Sally Perel

In der Haut des Feindes

Sally Perel signiert seine Autobiografie. Foto: Stephan Pramme

Die ungewöhnliche Überlebensgeschichte von Sally Perel ist vielen bekannt – nicht zuletzt dank des Kinofilms Hitlerjunge Salomon der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland. Die Produktion des Anfang Juli verstorbenen Produzenten Artur Brauner war 1992 sogar mit einem Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet worden. Er basiert auf der Autobiografie Ich war Hitlerjunge Salomon.

Sally Perels Anwesenheit sorgt auch 19 Jahre nach dem Kinoerfolg für volle Säle. In den vergangenen Wochen war der 94‐Jährige, der nach wie vor, wann immer es seine Zeit erlaubt, an Schulen als Zeitzeuge auftritt, bundesweit unterwegs, darunter auch in Berlin, wo er als Gast der Friedrich‐Naumann‐Stiftung im GLS Campus in Berlin‐Prenzlauer Berg sprach.

INTERNAT Sally Perels Story ist schnell zusammengefasst: Als die Nazis an die Macht kamen, wurde der kleine Salomon, genannt Sally, der Schule verwiesen. Bald darauf verließ er mit seiner Familie die deutsche Heimat in Richtung Lodz. Nach Beginn des Krieges schickten ihn seine Eltern noch weiter in Richtung Osten. In einem weißrussischen Kinderheim erlernte er bald schon neben Deutsch und Polnisch mit Russisch seine dritte Sprache.

Tagsüber stand er als Jupp stramm, nachts weinte er sich als Sally in den Schlaf.

Nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde der 16‐Jährige von einem deutschen Hauptmann aufgegriffen, dem Sally glaubhaft versicherte, ein »Reichsdeutscher« namens Joseph Peters zu sein. Umgehend wurde er der Dolmetscher der 12. Armee und als »jüngster Soldat der deutschen Wehrmacht« zu deren Lieblingskind Jupp. Er erhielt sogar die Empfehlung von Henriette von Schirach, der Frau des Reichsjugendführers, für eine der elitären Adolf‐Hitler‐Schulen. Schließlich verbrachte Sally Perel alias Joseph »Jupp« Peters den Rest des Krieges in der Scharführer‐Uniform der Hitlerjugend in einem NS‐Eliteinternat nur 40 Kilometer von seinem Geburtsort Peine entfernt.

So weit die Geschichte, wie sie Sally Perel, der mittlerweile in Israel lebte, 40 Jahre mit sich herumgetragen hatte, ehe er nach einer Herz‐OP beschloss, sie aufzuschreiben. Unter dem Titel Ich war Hitlerjunge Salomon erschien sie Anfang der 80er‐Jahre zunächst in Israel und wurde 1990 von Agnieszka Holland verfilmt. In den USA war der Kinofilm unter dem Titel Europa, Europa erfolgreicher als hierzulande.

Was die Veranstaltungen mit Sally Perel auch für jenen Teil des Publikums interessant macht, der Buch oder Film bereits kennt, ist zunächst die sehr berührende authentische Erzählung des Protagonisten. Etwa, wenn er beschreibt, wie man ihn der Schule verwies und ihn zu einem Feind jener Freunde machte, mit denen er »zehn Jahre lang eine glückliche Kindheit verlebt« hatte.

ABSCHIED Eindrücklich schildert der 94‐Jährige auch die Szene, wie ihn seine Eltern gemeinsam mit dem Bruder zu Beginn des Krieges ins sowjetisch besetzte Ost‐Polen schicken. Er ahnt, dass er sie nie mehr wiedersehen würde, als sie ihm zwei fast gegensätzliche Ratschläge mit auf den Weg geben. Der Vater beschwört ihn, »immer Jude zu bleiben«, während seine Mutter ihm rät, »alles zu tun, um zu überleben – auch zu lügen«. Als Sally dann in Weißrussland jenem deutschen Hauptmann gegenübersteht, der ihn fragt, ob er Jude sei, entscheidet er sich für den mütterlichen Rat und gegen den des Vaters.

Sally Perel, der in Israel lebt, trug seine Geschichte 40 Jahre mit sich herum. Nach einer Herz‐OP beschloss er, sie aufzuschreiben.

