JNF-KKL

»Im Zentrum steht der Mensch«

Johannes Guagnin Foto: Marco Limberg

Herr Guagnin, Sie vertreten seit Herbst 2017 als Gesandter des Jüdischen Natio­nalfonds den JNF‐KKL in Deutschland. Viele Menschen verbinden mit dem JNF in erster Linie die blau‐weiße Spendenbüchse und »Bäume pflanzen«. Wie bekannt ist die ganze Bandbreite der Projekte?
Relativ wenig. Es gibt sehr viele Informationen im Internet, aber man muss sich erst einmal dafür interessieren, dass es noch mehr gibt, als Bäume zu pflanzen. In Vor­trägen spreche ich nicht nur über Wälder, sondern auch über die Geschichte des JNF, über Forstgeschichte und aktuelle Projekte, wie wir Kollegen im Ausland unterstützen und im Wissenstransfer aktiv sind.

Sind das Themen, mit denen Sie neues Interesse am JNF wecken wollen?
Auf jeden Fall. Gerade, was die Forstwirtschaft betrifft, ist die Nachfrage nach unserem Know‐how enorm, sowohl seitens staatlicher Stellen als auch von NGOs. Zum Beispiel war vor ein paar Monaten die Umweltministerin von Kenia in Israel zu Besuch. Die kenianische Regierung will die Waldfläche vergrößern – und wir helfen den heimischen Forstleuten, aufzuforsten.

Welches Image von KKL wollen Sie in Deutschland vermitteln?
Mir ist es wichtig, in die jüdischen Gemeinden zu gehen und insbesondere die jüdische Jugend anzusprechen. Was ich weitergeben will, ist der Gedanke, dass KKL keine Organisation in einem fernen Land ist, sondern dass die zionistische Idee, das Land lebenswerter zu machen für die Bewohner, auch etwas ist, das Juden in der Diaspora angeht. Die Jugendlichen sollen sich damit identifizieren können – seien es der Aufbau des Landes oder ökologische Themen. Ich will den jungen Leuten sagen: Ihr seid Teil dieser Organisation!

Wie wollen Sie vorgehen?

Vier meiner fünf Kinder gehen in die Schulen beziehungsweise die Kita der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in der wir Mitglied sind. Die große Vision ist, durch Teilhabe am jüdischen Leben diese Organisation zu verkörpern. Wir wollen zeigen: KKL ist mittendrin und für alle da. Der Weg dorthin ist natürlich Arbeit.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wollen Sie besonders vermitteln?
Mir persönlich sind natürlich Wälder sehr wichtig – aber nicht ausschließlich. Ein großer Aufgabenbereich, den KKL jetzt zu meistern hat, ist die Bewirtschaftung der bereits gepflanzten Wälder. Das ist sehr kostenintensiv. Der Wald muss ausgedünnt werden, um den Bäumen Licht zu verschaffen und die Gefahr von Waldbränden zu verringern. Andererseits geht es auch darum, die Zusammensetzung der Baumarten zu beeinflussen, etwa den Nachwuchs von einer größeren Zahl einheimischer Laubbaumarten zu gewährleisten, wie Eichen, Pistazien oder Johannisbrotbäumen.

Zu den KKL‐Farben gehört neben Grün und Braun auch Blau für Wasser.
Das Thema Wasser ist etwas schwieriger. Unsere Konzepte sind anderswo kaum umzusetzen, da die Partnerländer oft nicht über die finanziellen Mittel verfügen. Wenn wir es aber schaffen, Wälder aufzuforsten und Wüstenausbreitung zu verhindern, und dadurch dazu beitragen, dass es der lokalen Bevölkerung besser geht, dann haben wir schon viel erreicht.

Auch Waldbrände sind ein Thema.

