Porträt

Jüdische Perspektiven im Dreiländereck

Mit 15 saß Hans Narva in DDR-Haft: wegen »Verdachts auf Republikflucht«. Foto: Gregor Zielke

Porträt

Jüdische Perspektiven im Dreiländereck

Der frühere DDR-Punk Hans Narva stellt in der Oberlausitz ein Festival zu jüdischem Leben auf die Beine

von Geneviève Hesse  11.10.2021 18:10 Uhr

»›Musterwohnung‹ steht da! Das kann doch nicht wahr sein, sie haben wirklich Wohnungen daraus gebaut«, empört sich Hans Narva. In einer Szene des Dokumentarfilms Hans im Glück (2009) besucht der heute 53-jährige Musiker die ehemalige Rummelsburger Haftanstalt, die damals gerade saniert wird. In der DDR war es das zentrale Männergefängnis Ost-Berlins. »Bringt das kein schlechtes Karma?«, fragt er entwaffnend den Mitarbeiter des Objektschutzes, der ihn durch das Gelände führt. Zehn Monate lang saß Narva als Fünfzehnjähriger dort: »Sechs Monate für ›Straßenkämpfe‹ und vier Monate wegen ›Verdachts auf Vorbereitung einer Republikflucht‹. Fast ein Jahr meiner Jugend hat mir die DDR geklaut«, resümiert er.

SYNAGOGE Bei aller Tragik seiner Worte schwingt fast immer ein Hauch scherzender Selbstironie in Narvas Stimme mit. Als wähle er den Clown-Modus aus, um dunkle Gefühle im Zaum zu halten. Beschwingt redet er und lässt kaum Raum für Betroffenheit. Er könne Witze reißen, sagt er später im Film. Aber er sei kein fröhlicher Mensch. Eine zärtliche Melancholie strahlt er aus, gepaart mit einem energiegeladenen Drang zum Handeln.

Ihm geht es darum, jüdisches Leben heute und vor der Schoa zu zeigen.

Auch als er in Berlin-Rummelsburg in Begleitung der Regisseurin Claudia Lehmann eine Arrestzelle betritt, in der er früher selbst eingesperrt war, witzelt er, eine Hand fest am Gitter: »Na, lecker, oder?« Doch wenige Sekunden später schnauft er: »Wow, ich muss da raus.«

Dass seine Wunden sein frühes Interesse für das Judentum irgendwie bedingt haben, begriff er erst später. Alles fing damit an, dass er als Kind in der Nähe der Synagoge in der Oranienburger Straße aufwuchs. Er stellte Fragen: Was Juden denn auszeichne? Warum musste ihre Synagoge und ihr Leben ab dem 9. November 1938 zerstört werden? Warum werden Menschen wegen ihrer Eigenart getötet?

Die Antworten, die er bekam, fand er nebulös, meistens war es nur ein Schulterzucken. »Zwar wurde in der DDR an das sogenannte Dritte Reich erinnert. Aber um zu erfahren, was jüdische Gegenwart ausmacht, musste man es wirklich sehr stark wollen.«

Damals recherchierte er nicht, aber rückblickend deutet Narva seine kindliche Neugier als intuitives Solidaritätsgefühl zu den Juden: »Auch ich fühlte mich in der DDR anders – und deswegen gefährdet«, beschreibt er sein Interesse.

LIVE-KLEZMER Sein Interesse fürs Judentum ist inzwischen so gewachsen, dass er es konkret umsetzt: durch die künstlerische Leitung des Festivals »Oberlausitzer Perspektiven auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.
Seit Anfang August und bis Ende November sollen Konzerte, Workshops, Führungen, Mitmach-Installationen und Lesungen dazu beitragen, das vergangene und das heutige jüdische Leben im Dreiländereck zwischen Polen, Tschechien und Deutschland aufleben zu lassen.

