Engagement

Karriere einer Madricha

»Es ist cool, mit Jugendlichen aus der ganzen Welt in Kontakt zu sein«: Joelle Abaew (16) Foto: Chris Hartung

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Karriere einer Madricha

Die 16-jährige Joelle Abaew wird Vizepräsidentin der internationalen Jugendorganisation BBYO

von Christine Schmitt  23.05.2023 22:17 Uhr

Ungezählte Fotos kleben an der Wand in ihrem Zimmer. Alle im Retrostil. Daneben hängt die Flagge der BBYO. Auf den Bildern sind die Alpen abgebildet, das Washington Monument ragt empor und der Buckingham-Palast wirkt einladend. Joelle Abaew mag Sehenswürdigkeiten von Orten, an denen sie schon war.

Aber am meisten springen einem die fröhlichen Gesichter ihrer Freunde und Bekannten ins Auge. »Seit Jahren schleppe ich immer eine Filmkamera mit mir herum, um alles festzuhalten«, sagt Joelle. Sie ist bereits bei Kamera Numero drei angelangt. Das einzige Gesicht, das auf ihrer Fotowand fehlt, ist ihr eigenes.

»Ich kenne es ja«, meint die 16-Jährige. Ihr seien die anderen wichtig. Und der Austausch mit ihnen. Ihr Schreibtisch ist voll mit Papieren, Heften und Büchern, denn neben der Schule hat sie viel zu tun. Ab Juni wird sie den Austausch noch weiter intensivieren, denn da beginnt ihre Amtszeit als Vizepräsidentin im internationalen Vorstand der BBYO -– und sie freut sich riesig darauf. »Ich möchte allen Jugendlichen eine Stimme geben, sie vernetzen und ihnen bewusst machen, dass Vertrauen in sie gesetzt wird.«

USA »Dies ist doch eine besondere Sache, als deutsche Vertreterin erstmals Vertreterin aller Länder zu sein«, sagt Nachumi Rosenblatt, Leiter des Jugendreferats der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST), die seit fünf Jahren eine Partnerschaft mit BBYO, der internationalen jüdischen Jugendorganisation mit Sitz in den USA, führt. Diese veranstaltet einmal jährlich einen internationalen Jugendkongress für 14- bis 18-Jährige. Dieses Jahr nahm die ZWST als deutsche Vertretung mit einer Delegation von über 60 Personen teil, die größte – nicht nordamerikanische – Delegation an der Veranstaltung, bei der Joelle gewählt wurde. Die 16-Jährige wird den deutschen Vorstand verlassen, um sich im internationalen einbringen zu können.

BBYO erreicht nach eigenen Angaben jährlich fast 70.000 Teenager.

Bei BBYO werden alle Programme von Jugendlichen erarbeitet und organisiert. Joelle möchte die globale Community stärken. Es werden Sommer-Programme, Reisen und Workshops auf die Beine gestellt. »BBYO ist die führende pluralistische jüdische Teenagerbewegung, die danach strebt, mehr jüdische Teenager in sinnvollere jüdische Erfahrungen einzubeziehen.« Jüdische Teenager aller Hintergründe, Konfessionen, Geschlechter, Hautfarben, sexuellen Orientierungen oder sozioökonomischen Status seien willkommen. In Nordamerika sei es schon sehr stark, in Europa müsse es noch mehr aufgebaut werden, so Joelle. BBYO erreicht nach eigenen Angaben jährlich fast 70.000 Teenager und dient als »größte und wertvollste Plattform der jüdischen Gemeinde, um unterhaltsame, sinnvolle und erschwingliche Erfahrungen zu machen«.

»Es ist cool, mit Jugendlichen aus der ganzen Welt in Kontakt zu sein«, sagt Joelle. Die Mitstreiter empfinde sie auch als eine kleine Familie. Und natürlich sei es eine tolle Sache, in die USA zu reisen, um die ZWST an einem Kongress zu vertreten. Die Kandidatur sei ziemlich aufwendig gewesen. »Ich musste eine Rede vorbereiten, ein Plakat anfertigen, aber ich würde es nicht machen, wenn es nicht so viel Spaß bringen würde.« Und weiter: »Ich freue mich auf die Herausforderungen und die Arbeit, aber ich bin auch etwas wehmütig, dass ich nun den Jugendvorstand der ZWST verlassen muss.«

