Archive

In Wort und Bild

»Gedächtnis der Jüdischen Gemeinden Deutschlands«: Im Zentralarchiv Heidelberg lagern rund 1000 Regalmeter Daten aus den jüdischen Nachkrigsgemeinden. Foto: Philipp Rothe

Fotos oder sogar Videos von den Bauarbeiten an der neuen Synagoge, Screenshots der ersten Webseite, Bilder der jeweiligen Vorsitzenden, Schriftwechsel mit den Hinterbliebenen ehemaliger Gemeindemitglieder, Artikel über besondere Veranstaltungen – spätere Generationen würden solche Dokumente ihrer Gemeinden sicherlich interessieren. Aber wird das, was man für die Nachwelt für beachtenswert halten könnte, überhaupt gezielt gesammelt? Die Dokumentation ist für die jüdischen Gemeinden nicht immer einfach.

»Eine regelmäßige Ablage aktueller Dokumente für die Nachwelt haben wir nicht«, sagt Monika Bunk von der Jüdischen Gemeinde Marburg, und es klingt nicht nur so, als würde sie dies bedauern. »Wir haben einfach nicht die Manpower. Alles, was über kleinere Aktionen hinausgeht, ist personell einfach nicht zu stemmen«, betont Bunk und führt einige Beispiele an. »Ich fotografiere viel, auch bei unseren Veranstaltungen – aber es fehlt oft anschließend die Zeit, die Bilder aufzuarbeiten.« Das, was an Dokumenten und Unterlagen aus der Zeit vor der Wiedergründung der Gemeinde erhalten geblieben ist, habe man dem Zentralarchiv in Heidelberg übergeben, sagt Bunk.

Zentralarchiv Das in Trägerschaft des Zentralrats der Juden 1987 gegründete Archiv kümmert sich um die »Aufbewahrung und Erschließung von historisch wertvollem Schriftgut jüdischer Gemeinden, Verbände, Organisationen und Personen«, besonders für die Zeit nach der Wiedergründung der Gemeinden nach der Schoa. Bereits rund 1000 Regalmeter Altakten habe man aus den vergangenen 60 Jahren, erklärt der Leiter des Zentralarchivs, Peter Honigmann.

Gleichwohl wäre es schön, wenn in der Gemeinde wichtige Ereignisse dokumentiert werden könnten, findet die Marburgerin. »Im Moment veröffentlichen wir in den Stadtschriften das eine oder andere, aber eben nur punktuell.« Einen geplanten Artikel über das Grundstück an der Universitätsstraße, wo die alte, von den Nazis in Brand gesteckte Synagoge stand, zu schreiben, sei gar nicht so einfach: »Man schafft es ja kaum, Archive während deren Öffnungszeiten aufzusuchen«, seufzt Bunk.

Hilfe Wäre es da nicht eine gute Idee, nach einer ehrenamtlichen Hilfskraft zu suchen? »Ja, schon – aber so ganz einfach ist so jemand sicher nicht zu bekommen. Denn er oder sie müsste schon einige Kritierien erfüllen, nämlich Spaß an der Sache und viel Know-how haben. Und dazu auch noch jüdisch sein, das wäre uns schon wichtig, da Nichtjuden, so wohlmeinend sie auch sein mögen, manches ganz anders wahrnehmen und man mehr erklären müsste.«

Die Stuttgarter Gemeinde gibt ihre Unterlagen hingegen nicht ins Heidelberger Zentralarchiv, sondern hat einen Kooperationsvertrag mit dem Stadtarchiv geschlossen. Dies sei das Ergebnis »mehrerer Glücksfälle und jahrelanger Vorarbeit«, betont Barbara Traub und erzählt von Michail Fundaminski. Der inzwischen verstorbene, aus Leningrad stammende Historiker hatte die Idee, die Gemeindegeschichte aufzuarbeiten und sie den neuen, aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Mitgliedern in ihrer Sprache zugänglich zu machen, um auf diese Weise die Identifikation mit der Gemeinde zu stärken.

