Bremen

Juden unerwünscht?

Noémi Köster ist noch immer empört. »Dass so etwas in Bremen passiert«, hätte sie sich nicht vorstellen können. »Und der brave Bildungsbürger steht daneben und schweigt.« Was war passiert? Am Dienstag vergangener Woche sollte in der Villa Ichon, einer Begegnungsstätte für kulturelle und soziale Initiativen, ein Vortrags- und Diskussionsabend mit dem Titel »Antisemitismusvorwurf als ideologische Waffe« stattfinden.

Das Bremer Bündnis gegen Antisemitismus hatte den Veranstaltungaufruf bereits im Vorfeld kritisiert: Die Organisatoren würden Judenfeindlichkeit nur »als Phänomen der extremen Rechten« betrachten; die Veranstaltung inszeniere Antisemitismus »als isoliertes Phänomen einer Minderheit von Neonazis«. Die Diskutanten Arn Strohmeyer und Rudolph Bauer vom Bremer »Gesprächskreis Nahost« sowie die Referentin Susann Witt-Stahl hingegen seien bereits früher durch linken Antisemitismus aufgefallen. Deshalb veranstaltete das Bündnis vor der Villa Ichon eine Mahnwache.

Daran nahm auch Noémi Köster teil, zusammen mit einem israelischen Freund. Im Anschluss wollten die beiden das Gebäude betreten. »Vielleicht bin ich da naiv«, sagt die 26-Jährige im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »aber wir wollten uns das einfach mal anhören.« Doch ihnen wurde der Einlass verwehrt. »Mit fadenscheinigen Argumenten«, erzählt die junge Frau. »Erst hieß es, man habe sich anmelden müssen, obwohl davon nichts auf der Einladung stand.« Dann, so Köster, sei »angeblich der Saal schon voll gewesen, obwohl andere Leute weiter hineingelassen wurden«. Offenbar sollte gezielt Teilnehmern der Mahnwache der Zugang verwehrt werden.

Beleidigung »Ruhig und sachlich«, erinnert sich die Lehrerin, hätten sie und ihr Begleiter mit den Türstehern diskutiert. Diese hätten sich als Mitglieder der palästinensischen Gemeinde zu erkennen gegeben und seien irgendwann beleidigend geworden: »Euch gehört doch eh schon alles, auch die Medien«, habe man ihr gesagt. »Ich habe dann gefragt, ob er ›uns Juden‹ meine, und keine Antwort bekommen.«

Eine deutsche Jüdin und ein Jude aus Israel, denen mit Verweis auf die angebliche ökonomische und mediale Macht »der Juden« der Einlass zu einer linken Veranstaltung verweigert wird. Der Linken-Kreisverband »Links der Weser« und die Arbeitsgemeinschaft »Antikapitalistische Linke« waren neben der palästinensischen Gemeinde und verschiedenen Nahostgruppen Mitveranstalter. Sönke Hundt, Mitglied der ehrenamtlichen Redaktion der Webseite des Bremer Landesverbandes, fungierte als Moderator des Abends. Auch die Veranstaltungsankündigung war auf der Internetseite der Bremer Linkspartei platziert.

Deren Landessprecher Christoph Spehr distanziert sich nun: »Es hat uns sehr geärgert, dass sich einer unserer Kreisverbände überhaupt daran beteiligt hat.« Man habe schon im Vorfeld versucht, der Gliederung das auszureden. Die Veranstaltung sei »einseitig ausgelegt« gewesen, kritisierte der Parteichef im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, und hätte deswegen zumindest nicht beworben werden sollen. Mit Blick auf den antisemitischen Vorfall am Eingang konstatierte Spehr: »Ich finde das krass, das geht so nicht.« Die Veranstalter sollten sich davon distanzieren, er wisse auch von Diskussionen in dem verantwortlichen Kreisverband, die in diese Richtung gingen. Allerdings musste der 49-Jährige einräumen, dass in seiner Partei, sowohl auf Landes- als auch auf Kreisebene, bislang echte Konsequenzen fehlten – obwohl über Antisemitismus »schon länger eine Debatte« geführt würde.

