Berlin

Im verflixten siebten Jahr

Wo heute Kinder spielen, stand früher ein Wohnhaus, in dem eine Mikwe und die Redaktion der »Jüdischen Allgemeinen Zeitung« untergebracht waren. Enrico Brissa möchte erinnern. Foto: Rolf Walter

Seit sieben Jahren setzt sich Enrico Brissa für eine Gedenkstele ein, die an die ehemalige Mikwe in der Bleibtreustraße 2 erinnern soll. »Ich verstehe einfach nicht, was daran so schwer ist«, sagt der Jurist und Buchautor. Doch die Bürokratie scheint ihren eigenen Gesetzen zu folgen – und es ist weiter unklar, ob überhaupt und wenn ja, wann die Stele aufgebaut werden kann. Das Mahnmal soll hinter dem Zaun des Spielplatzes errichtet werden. Dafür müsste es etwa 60 Zentimeter tief im Erdreich verankert werden.

»Das Projekt entwickelt sich immer mehr zu einem kleinen ›BER‹.« Inzwischen seien etliche Ansprechpartner beim Grünflächenamt, der Gedenktafelkommission und der BVV (Bezirksverordnetenversammlung) nicht mehr im Amt, da sie in Rente gingen oder abgewählt wurden. »Und die neuen Mitarbeiter stellen die Fragen, die ich schon ihren Vorgängern beantwortet habe. Wenn sie sich denn überhaupt melden«, sagt Brissa.

Für die Errichtung der Gedenkstele mussten über zehn verschiedene Leitungsabfragen eingeholt werden – von den Wasserbetrieben über Gas bis zum Stadtlicht. Der Ordner mit den Schreiben wird immer dicker. Mittlerweile hat Brissa mehr als 90 Briefe und Mails abgeheftet. Die technischen Umsetzungsschwierigkeiten seien schon seit 2021 überwunden.

»Parallelen zu Don Quijote«

Dennoch ist nichts passiert. Immerhin wurde ihm im Januar 2023 mitgeteilt, dass noch eine Genehmigungsänderung beantragt wurde und die Stele danach in Auftrag gegeben werden sollte. Doch bis heute scheint das nicht geschehen zu sein. »Angesichts der Dauer und Ausgestaltung dieses Verfahrens drängen sich mir doch Parallelen zu Don Quijote auf.«

An diesem Nachmittag steht Enrico Brissa vor dem Spielplatz, der auf dem Grundstück eingerichtet wurde. Das Wohnhaus, das 1896 gebaut wurde, ist im Krieg von Bomben zerstört worden und wurde nicht wiederaufgebaut. Er selbst wohnt ein paar Straßen weiter und kommt öfters vorbei. »Hier soll die Stele stehen.« Im Haus gegenüber haben Anwohner jüngst in Eigenregie eine kleine Gedenktafel angebracht. »Offensichtlich hat es den Initiatoren zu lange gedauert, bis Berlin die Stele umsetzt.«

1926 kaufte die Jüdische Gemeinde das Gebäude und eröffnete dort im Jahr darauf das Tauchbad. Es wurde im Erdgeschoss sowie im Keller des Hauses eingebaut, mit je einem Regenwasser- und einem Tiefwasserbassin sowie drei Tiefbädern. Das Wasser wurde durch einen großen Boiler erwärmt. In den Räumen im Erdgeschoss wurden sechs Badewannen aufgestellt, und man richtete Warte- und Umkleideräume ein – das hat der Publizist und Taxifahrer Aro Kuhrt recherchiert und auf dem Portal »Berlin Street« veröffentlicht.