Auf der Website wirbt Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, mit einem Grußwort für das Festival, die Schirmherrschaft hat der Beauftragte der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben, Thomas Feist, übernommen. »Gerade wir in Sachsen verdanken einen Großteil der erstaunlichen Entwicklung unseres Freistaates jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die sich aktiv für den Aufbau der Wirtschaft und des Handels, der Kultur und des Gesundheitswesens, der Infrastruktur und der Wissenschaft einsetzten und einsetzen«, schreibt Feist.

Ein wenig von diesem Geist einzufangen und allgemein zugänglich zu machen, hat sich der Förderverein »Kommen und Gehen« – Das Sechsstädtebundfestival e.V. unter seinem Vorsitzenden Hans Narva zur Aufgabe gemacht. Die Veranstaltungen reichen von historischen Stadtrundgängen auf den Spuren der Zittauer Juden mit Live-Klezmer bis zu Workshops für Kinder und Jugendliche sowie zum Mitsingen von moderner Synagogalmusik, musikalischen Lesungen, etwa zu Texten von Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler und Itzik Manger, Stefan Heym und Leonard Cohen, Lichtinstallationen, Filmvorführungen und Kammerkonzerten.

Narva hat ein großes Ziel: »Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich will das jüdische Leben zurück in die Oberlausitz bringen.« Pathetisch, weil das Judentum in der Region kaum noch existiert – es gibt eine kleine Gemeinde in der tschechischen Stadt Liberec. Insofern sei es bewegend, wenn plötzlich so viele jüdische Künstlerinnen und Künstler innerhalb weniger Wochen an Orten auftreten, in denen sie sonst so gut wie unsichtbar sind oder blühendes jüdisches Leben der Vergangenheit fast vergessen ist: Zittau, Görlitz, Kamenz, Löbau, Luban, Liberec. Als Kooperationspartner konnte Narva neben anderen Unterstützern das Abraham Geiger Kolleg gewinnen, den Förderkreis Görlitzer Synagoge, die Lessingtage Kamenz und das Kulturforum Görlitzer Synagoge.

WENDE Bewegend klingt es umso mehr vor dem Hintergrund von Narvas Geschichte, als er selbst als Musiker in der DDR einige Monate gar nicht mehr auf die Bühne durfte. Seine Band »Herbst in Peking« hatte ab Juni 1989 Auftrittsverbot. Sie hatte es gewagt, mitten in einem Konzert eine Schweigeminute für die vielen Opfer vom Tiananmen-Platz in Peking abzuhalten, die wegen ihrer Opposition gegen die chinesische Regierung getötet wurden.

Danach fürchtete Narva, wieder in Haft zu landen. Er beschloss zu fliehen. Im September 1989 gehörte er zu den DDR-Bürgern, die vor der westdeutschen Botschaft in Budapest ihre Ausreisegenehmigung erfolgreich erkämpften. Nach der Wende wurde »Herbst in Peking« – mit Narva als Bassist – berühmt. Ihr Lied »Bakschisch­republik« stieg zu einer Art Hymne der Dissidenten der DDR-Rockszene auf. Gleich nach dem Mauerfall reiste Narva nach Ost-Berlin zurück. Heute kritisiert er auch »den Westen«, wenn dieser »keinen Anstand« zeige.

In der Region gibt es nur eine kleine jüdische Gemeinde – im tschechischen Liberec.

Der Punk mit früherem Auftrittsverbot sorgt nun dafür, dass jüdische Musikerinnen eine Bühne bekommen, auf der niemand mehr sie erwartet hätte. Er selbst tritt beim Oberlausitzer Festival als Künstler auf. Er will »den Spaß und die Freude am jüdischen Dasein hervorheben«. Den Holocaust lässt er bewusst beiseite, denn dieser tauche sofort auf, sobald es in Deutschland um das Judentum gehe. Das Davor und das Danach der Schoa seien überhaupt nicht populär – das will Narva ändern. Nicht zuletzt tue er das für seine jüdischen oder israelischen Freundinnen und Freunde, die sich zu oft darauf reduziert fühlten.