Leitplanken Denn nicht zum ersten Mal gab es im Umfeld der Bremer Linkspartei antisemitische Vorfälle. Vor zwei Jahren hatten der Partei nahestehende Gruppen vor einem Supermarkt der Hansestadt zu einem Boykott israelischer Waren aufgerufen und damit Erinnerungen an die »Kauft nicht bei Juden«-Aktionen in der Nazizeit hervorgerufen. Ein wohlwollender Bericht darüber ist bis heute auf der Webseite der Bremer Linken zu finden. Dennoch sieht deren Landeschef Spehr bei solchen Aktionen nur eine »Minderheit« am Werk, »die provozieren« wolle und auf der Basis eines »verkürzten Antiimperialismus« agiere: »Da besteht immer die Gefahr, dass es abkippt und an Israel beispielsweise doppelte Standards angelegt werden.« Er wünsche sich deshalb im Landesverband eine Debatte über Antisemitismus, die auf Grundlage der EU-Arbeitsdefinition klare »Leitplanken« setze.

Für Noémi Köster ist das alles nicht wirklich glaubwürdig: »Entweder man distanziert sich oder nicht.« Auch in den Untergliederungen der Partei sei eine eindeutige Haltung erforderlich. Das gilt offenbar besonders für den Kreisverband »Links der Weser«. Erst Ende März war bekannt geworden, dass der dortige Schatzmeister offenbar gute Kontakte zu führenden Bremer Neonazis unterhält. Der Mann trat von seinen Ämtern zurück, will aber Parteimitglied bleiben.

Meinung

Das Gedenken schützen

Ein linksextremes Bündnis plant zum Jahrestag der Befreiung Buchenwalds eine antisemitische Kundgebung. Thüringens Juden wehren sich gegen die Provokation

von Reinhard Schramm, Marek Sierka  29.03.2026

Porträt der Woche

Für alt und jung

Judit Marach hat in einem Seniorenheim gearbeitet – heute ist sie Schulsekretärin

von Gerhard Haase-Hindenberg  29.03.2026

Frankfurt

Wieder zusammen

Fast neun Jahrzehnte nach dem Novemberpogrom 1938 wird der Silberschmuck einer Torarolle erstmals als Einheit präsentiert

von Eugen El  29.03.2026

Ilja Richter

Zu Hause zwischen den Stühlen

Der Schauspieler stellte sein neues Buch vor und verzauberte das Publikum mit Gesang, Rezitationen – und sogar als Bauchredner

von Nora Niemann  29.03.2026

Oldenburg

»Es ist gesund, wenn nicht alles von nur einem Rabbiner abhängt«

Seit einem Jahr amtieren Netanel Olhoeft und Levi Israel Ufferfilge in der Gemeinde. Nun wurden sie auch offiziell eingeführt. Wie funktioniert die rabbinische »Doppelspitze«?

von Mascha Malburg  28.03.2026

Jüdischer Wahlkämpfer

»Wer nicht kämpft, hat schon verloren«

David Rosenberg über den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, die Niederlage seiner Partei und warum er sich gerade als junger Jude weiter politisch engagieren will

von Mascha Malburg  27.03.2026

Kommentar

Lieber Meron Mendel, das ist keine Politik mit Kettensäge. Das nennt man Demokratie!

Öffentliche Mittel sind an Wirkung gebunden. Maßnahmen müssen überprüfbare Ergebnisse erzielen. Bleibt diese Wirkung aus, endet ihre Legitimation

von Stefan Hensel  27.03.2026

Beziehung

Von Menschen und Wölfen

Laura Goldfarb ist vieles: Therapeutin, Schauspielerin – und Autorin. Mit ihrem Mann hat sie einen Paar-Ratgeber geschrieben, der anders ist als andere. Zu Besuch im Prenzlauer Berg

von Bettina Piper  26.03.2026

Rede

Zentralrat der Juden verteidigt Karin Prien

In Erfurt sprach Josef Schuster über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an die Familienministerin ein

 25.03.2026