Geschichte

»Kein anderes Mittel als aufzuklären«

Julius H. Schoeps Foto: picture alliance/dpa

»Kaum ein Wissenschaftler steht so sehr für das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in Deutschland wie Julius H. Schoeps.« So schrieb der »Tagesspiegel« anlässlich des 80. Geburtstags des Historikers am 1. Juni. Zahlreiche Gratulanten wünschten und wünschen ihm in diesen Tagen Gesundheit und viel Kraft, sein Lebenswerk weiter erfolgreich fortzusetzen, darunter auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch.

Beide verbindet das Schicksal ihrer von den Nazis verfolgten Väter. Der Einsatz von Julius H. Schoeps und Charlotte Knobloch gegen Antisemitismus und Judenhass ist nur eine Konsequenz früher Kindheitserfahrungen. Für dieses stete Engagement haben beide den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten.

vermittlung Die Wege, die sie dabei gehen, sind unterschiedlich. Der Wissenschaftler hat das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam ins Leben gerufen, schreibt Bücher, hält Lesungen und Vorträge. Letztere sind auch das Mittel der Vermittlung, die Charlotte Knobloch nutzt – vor Schülern ebenso wie vor Erwachsenen.

Ein zweites Thema, bei dem beide am selben Strang ziehen, ist der Umgang mit Sprache. Sowohl der Historiker Schoeps als auch die Zeitzeugin Knobloch kämpfen gegen die Bezeichnung »jüdische Mitbürger« an. Schließlich sind die meisten Juden in Deutschland deutsche Staatsbürger, ohne ein trennendes »Mit«.

Julius H. Schoeps und Charlotte Knobloch verbindet das Schicksal ihrer von den Nazis verfolgten Väter.

Beide schätzen einander. Nach der Wahl von Charlotte Knobloch zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland schrieb Julius Schoeps im Juni 2006 in einem Artikel: »Charlotte Knob­loch tritt ein schwieriges Amt an. Es ist eine heikle Gratwanderung, die ihr bevorsteht.« Sie müsse die Interessen der in Deutschland lebenden Juden vertreten.

arbeitsschwerpunkte Und er fuhr fort: »Bei ihrer ersten Pressekonferenz in der vergangenen Woche hat Charlotte Knobloch erklärt, sich zwei Arbeitsschwerpunkte setzen zu wollen. Einmal die Stärkung des Selbstverständnisses der Juden in Deutschland, zum anderen den Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus.«

Bei der Verleihung der Moses Mendelssohn Medaille an den Verleger, Kunsthistoriker und Visionär Hubert Burda 2015 wirkten Schoeps und Knobloch auf anderer Ebene zusammen. Die Auszeichnung fand im Saal des jüdischen Gemeindezentrums in München statt. Der Gründungs­direktor und Vorstand der Moses Mendelssohn Stiftung, Julius Schoeps, überreichte die Ehrung. In ihrer Laudatio würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die ebenso Trägerin dieser Auszeichnung ist, Burdas besondere Verdienste um das deutsch-jüdische Verhältnis.

Ein weiteres, aktuelles Projekt, bei dem Schoeps und Knobloch zusammenarbeiten, ist das Mahnmal »Gleis 17« in Berlin-Grunewald. Von hier aus wurden in der Nazizeit mehr als 50.000 Berliner Juden in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert und großenteils ermordet. Daran erinnert das Mahnmal. Etwa 300 Meter östlich davon plant die Moses Mendelssohn Stiftung einen studentischen Campus als »Dokumentationszentrum und Gedenkort«.

projekt IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch hat die Schirmherrschaft übernommen. Das Projekt stelle die »Perspektive der Verfolgten in den Vordergrund«, erinnere aber auch an diejenigen, die Juden trotz möglicher Sanktionen geholfen haben, der Deportation zu entgehen. »Dieser Mut und diese tiefe Menschlichkeit dürfen niemals in Vergessenheit geraten«, sagte Knobloch.

In einem Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen zu seinem 75. Geburtstag bezeichnete Julius Schoeps den Kampf gegen Antisemitismus ein wenig resignierend als einen gegen die sprichwörtlichen Windmühlenflügel. Je älter er werde, desto mehr reife in ihm das Bewusstsein, dass der Aufklärung Grenzen gesetzt seien. »Aber trotz des Wissens um diese Grenzen weiß ich kein anderes Mittel als aufzuklären.«

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

München

Erinnerung heißt Verantwortung übernehmen

Vertreter aus Politik und Gesellschaft diskutierten im Bayerischen Landtag zum Thema »Der neue alte Wahn – der moderne Judenhass«

von Esther Martel  08.11.2026

Porträt der Woche

Überlebt im Versteck

Ernst O. Krakenberger wurde als Kleinkind gerettet und war später Hopfenhändler

von Matthias Messmer  08.11.2026

München

Knobloch: »Bei der Eröffnung sind mir die Tränen heruntergelaufen«

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern spricht im Interview über die Eröffnung der Ohel-Jakob-Synagoge, den wachsenden Antisemitismus und dem Wahlsieg der Linken in Berlin

von Christiane Ried  06.11.2026

Bayern

Charlotte Knobloch wünscht sich Ilse Aigner als Bundespräsidentin

Die bayerische Landtagspräsidentin »lebt mit den Menschen, nicht über ihnen«, so Knobloch

 06.11.2026

München

Für Begegnung und Austausch

Die 40. Jüdischen Kulturtage wurden vergangene Woche mit einem großen Festakt im Cuvilliés-Theater eröffnet

von Luis Gruhler  05.11.2026

Auszeichnung

Grand Hospital Award für Waldkliniken Eisenberg

Mit einer eigenen Synagoge und einem besonderen Behandlungskonzept für jüdische Patientinnen und Patienten wurden die Waldkliniken Eisenberg bekannt. Nun erhalten sie die höchste Krankenhaus-Auszeichnung

 05.11.2026

Dresden

Ein besonderer Schabbat

Köchin Sibel Cuniman Pinto serviert traditionelle sefardische Gerichte – und die Geschichten dazu

von Karin Vogelsberg  05.11.2026

Berlin

Neuer Gedenkstein für Margot Friedländer

Um die Erinnerung an das Vermächtnis Margot Friedländers wachzuhalten, ist am Donnerstag ein Gedenkstein mit ihrem Porträt auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee niedergelegt worden. Der Künstler ist ein 16-jähriger Schüler aus der Ukraine

 05.11.2026