Jüdische Gemeinde Dessau

In ihren Zwanzigern

»Ein Vierteljahrhundert mag im Lauf der Geschichte fast nichts sein. Für jeden persönlich ist es aber eine lange Zeitspanne.« Rund 40 geladene Gäste aus Vereinen, der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik hörten am vergangenen Donnerstag aufmerksam den Worten Mark Dainows, des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, zu. Dainow war in die drittgrößte Stadt Sachsen-Anhalts gekommen, um seine Glückwünsche an eine 25-Jährige zu übermitteln.

Denn die Jüdische Gemeinde wird ein Vierteljahrhundert alt. »Eine Erfolgsgeschichte, die man nicht hoch genug schätzen kann«, sagte Dainow. Vor allem ist es auch eine Geschichte, an deren Erfolg Bella Avstriyska maßgeblichen Anteil hat. Die gebürtige Ukrainerin, die im September 1993 mit ihrem Mann nach Dessau kam, war eine wichtige Impulsgeberin für die Neugründung der Gemeinde im September 1994.

Heimat Mit 38 Jahren brach Avstriyska gemeinsam mit ihrem Mann alle Zelte in ihrer alten Heimat ab, um in einer neuen, noch fremden Heimat von vorn anzufangen. Eine Flüchtlingsunterkunft in Kochstedt, einem eingemeindeten Vorort von Dessau, war ihr erstes Zuhause. »Die Mitbewohner und die Betreuer waren nett«, erinnert sich Bella Avstriyska.
Doch so schnell wie möglich wollte das ukrainische Ehepaar auf eigenen Beinen stehen.

Für die Dagebliebenen ist Dessau eine lieb gewordene Heimat geworden.

Die Buchhalterin und der Maschinentechniker lernten Deutsch und passten sich so gut wie möglich der Gesellschaft ihrer neuen Heimat an. Ihren jüdischen Glauben wollten sie auch in der Fremde bewahren und leben. Doch dabei stießen sie an erste Grenzen. Organisiertes jüdisches Leben gab es zum damaligen Zeitpunkt in der Bauhausstadt Dessau nicht, obwohl jüdische Traditionen dort durchaus eine lange Geschichte haben.

Synagoge Im Jahre 1642 gab das Fürstenhaus zu Anhalt-Dessau erste Schutzbriefe an Juden aus. Im Laufe der Zeit trugen sie wesentlich zur Blüte des geistigen und kulturellen Lebens der Stadt bei. Mit dem Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786) brachte Dessau einen Wegbereiter der Aufklärung hervor.

Auch Kurt Weill (1900–1950), der Komponist der Dreigroschenoper, verbrachte seine Kindheit und Jugend in der Stadt und legte dort die Grundlagen für seinen späteren Erfolg.
Die Synagoge im Dessauer Zentrum war einst eines der imposantesten städtischen Bauwerke. Am 9. November 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten angezündet und zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten 17 Juden nach Dessau zurück, blieben aber nicht lange.

Wende Mehr als vier Jahrzehnte lang spielte jüdisches Leben in der Dessauer Öffentlichkeit keine Rolle. Das bemerkte auch Bella Avstriyska recht schnell. In den beiden größten Städten Sachsen-Anhalts, Magdeburg und Halle, wurde jüdisches Leben zumindest marginal bewahrt und erlebte schon kurz nach der Wende eine Blüte.

Zum Chanukkafest wurden Bella Avstriyska und ihr Mann 1993 nach Magdeburg eingeladen. Dort fühlten sie sich wohl und lernten auch andere Juden aus Dessau und Umgebung kennen. »Die Magdeburger boten an, uns in ihre Gemeinde zu integrieren. Ich fand es aber wichtig, eine eigene Gemeinde in Dessau zu haben«, erinnert sie sich.

Am 8. November soll der Grundstein für die Synagoge gelegt werden.

Behörden Viel Energie verwendete sie darauf, Unterstützer zu finden, bei Behörden vorzusprechen und die Dessauer Gemeinde ins Laufen zu bringen. Damit wurden auch zukunftsfähige Strukturen geschaffen. Ein Landesverband für jüdische Gemeinden gründete sich. Mit dem Land Sachsen-Anhalt wurde ein Staatsvertrag ausgehandelt, der das Bestehen der Gemeinden in Magdeburg, Halle und Dessau sicherte.

Im September 1994 erhielt Bella Avstriyska einen Brief vom Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt, in dem bestätigt wurde, dass ab dem 1. Oktober die Gemeindearbeit auch in Dessau offiziell aufgenommen werden konnte. Als erstes Provisorium diente für die 21 Gründungsmitglieder eine von der Stadt Dessau bereitgestellte Wohnung in der Kochstedter Flüchtlingsunterkunft. Dann ging es ins heutige Rathaus des Dessauer Vororts.

Symbolkraft Ab 1996 wurde der Jüdischen Gemeinde ein Haus in der Kantorstraße 3 in Dessau von der Stadt übertragen. Ein Ort mit Symbolkraft, denn an dieser Stelle stand einst die Dessauer Synagoge. Bella Avstriyska war die erste Angestellte der Gemeinde. und leitete in wechselnder Besetzung bis 2002 mit zwei Mitstreitern den Vorstand.

Nach einer Satzungsänderung gab es einen Vorstandsvorsitzenden. Alexander Wassermann, ein Mediziner aus Taschkent, der 1996 nach Dessau zog, hat dieses Amt seitdem inne. Als Sachbearbeiterin hält Bella Avstriyska in der Gemeinde noch viele Fäden in der Hand. Ihr Mann, mittlerweile in Rente, arbeitete jahrelang als Gemeindehausmeister.

Angestellte Heute hat die Jüdische Gemeinde zu Dessau elf Angestellte, die sich um das Gemeindeleben und die soziale Betreuung von rund 300 Mitgliedern aus der Region Dessau kümmern. Im vorigen Jahrzehnt waren es noch bis zu 450 Mitglieder.

Für die Dagebliebenen ist Dessau eine lieb gewordene Heimat geworden. Aus der Stadtgesellschaft heraus wurde der Anbau einer Synagoge an das jüdische Gemeindezentrum in Dessau angeregt. Am 8. November 2019 soll die Grundsteinlegung für das 1,7 Millionen-Euro-Vorhaben erfolgen.

Dadurch erhält die Gemeinde einen größeren Gemeindesaal. Für Bella Avstriyska, Alexander Wassermann und viele Unterstützer in der Stadt ist die bevorstehende Grundsteinlegung für den Anbau ein starkes Zeichen zur Rückkehr in eine Normalität, in der jüdisches Leben, wie schon Jahrhunderte zuvor, die Stadt bereicherte.

Porträt der Woche

Der Klang eines neuen Lebens

Hannah Katz stammt aus Boston und fühlt sich, auch wegen der Musik, in Berlin zu Hause

von Alicia Rust  19.04.2026

Gedenken

Das Buch der Erinnerung

Zu Jom Haschoa las Ilan Birnbaum aus den Schilderungen seines Vaters

von Luis Gruhler  19.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Gedenken

Chemnitz erhält 19 weitere Stolpersteine

Die Stolpersteinverlegung beginnt am Mittwoch, 6. Mai

 17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Hochschule

»Spaltung statt Austausch«

Das Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf fordert den akademischen Boykott Israels. Der jüdische Student Michael Ilyaev erklärt, warum er das für falsch hält

von Joshua Schultheis  15.04.2026

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Carolin Bohl sel. A.

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026