Gemeinden

Junge Leute an der Macht

Uns gehört die Zukunft: Die Dynamik junger jüdischer Führungskräfte tut der Gemeinschaft gut – ebenso wie die Erfahrung der Älteren. Foto: imago

Wann beginnt die Zukunft? Das fragen sich viele jüngere jüdische Menschen, die sich seit Jahren in den Gemeinden und Verbänden hauptamtlich engagieren. Neben älteren Akteuren, die noch längst nicht zur Vergangenheit gehören, gestalten sie das jüdische Leben in Deutschland schon längst mit.

Für Michael Rubinstein ist jedenfalls die Zukunft schon zur Gegenwart geworden. Der Geschäftsführer der Duisburger Gemeinde ist heute 39 Jahre alt, doch schon im März 2005 übernahm er die Stelle am Innenhafen der Ruhrgebietsstadt. »Damals war ich definitiv der Jüngste«, erzählt Rubinstein rückblickend. »Meine Sekretärin stand drei Jahre vor der Rente, die meisten anderen waren mindestens zehn Jahre älter als ich.«

Neue Wege Einen Geschäftsführer einzustellen, der Anfang 30 war, dafür hatte sich der Vorstand der Duisburger Gemeinde bewusst entschieden. »Der damalige Vorsitzende Jacques Marx hatte mit meinem Vater darüber gesprochen, dass ein neuer Geschäftsführer gesucht wird. So erfuhr ich davon und sprach mit dem Vorstand.« Rubinstein war zu diesem Zeitpunkt der jüngste Geschäftsführer einer größeren jüdischen Gemeinde in Deutschland. Das war schon ungewöhnlich», betont Rubinstein.

Auch für ihn selbst. Dass er nicht als «großer Zampano», wie er sagt, auftreten konnte, war ihm klar. Doch er hatte viel vor: Der Diplom-Medienwirt war bislang in Frankfurt bei einer Tochter der Landesbank beschäftigt, kam direkt aus einem großen und modernen Unternehmen nach Duisburg. «Ich wollte die gesamte Verwaltung ummodeln – und alle haben mitgezogen!» Das war nicht selbstverständlich, findet Rubinstein selbst. Am Anfang habe er sich den Respekt erarbeiten müssen. «Zwei oder drei Leute waren etwas kritisch, aber sie haben mich arbeiten lassen.»

Nähe Die Voraussetzungen, die Rubinstein damals hatte, seien in anderen Gemeinden allerdings bis heute nicht geschaffen worden. «Wir haben da noch nicht das richtige Image. Oft heißt es gegenüber den jüngeren Menschen: ›Wartet noch ein bisschen, bald ...‹». Damit würde man, so Rubinstein, in einen Teufelskreis geraten. Die jüngeren Menschen seien ohnehin kurz vor dem Absprung. Deshalb brauche man in den Gemeinden Leute, die nah dran sind an dieser Generation und ihre Sprache sprechen. «Da müssen wir völlig umdenken.» Im Verwaltungsbereich sei eine Verjüngung wichtig, bei Erzieherinnen und Erziehern, bei den Religionslehrern. «Egal ob orthodox oder liberal: Noch scheint es nicht so attraktiv zu sein, in diese Jobs zu gehen», erklärt Rubinstein.

Auch Alexander Sperling, Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund, hatte vor nicht allzu langer Zeit andere berufliche Pläne. Vor zweieinhalb Jahren trat er mit 29 Jahren seine Stelle an. «Als der Vorstand auf mich zukam, rechnete ich gar nicht damit, Geschäftsführer in Dortmund zu werden. Und es war auch nicht unbedingt meine Karriereplanung, die ich als Diplom-Volkswirt hatte», räumt er ein. Er arbeitete als Assistent der Geschäftsführung und parallel an seiner Promotion. «Weil ich die Zeit hatte, mich für die Gemeinde zu engagieren, ist eines zum anderen gekommen, und ich habe den Posten des Geschäftsführers übernomen», erzählt Sperling.

Verantwortung Von Beginn an konnte der heute 32-Jährige eigenverantwortlich arbeiten. In der Gemeinde machte er sich keine Sorgen, wegen seines jugendlichen Alters auf Probleme zu stoßen. «Man kannte mich ohnehin, weil sich meine Familie hier schon lange engagiert. Aber als Geschäftsführer hat man auch eine wichtige Rolle in der Repräsentanz nach außenhin, zum Beispiel gegenüber der Stadt. Da hatte ich gedacht, dass es schwierig wird mit meinem Alter – aber es war unproblematisch», sagt Sperling.

Wichtige Positionen in den Gemeinden mit jüngeren Mitarbeitern zu besetzen, hält er für unerlässlich. «Sie bringen oft eine andere Dynamik mit. Und mit Blick auf die Zukunft ist da auch eine andere Kontinuität zu erwarten: Sie können länger aktiv sein.» Doch sollte die Verjüngung kein Selbstzweck sein, betont Sperling. «Wenn man gute Leute in einem höheren Alter bekommen kann, dann sollte man auch mit denen arbeiten.» Oft, gibt er zu bedenken, ginge es in jüdischen Gemeinden außerdem um andere Kriterien: «Eine qualifizierte Nachwuchskraft bringt nichts, wenn die Person einfach nicht passt.»

Idealismus Gabriel Goldberg Jugendreferent des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, sieht es ähnlich. «Der Job, den wir machen, ist von Idealismus geprägt. Deshalb würde ein Mensch, dem es egal ist, was mit der jüdischen Gemeinschaft passiert, niemals so einen Beruf ergreifen», so der studierte Soziologe. Dennoch sei es wichtig, die Stellen öfter auszuschreiben, um jungen Menschen eine berufliche Zukunft in diesem Bereich aufzuzeigen.

Mittlerweile, unterstreicht der Sohn des Wuppertaler Gemeindevorsitzenden Leonid Goldberg, sei der Verjüngungsprozess klar zu erkennen. «Als Jugendreferent bin ich ständig mit der Zukunft in Kontakt.» Die Entwicklung schreite so schnell voran, dass er bei der «Jewrovision» in München außerhalb der Leiterebene längst nicht mehr alle kannte. «Das ist gut, denn auch das wird wieder eine Bereicherung. Genauso wie die ältere Generation mit ihrer Erfahrung eine Bereicherung ist. Deshalb sollte es gemischt sein – auch wenn es ruhig noch ein paar jüngere Menschen in verantwortlichen Positionen mehr werden könnten.»

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