Erfurt

»Juden sind unser Unglück«

Zwölf RollUps im Kreuzgang des Augustiner-Klosters dokumentieren Luthers Aussagen zum Judentum. Foto: Esther Goldberg

Drum immer weg mit ihnen!‹ – Luthers Sündenfall gegenüber den Juden» heißt eine Ausstellung im Augustinerkloster der Thüringer Landeshauptstadt, die nur eine Woche lang bis zum kommenden Wochenende zu sehen ist. Autor und Layouter dieser zwölf RollUps im Kreuzgang der Lutherstätte ist Hans-Georg Vorndran von «ImDialog», dem Evangelischen Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau.

Dass diese Ausstellung während der Lutherdekade in Thüringen zu sehen ist, ist neben dem Bonhoeffer-Verein auch dem Erfurter Augustinerkloster zu verdanken. Dessen Kurator Carsten Fromm nahm die Idee zu dieser Ausstellung dankbar an. «Dieses Thema ist reizvoll und macht Appetit, sich stärker damit zu beschäftigen», erklärte er gegenüber der Jüdischen Allgemeinen.

prägende Jahre
Luther hatte von 1505 bis 1511 im Augustinerkloster gelebt und bezeichnet jene Zeit als «prägende Jahre». Deshalb gilt Thüringens Landeshauptstadt auch als die theologische Wiege Luthers und Thüringen als Mutterland der Reformation. 50 Kilometer entfernt, auf der Wartburg bei Eisenach, hatte Luther als Junker Jörg 1521/22 das Alte Testament übersetzt.

Die Ausstellung beleuchtet erneut Luthers Antijudaismus. Unter anderem sind «Luthers sieben Ratschläge» nachzulesen, die er für den Umgang mit Juden gegeben hatte. Sie reichen vom Niederbrennen der Synagogen bis zur Zwangsarbeit. Das so deutlich gezeigt zu bekommen, ist beklemmend. «Allerdings wäre man auf falschem Wege, ihn mit dem Antisemitismus der Nazis gleichzusetzen», warnt Hans-Georg Vorndran – auch wenn die Nationalsozialisten nicht müde wurden, Luther als ihr großes geistiges Vorbild zu bemühen. Jener unsägliche Satz, «Die Juden sind unser Unglück», stammt tatsächlich von ihm (1543). Dennoch sei sein Antijudaismus theologischer Natur und vor allem seinem unbedingten Willen, zu missionieren, entsprungen, so Vorndran.

Unterscheidungszeichen Dieser Ausstellung ist zu danken, dass derlei Geschichtskenntnisse prägnant und dennoch nicht vordergründig pädagogisch vor dem Vergessen bewahrt werden. Zudem beweist sie, dass Luther auch in den Kontext der antijüdischen Stimmung innerhalb der Kirche in vorangegangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten einzuordnen ist. Bereits 1215 hieß es öffentlich: «Juden müssen ein Unterscheidungszeichen an ihrer Kleidung tragen» – den Davidstern des Mittelalters also.

Hans-Georg Vorndran spart deshalb nicht mit kirchlicher Selbstkritik, die bis in die Gegenwart reicht. Seine Ausstellung beendet er mit einem Paukenschlag: «Eine öffentliche und verbindliche Absage der EKD an Martin Luthers theologischen Antijudaismus steht immer noch aus.» Er hoffe, dass bis zum Lutherjubiläum 2017 genau diese klare Aussage noch kommen werde. Längst wurde in den einzelnen Landeskirchen dazu Stellung bezogen. Entsprechende Zitate sind auf dem letzten der zwölf Aufhänger festgehalten.

Bonhoeffer Der Dietrich-Bonhoeffer-Verein, der seine Frühjahrstagung am Sonntag im Augustinerkloster beendete, beschäftigte sich in Erfurt mit Bonhoeffers Kritik am Luthertum seiner Zeit, mit der Luther-Rezeption des Nationalsozialismus und mit Reaktionen der Evangelischen Kirche auf die Judenverfolgungen. Die Ausstellung «Drum immer weg mit ihnen!» war für die Vereinsmitglieder in Erfurt stetiges Begleitprogramm.

Bad Kissingen

ZWST benennt Kurheim nach Beni Bloch sel. A.

Deutschlands einziges jüdisches Kurheim wird nach dem langjährigen ZWST-Chef benannt

 20.01.2020

Porträt der Woche

»Ich spüre gute Vibes«

Bela Cohn-Bendit ist Wirtschaftssoziologe und trainiert Jugendliche bei Makkabi

von Eugen El  18.01.2020

Ausstellung

Vom Wohlstandskind zur Kriegsreporterin

Die Monacensia lässt das bewegte Leben von Erika Mann Revue passieren

von Ellen Presser  16.01.2020

München

Weiße Rose, Schicksal, Auschwitz

Meldungen aus der IKG

 16.01.2020

München

Max Mannheimer zu Ehren

Am 6. Februar wäre der Zeitzeuge 100 Jahre alt geworden – nun wird das Grafinger Gymnasium nach ihm benannt

von Helmut Reister  16.01.2020

Kompakt

Kulturerbe, Erinnerung, Schule

Meldungen aus den Gemeinden

 16.01.2020

Buch

Bilder als Denkmal

Der Fotograf Thies Ibold erinnert an den Kunsthistoriker Aby Moritz Warburg

von Heike Linde-Lembke  16.01.2020

Geschichte

Die anderen Flüchtlinge

Der Politikwissenschaftler Stephan Grigat stellte Georges Bensoussans Buch »Die Juden der arabischen Welt« vor

von Gerhard Haase-Hindenberg  16.01.2020

Kino

Familientreffen in Nahost

Nach der Wende lernt Esther Zimmering ihre israelische Verwandtschaft kennen

von Jérôme Lombard  16.01.2020