München

Immer ansprechbar

Rabbiner Shmuel Aharon Brodman betreut seit nunmehr fast sechs Jahren die Israelitische Kultusgemeinde – und sein Engagement ist ungebrochen

von Miryam Gümbel  03.03.2022 14:57 Uhr

Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman in seinem Arbeitszimmer Foto: IKG München u. Obb.

Rabbiner Shmuel Aharon Brodman betreut seit nunmehr fast sechs Jahren die Israelitische Kultusgemeinde – und sein Engagement ist ungebrochen

von Miryam Gümbel  03.03.2022 14:57 Uhr

»Seit bald sechs Jahren ist Shmuel Aharon Brodman der Rabbiner unserer Gemeinde, und bis heute bin ich deshalb jeden Tag froh und dankbar. Nicht genug damit, dass er viel halachisches Wissen mitbringt, er beherrscht auch das zweite wichtige Handwerk eines Rabbiners perfekt: den Umgang mit seinen Gemeindemitgliedern. Seine offene, freundliche und verbindende Art ist eine Bereicherung für die IKG, er selbst, seine Ehefrau und Kinder sind im Haus hochgeschätzt. Er ist unermüdlich im Einsatz für die Menschen in seiner Umgebung und ein Kümmerer, wie er im Buche steht. Es gibt nur wenige Rabbiner, die so engagiert sind wie er – genauso sehen es unsere Mitglieder auch.«

Mit diesen Worten beschreibt Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die unermüdliche Arbeit des Gemeinderabbiners. Wie aber sieht sein Alltag konkret aus? »Da gleicht kein Tag dem anderen, auch wenn es feste Zeiten gibt«, sagt Rabbiner Brodman. »Vor allem muss man offen und flexibel sein.«

unterstützung Zu den festen Zeiten gehören die täglichen Gebetszeiten und die Gottesdienste. Dabei muss er allerdings nicht immer persönlich anwesend sein. Unterstützt wird er bei seiner vielfältigen Arbeit von den Rabbinern Avigdor Bergauz, Zalman Zizov und Israel Diskin.

Wichtig sind Rabbiner Brodman persönliche seelsorgerische Gespräche, wann immer ein Gemeindemitglied das wünscht.

Wichtig sind Rabbiner Brodman persönliche seelsorgerische Gespräche, wann immer ein Gemeindemitglied das wünscht. Schiurim fallen in seinen Aufgabenbereich, die Vorbereitung von Predigten zu bestimmten Anlässen wie Feiertagen. In erster Linie ist er aber ein Gelehrter. Daher gehören auch religionsrechtliche Entscheidungen zu seinen Pflichten.

Dass all das den Rahmen eines Arbeitstages mit acht Stunden oder eine 40-Stunden-Arbeitswoche sprengt, versteht sich beinahe von selbst. Doch Rabbiner ist eben mehr als ein Beruf, das Amt fordert die ganze Persönlichkeit, Aufgeschlossenheit und Liebe zu den Menschen der Gemeinde.

wunsch Vor einem Jahr klingelte nachts um halb drei Uhr das Telefon, Brodmans Sohn hatte es gehört und den Apparat ins elterliche Schlafzimmer gebracht. »Eine verzweifelte Frau berichtete, dass ihr Mann sterbenskrank in einer Münchner Klinik liege, ihm wohl nur noch wenige Stunden blieben. Sie bat mich, ihn zu besuchen, sofort, denn am Morgen sei es schon zu spät.« So machte sich der Rabbiner auf den Weg – und konnte den Wunsch des Sterbenden noch kurz vor dessen Tod erfüllen.

Mit einem ganz anderen und eher ungewöhnlichen Anliegen wurde Rabbiner Brodman während der Corona-Pandemie konfrontiert. Da erreichte ihn der Anruf einer Frau, die aufgrund der Quarantäne-Bestimmungen ihre Wohnung nicht verlassen durfte. Ihr Hund musste dennoch spazieren geführt werden.

Eine Aufgabe für den Rabbiner? Er selbst wurde nicht zum Hundesitter, doch mithilfe der Mitzwe Makers ließ sich dieses Problem schnell und unkompliziert lösen. »Ich empfinde es als sehr positiv, dass mich diese Frau angerufen hat«, sagt Brodman. »Ich bin glücklich, wenn sich die Menschen an mich wenden. Sie können meine Frau und mich alles fragen, was ihnen am Herzen liegt. Das ist gut so.«

israel Wie kam es dazu, dass Shmuel Aharon Brodman Rabbiner wurde? Geboren in den Niederlanden, lebte er bis zu seinem 14. Lebensjahr dort. Da es damals in Holland kein jüdisches Gymnasium gab, beschlossen seine Eltern, nach Israel auszuwandern. Dort hatte sein Vater, David Brodman sel. A., in der Nähe von Tel Aviv eine Stelle als Gemeinde­rabbiner bekommen.

