München

Insel der Menschlichkeit

Erinnerung zu bewahren, ist heute besonders wichtig – in einer Zeit, da manche immer offener und lauter das Vergessen einfordern. So weit ist es nicht, und so weit darf es auch nicht kommen. Tatsächlich gibt es überall in diesem Land und auch in unserer Stadt viele Menschen, die es verdienen, dass man an sie erinnert.

Ihnen Namen und Gesicht und dem Gedenken an sie einen Ort zu geben, ist ein entscheidender Beitrag zu unserer demokratischen Kultur. Die Menschen, die hier in München während der Zeit des Nationalsozialismus verschleppt, deportiert und ermordet wurden, sollen und dürfen nicht länger aus dem Gedächtnis der Stadt verschwunden bleiben. Mit den Erinnerungszeichen hat die Landeshauptstadt einen würdevollen und angemessenen Weg des Gedenkens beschritten.

Die Plaketten und Stelen erreichen, was heute nötiger ist denn je: Sie bringen die Ermordeten von damals ins Blickfeld der Münchner von heute zurück. Sie erinnern an diejenigen, an die sich sonst kaum jemand erinnern würde. Für mich ist der heutige Tag anders.

bedeutung Die Person, an die wir heute erinnern, mag im Stadtbild nicht mehr präsent gewesen sein. Aber sie ist in der Erinnerung noch lebendig. Es gibt noch Menschen, die sie persönlich gekannt und niemals vergessen haben. Für mich hat ihr Name noch Klang und Bedeutung. Denn Albertine Neuland, geborene Lehmann, seligen Angedenkens war meine Großmutter.

Meine Großmutter schützte und stützte die Menschen, die sie liebte.

Mein eigenes Leben, das unter düsteren Vorzeichen begann, prägte sie von Anfang an mit. Als ich im Oktober 1932 zur Welt kam, standen die Zeichen auch in München bereits auf Sturm. Ich wuchs in einem Land auf, das Terror zur Staatsräson erhob und in dem für jüdische Menschen wie mich nur Angst und Hilflosigkeit vorgesehen waren. Das aber ließ sie nicht zu.

Inmitten eines tosenden Meeres war Albertine Neuland für mich ebenso wie für ihren Sohn, meinen g’ttseligen Vater, eine Insel der Menschlichkeit. Mit ihrem gütigen Lächeln, ihrem geduldigen Zuhören, ihrer innigen Umarmung und ihrer rundum warmen und liebevollen Art schützte und stützte sie die Menschen, die sie liebte – auch in diesen furchtbaren Zeiten.

Ich habe später oft darüber nachgedacht, wie sehr sie all das belastet haben muss. Zum Zeitpunkt meiner Geburt war sie bereits 66 Jahre alt, und was ihr in den Folgejahren abverlangt wurde, ging über die üblichen Aufgaben einer Großmutter weit hinaus. Anstatt ihrer Enkelin Kuchen zu backen, gelegentlich kleine Geschenke vorbeizubringen und zu Familienfeiern für Fotos zu posieren, war ihr Beistand in unserem Haushalt schon bald existenziell wichtig. Sie wurde das feste Fundament unserer Familie.

Sie war für mich da, als meine Mutter dem immer stärker werdenden Druck von außen nicht mehr standhielt.

Sie war diejenige, die ihrer Enkelin erklären musste, warum ein »Judenkind« nicht mehr mit den anderen Kindern spielen darf – und was »Juden« überhaupt sind. Ich selbst hatte ihr, als Mädchen von vier Jahren, diese Fragen gestellt, nachdem die Frau des Hausmeisters mich im Hinterhof weggejagt hatte.

haltung Sie war diejenige, die Würde und Haltung bewahrte, wenn SS-Leute erneut zu nachtschlafender Zeit an die Türe hämmerten, uns drohten und sich in unserer Wohnung aufführten, als wäre es die ihre. Sie musste für ihren Sohn und ihre Enkelin da sein, als ihre Schwiegertochter – meine Mutter – dem stärker werdenden Druck von außen nicht mehr standhielt und die Familie verließ. Wo meine Mutter sich als zu schwach erwiesen hatte, war jetzt ihre Stärke gefragt.

Und stark war sie. Wieder und wieder stellte sie sich schützend vor ihre Familie, oft mit hohem Risiko für sich selbst. So wie am Abend des 9. November 1938, als Sohn und Enkelin zur Sicherheit die Wohnung verließen und nur sie zurückblieb – auf eigenen Wunsch. Zu auffällig sei man zu dritt auf der Straße, meinte sie zu mir. Bis heute sehe ich vor mir, wie sie sich zu mir herunterbeugte und mir an diesem kalten Herbstabend den Schal fester zog.

