Frankfurt

»Inspirierende Freundschaft«

Sacha Stawski (l.), Israels Botschafter Jeremy Issacharoff (2.v.l.), Bürgermeister Uwe Becker (am Pult) Foto: Rafael Herlich

Am Vorabend noch hatte Irans Präsident Hassan Rohani Israel als »Krebsgeschwür« im Nahen Osten bezeichnet. Zehn Tage zuvor waren in der UN neun Resolutionen gegen Israel verabschiedet worden – acht davon auch mit der Stimme Deutschlands. In den vergangenen Wochen wurde der Süden Israels immer wieder von der Hamas mit Raketen angegriffen. Doch auf dem 5. Israelkongress, der am vergangenen Sonntag im Congress Center in Frankfurt mit großer Publikumsbeteiligung stattfand, herrschte dennoch eine optimistische Stimmung.

»Ich bin überzeugt, dass Israel überleben und widerstandsfähig bleiben wird«, sagte der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff in seiner Begrüßungsrede. Israel habe die Macht, »jeden weiteren Holocaust zu verhindern«, betonte der Diplomat. Schließlich könne das Land auch auf Deutschland als starken Partner bauen. Die Beziehung zwischen beiden Staaten habe sich aus einem Zustand der Verzweiflung zu einer beide Seiten inspirierenden Freundschaft entwickelt.

VORBILD Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die wie Israels Präsident Reuven Rivlin und Premier Netanjahu per Video eine Grußbotschaft nach Frankfurt übermittelte, betonte, wie dankbar sie für die Freundschaft Israels ist. Netanjahu hob hervor, dass die Beziehungen zwischen beiden Nationen »noch nie so stabil und gut waren wie im Augenblick – ein Vorbild für andere Länder«.

Die Beziehungen zwischen
Deutschland und Israel sind
heute so gut wie nie zuvor.

Doch so nah, so fern. Sacha Stawski, Vorsitzender der Initiative I Like Israel (ILI), beklagte, dass »es uns trotz intensivster Bemühungen nicht möglich war, einen Vertreter der Bundesregierung für die Teilnahme zu gewinnen«. Gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Maya Zehden organisiert er den alle zwei Jahre stattfindenden Kongress.

Israel hingegen war gleich durch mehrere ranghohe Politiker und Regierungsmitglieder vertreten, darunter Gilad Erdan, Minister für öffentliche Sicherheit und strategische Angelegenheiten. Erdan erzählte von seinen Großmüttern, die beide Auschwitz überlebt hatten. »Dass ihr Enkel einmal für die Sicherheit in Israel verantwortlich sein und in Frankfurt auf einem Israelkongress als Gastredner sprechen würde, das haben sie sich nicht träumen lassen.«

Aber auch nicht, fuhr Erdan fort, »dass der Enkelsohn in ihre Heimatstadt Aschkelon kommt, nicht um die Familie zu besuchen, sondern um die durch den Raketenbeschuss aus Gaza verursachten Schäden zu besichtigen«. Erdan appellierte außerdem an die deutsche Politik, eindeutiger Stellung gegenüber dem Iran, dem seines Erachtens »am stärksten antisemitischen Land der Welt«, zu beziehen. »Schließen Sie sich den US‐Sanktionen gegen den Iran an«, forderte er. Und Ran Ichay, Generaldirektor im Ministerium für Jerusalem und das Kulturerbe, forderte von der Bundesregierung, ebenfalls, wie die USA, ihre Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.

Der Nahostkonflikt spielte also erneut eine wichtige Rolle auf dem Kongress, aber dennoch war er bei Weitem nicht das beherrschende Thema. Denn Sacha Stawski und Maya Zehden hatten sich für dieses Jahr vorgenommen, Israel als »Nation der Nationen« zu präsentieren und einen Eindruck von seiner Vielfalt, seinen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Kulturen zu vermitteln.

MITTELMEERFLAIR Sogar ein schmaler Strandstreifen mit Liegestühlen – fast wie ein Gruß aus Tel Aviv – fand sich zwischen den Congress‐Sälen. Vor allem aber ging es den Initiatoren der Tagung darum, auf das Renommee, das das gerade einmal neun Millionen Einwohner zählende Land weltweit in Wissenschaft, Medizin und Technologie genießt, aufmerksam zu machen. Aufgrund einer rasanten Entwicklung vor allem in den Bereichen Cybertechnologie und Künstliche Intelligenz gilt Israel auch als »Nation der Start‐ups und Innovationen«. Die enge Kooperation bei der Terrorabwehr durch modernste Computertechnologie ist ein weiteres wesentliches Element der engen deutsch‐israelischen Partnerschaft.

Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker wurde für seinen unermüdlichen Einsatz für Israel  geehrt.

Damit sich diese Freundschaft in Zukunft noch mehr festigt, haben Angela Merkel und Benjamin Netanjahu während des Israelbesuchs der Kanzlerin im Oktober den Aufbau eines gemeinsamen Jugendwerks vereinbart. Für den intensiven Jugendaustausch zwischen Nachwuchsathleten aus Israel und Deutschland, die beim gemeinsamen Sport jenseits aller Sprachbarrieren zusammenfinden, wurde im Rahmen des Kongresses der Deutschen Sportjugend in diesem Jahr der »Arno‐Lustiger‐Preis« verliehen, gemeinsam mit Peter Fischer, dem Präsidenten des Fußballvereins »Eintracht Frankfurt«.

Der dienstälteste Präsident in der Fußballbundesliga wurde für seine entschiedene Haltung gegenüber Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus ausgezeichnet. »Wer Ausgrenzung betreibt und Hass sät, hat in unserem Verein keine Chance«, sagte Fischer.

Auch Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker wurde für seinen unermüdlichen Einsatz für Israel auf der Ebene der Städtepartnerschaften geehrt. »Meine Vorgänger haben bereits dein Engagement gerühmt, lieber Uwe, und ich bin sicher, auch meine Nachfolger in diesem Amt werden das tun. Du könntest ein Israeli sein«, sagte Botschafter Issacharoff in seiner Laudatio.

SCHULBÜCHER Doch solange junge Menschen zu Hass erzogen werden, wird es keine Verständigung geben. Das war das Fazit einer Diskussion darüber, wie eine Beilegung des Konflikts und ein friedliches Mit‐ und Nebeneinander in Nahost zu erreichen seien. Eine vergleichende Untersuchung von Schulbüchern durch das Institute for Monitoring Peace and Cultural Tolerance in School Education (IMPACT‐se) ergab, dass das Unterrichtsmaterial an palästinensischen Schulen, was die Friedenserziehung und die Vermittlung von Werten wie Toleranz und Gleichberechtigung der Frauen betrifft, am schlechtesten abschneidet.

Mathematik wird unter anderem in Aufgaben geübt, bei denen die Schüler die Anzahl der Märtyrer aus der ersten und zweiten Intifada addieren sollen, wie IMPACT‐se‐Direktor Marcus Sheff als Teilnehmer auf dem Podium berichtete. »Die Älteren dürfen nicht den Hass an die nächste Generation weitergeben. Vielmehr müssen wir unsere Jugendlichen zu mündigen Individuen erziehen, die die überlieferten Texte, vor allem den Koran, neu lesen und auf ihre Weise auch neu interpretieren«, forderte daher der Psychologe Ahmad Mansour, der als Kind arabischer Eltern in Israel aufwuchs.

Ein Highlight der Tagung in Frankfurt: Sarah Idan, Miss Irak 2017.

Als positives Beispiel mag Sarah Idan gelten, die 2017 zur Miss Irak gekürt wurde. Aufgewachsen in Bagdad, lernte sie als Kind, Israel und die USA gleichermaßen zu hassen und zu fürchten. Doch das Erlebnis des Golfkriegs, die Zeit kurz nach dem Sturz Saddam Husseins, ließen sie begreifen, wie falsch und ungerecht diese Feindbilder waren. Heute engagiert sie sich für den Friedensprozess. Ihre Botschaft an die arabischen Länder, die sie als Ehrengast auch auf dem Kongress vortrug: »Öffnet eure Türen und helft den Palästinensern! Gebt ihren Kindern die Chance auf ein normales Leben und hört auf, diejenigen, die den Terror organisieren, zu unterstützen!« In der arabischen Welt gilt sie wegen dieser Worte – noch? – als Verräterin.

Düsseldorf

Zu Hause an Rhein und Ruhr

Knapper, präziser, jünger – die Jüdischen Kulturtage haben eine Wandlung vollzogen

von Annette Kanis  22.03.2019

Nachruf

Mahner und Gelehrter

Am Donnerstag verstarb Rabbiner Ernst Stein im Jüdischen Krankenhaus Berlin

von Rabbiner Andreas Nachama  22.03.2019

Frankfurt

»Wir brauchen einen langen Atem«

Lehrer schließen Kooperationsvertrag zur Antisemitismusprävention an Schulen

von Eugen El  21.03.2019