Protokolle »Das Archiv war damals nicht geordnet, und nach einem Wasserrohrbruch waren die Akten und Dokumente nass geworden und mussten dringend fachkundig behandelt werden«, erinnert sich Traub. Da die Gemeinde schon lange ein sehr gutes Verhältnis zum Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs pflegte, der unter anderem auch seine Promotion über die Geschichte der Stuttgarter Juden geschrieben hatte, entschied man sich, das Angebot der Stadt anzunehmen.

Michail Fundaminski selbst konnte die Unterlagen fürs Archiv sichten und ordnen. Für den Historiker wurde eine auf drei Jahre befristete Stelle eingerichtet. Dabei stieß er auch auf Dokumente, die den Geist der 50er-Jahre widerspiegelten, wie Traub leicht amüsiert erzählt: »In den Dokumenten aus der Nachkriegszeit fanden sich auch Protokolle von jahrzehntealten Vorstandssitzungen. Demzufolge kamen die Männer überein, dass Frauen zwar in die Repräsentanz, aber nicht in den Vorstand gewählt werden durften, obwohl das nicht in der Satzung stand«, wie Traub, die erst 2002 als erste Frau in den Vorstand der IRGW gewählt worden war, betont.

Teil der Stadtgeschichte »Es war kein selbstverständlicher, es war ein integrativer Schritt«, sagt sie über die Entscheidung, die Unterlagen dem Stadtarchiv anzuvertrauen, »denn jüdische Geschichte ist eben auch jüdische Stadtgeschichte«. Im städtischen Archiv sei sie in guten Händen, zumal »wir unsere Zustimmung geben müssen, wenn jemand von außerhalb der Gemeinde die Unterlagen einsehen möchte«.

»Wir archivieren generell jüdische Themen«, sagt Monika Miklis von der Gemeinde Emmendingen, dazu gehören nicht nur Briefwechsel, sondern auch Artikel über die Zeit des Nationalsozialismus und aktuelle Diskussionen, wie etwa zur Beschneidung. »Viele freiwillge Helfer und einige Festangestellte machen diese Dokumentationen möglich.« Die aktuelle Geschichte der im Jahr 1995 wiedergegründeten Gemeinde wird zusätzlich auf der Internetseite dokumentiert, »da ist allerdings einiges noch in Arbeit, weil sie gerade neu gestaltet wurde«.

Privatsammlung Das A und O sei »ein gutes Netzwerk«, betont Miklis. Die mit aktuell 345 Mitgliedern relativ kleine Gemeinde arbeitet eng mit der Stadt Emmendingen zusammen – und mit dem ortsansässigen »Verein für jüdische Geschichte und Kultur«. Gemeinsam konnte man nicht nur das Jüdische Lehrhaus aufbauen, sondern auch ein Jüdisches Museum, in dessen Präsenzbibliothek sich unter anderem die Privatsammlung des Gemeindegründers Klaus Teschemacher befindet. Der ehemalige Lehrer hatte jahrzehntelang Dokumente über das jüdische Leben gesammelt, beispielsweise über die erste Gedenktafel der Stadt, die im Jahr 1968 angebracht wurde und an die ehemalige Synagoge erinnert.

Aber auch mit dem Heidelberger Zentralarchiv arbeitet man zusammen: »Wir schicken einmal im Monat unsere Gemeindezeitschrift dorthin – viele der darin enthaltenen Informationen sind für künftige Generationen sicher interessant, aber natürlich möchten wir sie nicht einfach so öffentlich machen, weil sie, wie zum Beispiel Geburtstage, ja aus datenschutzrechtlicher Sicht nicht von jedermann einfach so eingesehen werden sollten.«

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026

Stadtführung

Tatort Scheunenviertel

Kleinkriminelle, Arbeiter und Ostjuden – der Historiker Dmitry Kudinov zeigt die bewegte Geschichte eines hippen Teils von Berlin, der vor rund 100 Jahren alles andere als gentrifiziert war

von Alicia Rust  17.07.2026

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026