Es war dieselbe Stärke, die sie schließlich im Juli 1942 dazu brachte, eine eigentlich unmögliche Entscheidung zu treffen. Als ruchbar wurde, dass auf der Liste eines kommenden sogenannten »Kinder- und Altentransports« entweder ihr oder mein Name zu stehen hatte, stand ihre Entscheidung augenblicklich fest. Um mich zu schützen, war sie zum Äußersten bereit. Obwohl sie sich bemühte, mir nicht die Wahrheit zu sagen, war auch für mich mit meinen neun Jahren klar, was die Stunde geschlagen hatte.

Kurz darauf verließ ich München – die kommenden drei Jahre verbrachte ich unter falschem Namen außerhalb der Stadt. Von ihrem Verbleib erfuhr ich in all dieser Zeit nichts. Kein Wort. Erst als ich im Sommer 1945 nach München zurückkehrte und in der Stadt meiner Kindheit wieder wirklich frei war, wurde mir ganz bewusst, dass ich sie niemals wiedersehen würde. Sie war, wie ich später erfuhr, bereits im Januar 1944 in Theresienstadt ermordet worden.

glauben Bis heute, 75 Jahre später, bleiben meiner Familie nur die wenigen Erinnerungen an sie. Und mir bleibt, was sie mich gelehrt hat. Von ihr habe ich die Grundregeln unseres Glaubens erlernt, und sie war es, die die reiche Tradition des Judentums jeden Tag aufs Neue mit Leben erfüllte. Meine Großmutter war zeitlebens eine streng religiöse Frau – so sehr sogar, dass sie den gregorianischen Kalender ablehnte und die Tage ganz traditionell nur nach dem jüdischen Kalender zählte.

Wie jede alte Dame hatte auch sie ihre Eigenheiten und Vorlieben. Zu ihren größten Freuden gehörte der jährliche Besuch auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Richard Wagners Musik war eine ihrer großen Leidenschaften. Albertine Neuland war eine liebenswerte, vielfältig interessierte Person mit einem großen Herzen. Sie war mitfühlend und verständnisvoll, verbindlich und verlässlich, selbstlos und geduldig. Kurzum, sie war eine Großmutter, wie jedes Kind sie sich nur wünschen konnte – und die ein Kind so lange an seiner Seite haben sollte wie möglich.

Die Kindheit, die ich gemeinsam mit ihr als Großmutter hätte genießen können, gab es nicht.

Die Kindheit, die ich gemeinsam mit ihr als Großmutter hätte genießen können, gab es jedoch nicht. Sie war mein Beistand in einer bedrückenden und elenden Lage, ehe sie im Herbst ihres Lebens ihrem Sohn und mir entrissen wurde. Eine Dame von weit über 70 Jahren, verschleppt und ermordet: Es ist eines von vielen Millionen Beispielen für die Barbarei der Nationalsozialisten, die fasslich wird, aber dennoch unfassbar bleibt.

Diese furchtbare Zeit liegt heute lange hinter uns. Meine eigenen Kinder, Enkel und Urenkel haben Albertine Neuland niemals kennenlernen können. Trotzdem erinnern sie: an eine tapfere, mutige Frau, deren Hingabe für ihre Familie jedem von uns zum Vorbild gereichen kann.
Ich selbst erinnere nicht nur an meine Großmutter; ich erinnere mich auch an sie. Der Schmerz über den Verlust und das Gefühl von Einsamkeit und Hilflosigkeit, die mich 1945 inmitten der zerstörten Stadt überkamen, haben mich bis heute nicht mehr losgelassen. Sie begleiten mich ein Leben lang.

freiheit Albertine Neuland war ein besonderer Mensch. Und wir, die wir nach ihr kommen, erinnern an sie. Wir können heute erinnern, weil wir die Freiheit dazu haben und weil die Menschenfeinde, die meine Großmutter und viele Millionen andere jüdische Menschen ermordet haben, besiegt werden konnten. Diesen Sieg müssen wir erhalten und unsere Freiheit nutzen – um die Erinnerung zu bewahren und die Demokratie, die darauf aufbaut, zu schützen.

Nur wenn wir die Schrecken der Vergangenheit nicht verdrängen, können wir dafür sorgen, dass sie uns nicht wieder ereilen. Nur das Erinnern stellt sicher, dass kein Kind, kein Sohn und keine Großmutter jemals wieder durchleiden muss, was Albertine Neuland, mein g’ttseliger Vater und ich damals durchlitten haben. Dafür ist diese Stele Erinnerung – und Auftrag.

An der Übergabe wirkten Oberbürgermeister Dieter Reiter und Barbara Turczynski-Hartje (Bezirksausschuss) als Vertreter der Stadt mit. Neben Charlotte Knobloch, der Enkelin von Albertine Neuland, hielt auch Moris Lehner vom IKG-Vorstand eine Rede. Erschienen waren auch die beiden Vizepräsidenten, Yehoshua Chmiel und Ariel Kligman, sowie die Vorstandsmitglieder Eugen Alter, Peter Guttmann, Anita Kaminski und Daniel Salzer. Gekommen waren außerdem Urenkel Bernd Knobloch, Ilse Macek vom Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie« und der Kabarettist Christian Springer. Das El Male Rachamim trug Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman vor.

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