EINFLÜSSE »Literatur von, für und über Juden« fing Narva an zu lesen, als er durch das gemeinsame Musizieren immer mehr Juden kennenlernte. Er habe gestaunt, wie viele Juden ihn bisher inspiriert hätten, bevor er überhaupt von ihrer Herkunft gewusst habe. Angefangen in der Schule mit dem Astronomen Friedrich Simon Archenhold und seiner Treptower Sternwarte, später mit dem Schriftsteller Franz Kafka, dem Aufklärer Moses Mendelssohn und dem Musiker Leonard Cohen, die seine Jugend prägten – plötzlich sei sein Leben »voller jüdischen Lebens« gewesen. Er wurde immer dankbarer für diesen Reichtum.

Bei dem Festival treten Kantoren, Künstler und Autoren auf.

Respekt vor der klassischen Musik bekam er, als er die technische Leitung vom Usedomer Musikfestival übernahm. Als Punkmusiker, der immer noch in der Band »Britannia Theatre« auftritt, bezeichnet er klassische Musik als »göttlich«.
Zu seinen weiteren großen Zielen gehöre es, sie im Rahmen des Vereins »Kommen und Gehen« populärer zu machen. Die Leiter der klassischen Musikhäuser bedienten ein »elitäres Gehabe«, das die Jugend abschrecke. Es seien »alte, meistens weiße Männer«. Er selbst fördere die Rekomposition von Klassik, Neuinterpretationen, zum Beispiel in Verbindung mit Elektronischer Musik.

IDEALE Narva nimmt kein Blatt vor den Mund. »Ich bin konform zu mir selbst. Das mögen die Leute, weil sie sich ernst genommen fühlen. Ich bin kein Duckmäuser.« Gefalle ihm jemand in der Kunst, dann sage er es – wenn nicht, dann auch.
Punk sein heiße für ihn nicht, einen Irokesenschnitt oder eine Nadel in der Wange zu tragen, sondern sich selbstständig mit seinen Bedürfnissen zu präsentieren. Leute wie er könnten schlecht an Positionen sein, an denen man sich verstellen müsse.

In der Figur von Narva kulminiere, was sie mit der Punkbewegung der DDR verbinde, sagt die Regisseurin Claudia Lehmann: das Anderssein in einem konformistischen System. Mit seiner Treue zu sich selbst und mit seiner Authentizität sei er jemand, der versuche, seinen Idealen treu zu bleiben.

Im Film Hans im Glück gibt Narva seine Wunden schonungslos preis: die trinkende Mutter, den gewalttätigen Stiefvater, die Nähe zum sexuellen Missbrauch in DDR-Haft, die Punkband als Ersatzfamilie, die dann verboten wurde, den peinlich verpassten Überfall eines Geldtransportes direkt nach der Wende, seine »Großkotzigkeit« und seinen tiefen Fall als Rockstar, seine anhaltende Alkoholkrankheit, Suizidgedanken, seine verpasste Vaterschaft, die drohende Haft auch im Westen wegen Fahrens mit Handy oder ohne Führerschein.
Im Abspann werden all seine Namen als Ausdruck seiner komplexen Identität sichtbar. Bürgerlich: Torsten Müller-Fornah. Künstlerisch: Hans Narva, Hans Tomato oder Lothar.

BIOGRAFIE Heutzutage sagten seine Freunde, er arbeite zu viel. Er verlagere seine Bedürfnisse, erwidert er, als Kompensation. Was er jetzt organisiere, dafür brenne er. Es sei Leidenschaft, weil es ihm Spaß mache.

Und Gott? Er denke schon, dass es etwas Größeres gebe, »größer als wir«. Da er ohne Vater aufwuchs, sehne er sich manchmal danach, wenn er einmal schwach und unsicher sei. Nach jemandem, der helfe und mit dem er die Verantwortung teilen könne. Zurzeit arbeite er an seiner Biografie, damit sein Sohn und seine Tochter, mit denen er selten Zeit verbracht hat, seinen Lebensweg besser verstünden.

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