Und hier beginnt das, was die Veranstaltung zum Ort eines außergewöhnlichen Bekenntnisses macht. Die Nazi‐Uniform nämlich sei nicht nur eine nahezu perfekte Camouflage gewesen, sondern zu einem Instrument der Identifizierung geworden.

NS‐Eliteinternat »Ich wusste nicht mehr, wer ich war«, sagt Sally Perel heute und erzählt, wie er sich für die Siegesmeldungen im Reichsrundfunk begeisterte. Im NS‐Eliteinternat wurde er vom Rassenkundelehrer als ein typisches Beispiel für die baltisch‐arische Rasse vorgestellt, und Jupp, der nachts oft weinend zu seiner jüdischen Identität zurückkehrte, begann tagsüber, an die NS‐Ideologie zu glauben.

Der Höhepunkt dieses inneren Konflikts sei erreicht worden, als er sich im Herbst 1943 einen Urlaubsschein für Lodz, das nun Litzmannstadt hieß, besorgt hatte, um nach seinen Eltern Ausschau zu halten. Im verschlossenen Straßenbahn‐Abteil fährt er mehrfach durch das Ghetto. Als er die Leichen am Straßenrand sieht, wird er von Emotionen überwältigt. Und der junge Mann in der Nazi‐Uniform murmelt leise: »Hier wird mein Volk vernichtet!«

»In meiner Brust kämpften zwei feindliche Seelen!«, sagt er heute und überrascht sein Publikum mit dem Bekenntnis: »Jupp, der Hitlerjunge, ist in meinem Innern noch immer vorhanden!« Er habe sich die Haut des Feindes als Panzer angelegt, und es gelinge ihm nicht, diesen zu sprengen. Auch nach 70 Jahren Existenz als selbstbewusster israelischer Staatsbürger werde er Jupp noch immer nicht ganz los.

Vor einigen Jahren traf er den Nazi‐Offizier von damals – und lud ihn spontan in eine Schule ein.

Und Sally Perel nennt Beispiele: Wenn er etwa eine TV‐Dokumentation über die NS‐Zeit sehe, in der Uniformierte im Gleichschritt unter der Hakenkreuzfahne marschieren, so melde sich immer zuerst der Nationalstolz von Jupp, ehe ihm der Jude Sally den Kopf zurechtrückt.

Beim Anblick eines schwerstbehinderten Menschen falle ihm erst die Nazi‐Phrase vom »unwerten Leben« ein, ehe Sally auf das biblische Gebot der Nächstenliebe verweist, die jenen Menschen in doppeltem Maße zustehe.

IDEOLOGIE Inzwischen reist der Zeitzeuge gemeinsam mit dem Journalisten Gerd Rüdiger durch die Lande. Die verheerende Wirkung von ideologischer Beeinflussung einerseits und vernunftbegabte Reflexion andererseits – Sally Perel hat beides erfahren und möchte daher vor allem jungen Leuten einen Leitfaden für ein selbstbestimmtes Leben mit auf den Weg geben. Gerade in einer Zeit der Geschichtsrelativierung sei es nötig, kritisch nachzufragen, sagt er.

Und dann erzählt er wieder von jenem Hauptmann, der ihn einst in Weißrussland fragte, ob er Jude sei. Vor einigen Jahren habe er ihn in Lübeck getroffen und zu einer Veranstaltung in eine Schule eingeladen.

Dort sei der Ex‐Offizier von einem Schüler gefragt worden, was er getan hätte, wenn Sally sich seinerzeit zu seiner jüdischen Herkunft bekannt hätte. Nach kurzem Zögern habe der Mann gesagt: »Ich hätte ihn erschossen!« Aufruhr entstand in der Lübecker Schul‐Aula, und Sally Perel stellte sich lautstark auf die Seite des ehemaligen Nazi‐Offiziers.

Nicht dessen damalige Verblendung solle beurteilt werden, erklärte Sally Perel den Gymnasiasten, sondern dessen heutiger Mut zur Ehrlichkeit. In Berlin erntet er dafür lang anhaltenden Applaus.

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