ZWST Denn für die ZWST hat sie bisher zusammen mit David aus Essen das Projekt koordiniert. »Nun muss ich mein Baby abgeben.« Das Ziel der Kooperation sei es, mehr Jugendliche in die Jugendzentren zu bringen und Jugendlichen in Deutschland eine Stimme in der ZWST zu geben. »Wenn sie etwa 15 Jahre alt sind, dann verlieren wir sie«, meint sie, die sich im Olam als Madricha engagiert. »Jeder kann etwas dafür tun, weiter Spaß dort zu haben.« WhatsApp-Gruppen seien zwar gut und schön, würden aber nicht ausreichen. Aber vielleicht, wenn man immer wieder aufzeigt, dass sie den Nachmittag selber gestalten können?

Wie man gut plant, weiß sie bereits. »Ich würde sagen, dass ich mich sehr gut organisieren kann.« Ihr Kalender sei voll. Manchmal fühle sie sich auch etwas gestresst. Die Balance muss stimmen, aber sie habe die Erfahrung gemacht, dass immer alles gut werde. 2016 – da war sie neun Jahre alt – besuchte sie zum ersten Mal das Olam. Sie blieb bis jetzt und möchte sich auch weiter dort engagieren. Auf Machanot war sie dann ganz fasziniert, mit so vielen jüdischen Leuten zusammen sein zu können. Denn nach der Heinz-Galinski-Schule besuchte sie ein Gymnasium in Zehlendorf, wohin die Familie aus Charlottenburg mittlerweile gezogen war. »Da fehlte mir das jüdische Umfeld.«

Im Olam ist ihr auch die Kooperation mit BBYO begegnet, als sie vor zwei Jahren von dieser Organisation zum ersten Mal hörte. Prompt dachte sie sich, dass sie Lust hätte, etwas zu bewirken. Seitdem begleiten sie viele Meetings, mehrere Reisen in die USA zu den Treffen, zu denen mehrere Tausend Juden aus der ganzen Welt kommen, und der Gedanke, dass jeder etwas auf den Weg bringen kann.

Denn bei BBYO bestimmen die Teilnehmer die Strukturen und Themen. »Ja, es ist sehr zeitaufwendig, und ich nahm mir sofort vor, es nicht larifari nebenbei zu machen, sondern richtig.« Sie habe die Erfahrung gemacht, wie viel sich in einem Jahr in der ZWST-Jugend entwickeln konnte. Eigentlich war es ja doch ein Zufall, dass sie im richtigen Moment im Olam war, als BBYO Thema wurde. »Aber Zufälle gibt es nicht, es war Schicksal.« Ihr hätte nichts Besseres passieren können. Ihre Eltern unterstützen sie.

ANFAHRT Die Schule hat sie mittlerweile gewechselt und nimmt nun morgens und nachmittags eine knappe Stunde Anfahrt in Kauf, um das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn zu besuchen. »Da habe ich das Gefühl, verstanden zu werden. Und ich erfahre viel Unterstützung für mein Engagement bei der ZWST und BBYO.« Sie müsse nun keinem mehr erklären, was sie mache. So kommt es, dass sie zwei Freundeskreise hat, einen mit Schülern ihres alten Gymnasiums, der andere mit jüdischen Jugendlichen.

Wenn sie nachmittags von der Schule nach Hause kommt, müsse sie sich erst einmal für ein paar Minuten aufs Bett schmeißen. Dann habe sie noch andere Termine wie Klarinetten-Unterricht, das Tennis-Training oder einen Workout im Fitnessstudio. »Ich mache gerne Sport, das ist auch ein guter Ausgleich für das lange Sitzen vor dem Bildschirm.« Aber noch lieber treffe sie sich mit Freunden. »Alleinsein ist nichts für mich.« Deshalb lerne sie auch gern mit anderen. Und sie brauche immer jemanden, mit dem sie reden könne. Für Joelle soll es jedoch nach ihrem Jahr als Vizepräsidentin nicht aufhören, deshalb nimmt die 16-Jährige momentan an den ZWST-Midor-LeDor-Seminaren Teil, um später als Madricha auf Machanot fahren zu können.

Ein anderes Ziel hat sie auch noch: »Ich würde gern die Jewrovision mal moderieren.« Am Freitag steht sie mit den anderen Tänzern auf der Bühne und hofft, den Pokal wieder nach Berlin zu holen.

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