Ja, daher sind Feuerschneisen und Waldwege so entscheidend. Aber auch Waldspielplätze wollen wir anlegen – all das sind Themen, die wichtig sind, viel Geld kosten und vor allem sehr aktuell sind. Bestes Beispiel ist der Lahav‐Wald. Dort gibt es sehr viele archäologische Stätten, Brunnen aus byzantinischer Zeit, Weinpressen. Das sind Projekte, die wir instand setzen und zugänglich machen für die Bevölkerung, sodass die Menschen neben der Erholung auch einen Mehrwert haben, wie beispielsweise Geschichte zu erfahren oder ihren Hobbys nachzugehen. Dort gibt es zum Beispiel eine Stelle mit Pistazienbestand, von der aus sich Zugvögel auf den Weg machen.

Der Wald dient also weniger der Bewirtschaftung als der Freizeit?
So ist es. Im Zentrum unserer Arbeit steht immer der Mensch. Der Wald gewinnt dadurch an Wert, dass der Mensch ihn nutzen kann. Wir versuchen, die Leute aus den Ortschaften heraus in den Wald zu bringen, und wollen das vor allem in der Peripherie tun, also an den geografischen und sozialen Rändern, wo die Menschen oft nicht die Mittel haben, ihre Freizeit aktiv zu gestalten. Familien sollen den Wald zum Picknick, zum Radfahren oder zum Spazierengehen nutzen. Sogar Partys haben wir in unseren Wäldern. Wir fragen immer danach, welchen ökologischen Nutzen uns der Wald bietet. Manche Wälder werden so angepflanzt, um große Massen Staub aus der Luft herauszufiltern. Auch für den Wasserhaushalt – in Israel immer ein brisantes Thema – sind die Wälder wichtig.

Wie verändert sich die Wahrnehmung von Wald in Israel?

Das Thema ist langsam im Kommen. Leute machen mehr Waldspaziergänge. Fahrradfahrer nutzen die Radwege, vor allem im Süden Israels im Nord‐Negev, insbesondere im Februar, wenn die Anemonen blühen. Wald kommt mehr und mehr ins Bewusstsein. Es gibt sogar eine Initiative, die Waldkindergärten voranbringen möchte.

Waldprojekte kommen allen zugute, Juden, Arabern, Beduinen. Dennoch be­haup­ten Israelgegner wie beispielsweise die BDS‐Bewegung immer wieder, KKL würde den Palästinensern mit neuen Waldprojekten Gebiete stehlen. Wie gehen Sie mit diesen Vorwürfen um?
Israel ist ein Rechtsstaat mit einem sehr gut funktionierenden Rechtssystem, das unabhängig von der Regierung ist. Alle strittigen Fragen werden per Gerichtsbeschluss in die eine oder andere Richtung entschieden. Daran halten wir uns natürlich.

Erschweren diese Proteste die Arbeit?
Natürlich, zumal man da auf viele Emotionen trifft. Die Diskussion bewegt sich ja nicht immer auf sachlicher Ebene, es schwingen viele Vermutungen und Halbwahrheiten mit. Die versuchen wir – sehr gründlich und faktenbasiert – richtigzustellen. Das Hauptproblem ist: Wenn wir eine Anschuldigung aus dem Weg geräumt haben, steht die nächste im Raum. Wir glauben als Organisation an das, was wir tun.

Können Sie sich vorstellen, dass Sie Brücken bauen können?
Brücken baut man ja von zwei Seiten. Wenn ich die Glaubwürdigkeit bei unseren Unterstützern habe, dann freut mich das sehr. Wenn sich unsere Kritiker aufgrund meiner Arbeit noch einmal genauer damit beschäftigen, dann wäre es ein großer Erfolg hier in Deutschland. In anderen Ländern ist die Lage anders. Länder, die unseren Wissenstransfer nutzen, honorieren dann vielleicht auch eher die Kooperationen – das führt dann möglicherweise dazu, dass wir Brücken zwischen diesen Staaten und dem Staat Israel bauen, und dass zum Beispiel bei der nächsten Verurteilung Israels im UN‐Sicherheitsrat die Hand unten bleibt.

