Berlin

Jüdische Kulturtage abgesagt

Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum Foto: Marco Limberg

Erstmals seit fast 30 Jahren wird es in diesem Sommer keine Jüdischen Kulturtage in Berlin geben. Die Jüdische Gemeinde hatte am Montag die seit 28 Jahren stattfindende Veranstaltung überraschend abgesagt.

Der ehemalige Organisator der Jüdischen Kulturtage in Berlin, Martin Kranz, gibt dem Vorstand der Gemeinde die Schuld an dem Aus für das renommierte Festival. Er habe es in seiner elfjährigen Tätigkeit mit vier Gemeindevorständen zu tun gehabt, sagte Kranz der »Berliner Zeitung« (Mittwochsausgabe). »Es war immer klar, dass dies ein Intendantenfestival ist, das heißt, die Gemeinde ist zwar verantwortlich und kann sich im Erfolg sonnen, aber der künstlerische Leiter muss unabhängig von politischem Einfluss arbeiten können«, fügte er hinzu.

Das sei auch noch 2012 und 2013 so gewesen. Im vergangenen Jahr habe aber der Vorstand unter dem Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe auf das künstlerische Programm Einfluss nehmen wollen. »Ich habe klargemacht, dass das nicht geht. Danach gab es keine Gespräche mehr. Ich habe immer wieder angefragt, aber keine Reaktion bekommen. Dafür stand ich nicht zur Verfügung«, so Kranz.

Bei Veranstaltungen wie den Jüdischen Kulturtagen gehe es nicht um Konzerte für Gemeindemitglieder, sondern um die internationale Wahrnehmung, sagte der 45-jährige Kulturmanager weiter. Es sei wichtig zu zeigen, was es heißt, jüdisch zu sein, was einmal Teil dieses Landes war und wieder sein könnte: »Wir hatten große Pläne für dieses Jahr, gemeinsam mit den Berliner Festspielen, dem Jüdischen Museum, dem polnischen Kulturinstitut.«

gründe Zur Begründung wurde die schwierige Finanzsituation des Landes Berlin angegeben. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin wolle mit der Absage der Kulturtage ihren Solidaritätsbeitrag leisten und den Berliner Haushalt ein Stück weit entlasten. Den Angaben der Gemeinde vom Montag zufolge geht es um einen Betrag von rund 250.000 Euro. Die Senatskulturverwaltung bedauerte die Entscheidung.

Die Jüdische Gemeinde erklärte, sie wolle auch ihren guten Willen in der Grundsatzdiskussion mit dem Land Berlin über die Zuschüsse aus dem Staatsvertrag zeigen. Die Gemeinde bestehe zwar darauf, die ihr zustehenden Zuschüsse für die Aufrechterhaltung des jüdischen Lebens in Berlin zu bekommen. Wenn es aber wie bei den Jüdischen Kulturtagen um die »Kür« gehe, sei die Gemeinde bereit, dem Land entgegenzukommen.

Die nächsten und inzwischen 29. Jüdischen Kulturtage Berlin sollten ursprünglich vom 27. August bis 6. September 2015 stattfinden. Im vergangenen Jahr war mit rund 35.000 Gästen ein neuer Besucherrekord erzielt worden. Die Jüdischen Kulturtage in Berlin gelten als größtes Festival jüdischer Kunst und Kultur in Deutschland. Sie bieten ein breites Spektrum an Veranstaltungen, von Musik über Kunst und Literatur bis hin zu Bildungsangeboten. Ziel ist nicht zuletzt, mehr Toleranz gegenüber dem Judentum zu fördern, sondern auch die Vielfalt jüdischen Lebens zu zeigen.

zukunft Der Sprecher der Berliner Senatskulturverwaltung, Günter Kolodziej, erklärte auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen, der Senat habe die Jüdischen Kulturtage in der Vergangenheit sehr gern gefördert. »Die Jüdischen Kulturtage sind sehr erfolgreich und wichtig – wir hätten die Veranstaltung auch in diesem Jahr gern bezahlt«, sagte Kolodziej der Jüdischen Allgemeinen. Das Geld wäre »problemlos geflossen«, fügte Kolodziej hinzu. Jedoch habe die Jüdische Gemeinde diesmal keinen Antrag gestellt.

Der Senat habe ein großes Interesse daran, dass »diese dem deutsch-jüdischen Zusammenleben sehr förderliche Veranstaltung« künftig wieder stattfinde. Der Berliner Senat sei bereit, seinen finanziellen Beitrag dazu zu leisten, sagte Kolodziej weiter. Auch die Jüdische Gemeinde äußerte die Hoffnung, »bereits im kommenden Jahr im Einvernehmen mit dem Land Berlin die 28-jährige Tradition der Jüdischen Kulturtage wieder aufleben zu lassen«.
epd/ja

Lesen Sie mehr in unserer nächsten Printausgabe.

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Andenken

Berlin hat jetzt einen Margot-Friedländer-Platz

Bei der Einweihungszeremonie sagt Cornelia Seibeld (CDU), die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, die »Herzkammer der Demokratie« habe nun eine neue Adresse

 07.05.2026

Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Seit drei Generationen ist die Jüdische Allgemeine ein Kompass für die jüdische Welt. Prominente Leserinnen und Leser erzählen, warum ihnen die Zeitung wichtig ist

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026