Als Sohn des bekannten und angesehenen Rabbiners erfuhr Shmuel Aharon Brodman schon von Kindestagen an viel über Jüdischkeit und Religion. Auch, als er seine erste Rabbinerstelle antrat, bekam er von seinem Vater einige Grundregeln mit auf den Weg.

Und noch eine Fähigkeit verdankt er ihm, die sich als eine wichtige Stütze bei seiner seelsorgerischen Arbeit in München erwies: das Wissen um die Schoa und das sich Einfühlen-Können in den Gemütszustand der Überlebenden. Das Verständnis für ihre besonderen Ängste ist eine große Hilfe bei persönlichen Begegnungen – sowohl bei seinen Besuchen im Seniorenheim als auch im individuellen Gespräch. Dasselbe gilt für den Kontakt zur sogenannten Zweiten Generation.

Als Sohn eines Rabbiners erfuhr Brodman von Kindestagen an viel über Jüdischkeit und Religion.

David Brodman sel. A. war selbst Überlebender. Er und seine Schwester gehörten zu den 92 von insgesamt 15.000 Kindern, die aus dem Lager Theresienstadt gerettet wurden. Sein Vater, der Großvater des heutigen Münchner Rabbiners, wurde 1945 in Auschwitz ermordet.

kapstadt Nach dem Abitur in Tel Aviv heiratete Shmuel Aharon Brodman seine Freundin aus holländischen Kindergartenzeiten – auch ihre Familie war nach Israel gezogen, und die beiden elterlichen Familien blieben über Jahrzehnte befreundet. Es folgte ein sechsjähriges Studium an der renommierten Mir-Jeschiwa in Jerusalem. Dann trat der junge Rabbiner seine erste Stelle in Kapstadt an.

Sechs Jahre lang leitete er die orthodoxe Kapstädter Gemeinde – bis auch ihn die religiöse Erziehung seiner Kinder dazu bewog, nach Israel zurückzukehren. 2016 führte ihn sein Weg dann nach München.

Was macht ihm Freude bei seiner Arbeit? Brodman muss nicht lange überlegen: »Ich will den Menschen die schönen Seiten der Religion zeigen. Da gibt es zum Beispiel auch viele Hochzeiten. Die jungen Leute auf ihrem Weg begleiten – das gibt eine Menge an Zufriedenheit!«

hobby Ein privates Hobby hat Rabbiner Brodman auch abseits von seinem Beruf: Er sammelt Briefmarken – vor allem solche mit Ersttagsstempel im dazugehörigen Kuvert.

Für die Zukunft erhofft sich der Münchner Gemeinderabbiner im Zuge der Corona-Lockerungen mehr Möglichkeiten mit Blick auf den Gottesdienstbesuch. »Dann können wir wieder gemeinschaftlich feiern. Die Gemeindemitglieder können wieder Kaddisch in der Synagoge sagen. Das so lange vermisste Miteinander kann wiederaufleben.«

Porträt der Woche

»Ich bin für andere da«

Shterna Wolff leitet das Jugendzentrum in Hannover und arbeitet rund um die Uhr

von Christine Schmitt  28.01.2023

27. Januar

»Verantwortung annehmen«

Charlotte Knobloch über ihre Gedenkrede im Bundestag 2021, Erinnerungsarbeit an Schulen und Vertrauen in die junge Generation

von Stefanie Witterauf  26.01.2023

Gedenken

Von Routine keine Spur

Insgesamt 100.000 Stolpersteine wird Gunter Demnig in diesem Frühjahr verlegt haben

von Carina Dobra  26.01.2023

Berlin

Ein kurzes Leben

Marianne Cohn rettete 200 jüdische Kinder

von Christine Schmitt  26.01.2023

Margot Friedländer

»Hier bin ich geboren, hier werde ich sterben«

Die Holocaust-Überlebende und Ehrenbürgerin Berlins wurde am Montag ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  26.01.2023

Jubiläum

Mehr als Einwanderung

Auch nach 90 Jahren ist die Jugend-Aliyah noch aktiv. Ein deutscher Verein unterstützt das Hilfswerk

von Joshua Schultheis  26.01.2023

Soziale Medien

Sprache der Jugendlichen

Wie TikTok an die Schoa erinnern möchte

von Ralf Balke  26.01.2023

»We Remember«

Zuhören und fragen

Berliner Schülerinnen und Schüler im Gespräch mit Zeitzeugen

von Katrin Richter  26.01.2023

Song Contest

Luftsprünge vor Glück

Die Jewrovision startet im Mai – und die jungen Tänzer und Sänger sind schon voller Vorfreude

von Christine Schmitt  26.01.2023