Sie kommen aus Deutschland. Was hat Sie von Schwaben nach Israel gebracht?
Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen und habe in Rottenburg am Neckar Forstwirtschaft studiert. Ein Master‐Stipendium führte mich nach Sde Boker an die Ben‐Gurion‐Universität. 2012 war eine Stelle ausgeschrieben in der JNF‐Forstabteilung – perfekt für mich. Denn so habe ich KKL von Grund auf kennengelernt.

Worin bestand Ihr Aufgabenbereich?
Als Koordinator für Auslandsbeziehungen und Forschung liefen bei mir zum einen die Fäden zu verschiedenen israelischen Fach‐ und Hochschulen zusammen, die von uns finanziell in ihrer Forschung unterstützt werden. Zum anderen ist KKL bei verschiedenen UN‐Organisationen akkreditiert, zum Beispiel bei der UNCCD, die sich der Bekämpfung der Wüstenausbreitung verschrieben hat, oder der UNFCCC, die für die Einhaltung der Klimarahmenkonvention zuständig ist. Meine Aufgabe ist es, über die Arbeit von KKL zu informieren, etwa auf internationalen Treffen und Konferenzen.

Welche Aktivitäten haben Sie für das Jahr 2018 geplant?
Zum Jubiläum »70 Jahre Israel« planen wir verschiedene Vorträge zu dem Thema: Wie hat die blaue Büchse zum blauen Stern geführt? Die Entstehung des jüdischen Staates ist ja mit der Arbeit des JNF eng verbunden. Immerhin war er maßgeblich an den ersten Entwürfen für die Staatsgründung be‐
teiligt, nicht zuletzt durch Vergleiche jüdischen Landbesitzes gegenüber arabischem Landbesitz; auf deren Grundlage sind die ersten Teilungspläne entstanden. Und die Arbeit, die wir heute machen, ist immer noch relevant – Beispiel Wüstenbegrünung.

Sind das Erfahrungen, die auch andere Länder nutzen können?

Genau. Gerade dadurch, dass wir in dieses kleine Land unter schwierigen Bedingungen gezwungen wurden, mussten wir uns dieses Know‐how erarbeiten. Dabei konnten wir uns Techniken zunutze machen, die schon vor 2000 Jahren angewendet wurden, wie etwa das Auffangen von Regenwasser an Hängen. Diese Methode können wir leicht in andere Länder transportieren. Wir laden entweder Kollegen aus den Zielländern zu Seminaren zu uns ein oder schicken Fachleute dorthin, die sich vor Ort die Gegebenheiten ansehen – Geografie, Geologie, Bö­den, Niederschlag –, entsprechend lokale Baumarten auswählen und dann Bepflanzungsmodelle, die im nördlichen Negev Erfolg haben, dort anwenden.

Sie stehen noch am Anfang als Delegierter des JNF‐KKL – auf welche Bilanz würden Sie in zwei Jahren gern zurückblicken wollen?
Ich würde mir wünschen, dass das Interesse am Jüdischen Nationalfonds wächst und die Leute dazu bewegt zu sagen: Was ihr da macht, ist eine gute Sache, es hilft den Leuten in Israel, und wir wollen dabei mitmachen, denn es geht uns auch etwas an. Wir wollen uns engagieren, Mitglieder werden, die Verbindung zwischen den Gemeinden und Israel auf diese Weise stärken.

Mit dem KKL‐Delegierten sprach Katharina Schmidt‐Hirschfelder.

Tu Bischwat
Der 15. Tag des Monats Schwat, wird als Neujahrsfest der Bäume in diesem Jahr am 31. Januar gefeiert. Der Jüdische Nationalfonds – Keren Kayemeth LeIsrael (JNF‐KKL) – ruft an diesem Tag auf: »Lasst uns Bäume pflanzen!«. Das Neujahrsfest der Bäume lenke die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Natur und biete durch die Pflanzungen, aber auch durch Vorträge und Wanderungen die beste Möglichkeit, Groß und Klein dem Umweltschutz näher zu bringen.

Weitere Informationen unter www.jnf-kkl.de

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