein Parteimitglied werden konnte.

Ausschluss Eine unrühmliche Rolle spielt in dieser Diskussion auch die Leopoldina. In einer Anhörung vor dem Hallenser Stadtrat bestand die Generalsekretärin der Akademie, Jutta Schnitzer-Ungefug, darauf, ihr ehemaliger Präsident sei weder Antisemit noch Nationalsozialist gewesen. Weiter sagte sie, die Entfernung der Juden aus der Mitgliederkartei sei zudem nur mit Bleistift erfolgt – womit Schnitzer-Ungefug eine in der Forschung längst widerlegte Behauptung wiederholt, die Juden seien weiterhin passive Mitglieder gewesen.

Immerhin verwendete die Leopoldina dieses Argument in einer Stellungnahme gegenüber dieser Zeitung nun nicht mehr. »Aus welchen Gründen Abderhalden die Streichungen mit Bleistift vorgenommen hat, lässt sich heute nicht mehr sicher rekonstruieren«, heißt es da. Daneben werden auch immer wieder Abderhaldens vermeintliche wissenschaftliche Verdienste ins Feld geführt.

Abwehrfermente Bekannt wurde der Biochemiker jedoch vor allem durch die »Entdeckung« der obskuren »Abwehrfermente«. Diese Theorie stellt nach heutigen Maßstäben einen gigantischen Fall von Wissenschaftsbetrug dar. Zu trauriger Berühmtheit gelangten die »Abwehrfermente«, anhand derer sich rassenspezifische Immunreaktionen nachweisen lassen sollten, durch die von dem KZ-Arzt Josef Mengele durchgeführten medizinischen Versuche in Auschwitz.

Aus all diesen Erkenntnissen zog die Berliner Humboldt-Universität bereits 2010 die Konsequenz und widmete ein nach Abderhalden benanntes Gebäude um. Die Hallenser wollen sich endgültig erst im Sommer entscheiden, wenn ein von der Leopoldina in Auftrag gegebenes »neutrales« Gutachten über Abderhalden vorliege.

Die Zeit drängt, denn 2015 sollen zahlreiche Universitätsinstitute in das an der Emil-Abderhalden-Straße gelegene neue »Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum« umziehen. Und gerade deshalb sei es jetzt an der Zeit, sich über den Straßennamen Gedanken zu machen, so Johannes Varwick. »Das würde Schaden von der Universität abwenden.«

Düsseldorf

Das Om im Schalom

Die Jüdische Volkshochschule bietet Kurse an, die Yoga und Judentum verbinden. Das Online-Angebot ist auch offen für andere Gemeinden und Interessenten

von Annette Kanis  13.07.2026

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Gemeindetag

Zusammen füreinander

Vom 17. bis zum 20. Dezember treffen sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Berlin – für viele wird es ein lang ersehntes und freudig erwartetes Wiedersehen

von Katrin Richter  09.07.2026

Machanot

Kleine Auszeit

Die Koffer sind gepackt, gut gelaunt fahren die Kinder ins Ferienlager. Doch auch die Eltern haben Pläne, wollen renovieren, verreisen oder finden ein neues Hobby. Wir haben uns umgehört

von Christine Schmitt  09.07.2026

Maccabiah

»Jetzt erst recht«

Die Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland sind hoch motiviert. Für manche ist es nicht das erste Mal, dass sie in Israel dabei sind – bei den Medaillen spielen sie ganz vorn mit

von Sabine Brandes  08.07.2026

Programm

Schostakowitsch, Punk und Nathan in der Schwebebahn: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 9. Juli bis zum 16. Juli

 08.07.2026