Die Mikwe in der Bleibtreustraße hatte 1931 zwei Klassen, mit Eintrittspreisen zwischen zwei und drei Mark 50. Im Hof hinter dem Haus stand ein Regenwasserbecken zur rituellen Reinigung des Geschirrs und der Haushaltsgeräte. 1935 zog auch das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt in das Gebäude, 1936 folgte die »Jüdische Allgemeine Zeitung«. Jedoch musste die Gemeinde das Haus 1942 zwangsweise an Erika Brümmel verkaufen, die Witwe des Bürgermeisters von Mitte, Walter Brümmel. »Die Gestapo beschlagnahmte den Verkaufserlös«, so Kuhrt.

Im Jahr 1956 ließ der Bezirk einen Spielplatz in der Baulücke einrichten.

Die Nazis deklarierten das Gebäude zum »Judenhaus«, in das woanders entmietete Juden zwangseinquartiert wurden. 20 Bewohnerinnen und Bewohner seien namentlich bekannt, die von dort deportiert und fast alle in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ihre Namen und Daten sind heute vor Ort dokumentiert.

Ab dem Jahr 1951 versuchte die neu gegründete Jüdische Gemeinde, wenigstens das »arisierte« Grundstück zurückzubekommen. Mehr als 20 Jahre zogen sich diese Auseinandersetzungen hin, hat Kuhrt festgestellt. 1956 richtete der Bezirk Charlottenburg einen Spielplatz ein.

Schon im Sommer 2017, als im Vorfeld des Al-Quds-Tags erstmals Forderungen nach einem Boykott israelischer Waren laut wurden, wollte Brissa ein Zeichen gegen den erstarkenden Antisemitismus setzen und hängte die Israelflagge gut sichtbar an seinem Haus auf. Mit der Gedenkstele für die ehemalige Mikwe sollten die Spuren der jüdischen Stadtgeschichte aufgezeigt werden.

»Ich hatte damals ausdrücklich den Wunsch damit verbunden, die vielschichtigen Wurzeln der jüdischen Kultur in unserem Stadtteil sichtbar zu machen«, schrieb er in einer Mail, die der »Jüdischen Allgemeinen« vorliegt, an Oliver Schruoffeneger, den Bezirksstadtrat für Ordnung, Umwelt, Straßen und Grünflächen (Bündnis 90/Die Grünen) von Charlottenburg-Wilmersdorf. Da waren seit der Antragstellung schon viereinhalb Jahre vergangen.

Akt der täglichen Erinnerung an die unzähligen Opfer des Holocaust

Als Akt der täglichen Erinnerung an die unzähligen Opfer des Holocaust und als Zeichen gegen den aufs Neue erstarkenden Antisemitismus möchte er die Stele in der Bleibtreustraße sehen. In dem Schreiben fasst er zusammen, was bisher an bürokratischen Anforderungen erledigt sei: Die Gedenktafelkommission des Bezirks habe diese Anregung für »gut befunden«. Die Berliner Sparkasse unterstütze das Projekt und habe sich »dankenswerter Weise zu einer Kostenübernahme bereit erklärt«, so Brissa. Der Entwurf für die etwa 120 Zentimeter hohe Stele stehe.

Im Jahr 2013 gründeten mehrere Nachbarn die Bürgerinitiative »mikwe – kultur begegnungen«. Sie haben auf dem Spielplatz eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes installiert. Kai Uwe Peter von der Berliner Sparkasse teilte noch im vergangenen Herbst mit: »Für das, was in den Jahren alles geschah und nicht geschah, fehlen mir die Worte. Ich bitte Sie alle: Beenden Sie diese Untätigkeit, helfen Sie uns, die Stele rasch aufzustellen; für das Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, gegen heute wieder grassierenden Antisemitismus, als Bekenntnis für jüdisches Leben in Berlin.«

»Da der Bezirk an umfangreichen Initiativen zur Erinnerungs- und Gedenkkultur arbeitet und hier grundsätzlich sehr engagiert ist, bleibt es mir ein Rätsel, wieso Herr Brissa hier immer wieder selbst aktiv werden muss und sich das Projekt nun schon seit Jahren verschleppt. Eine hoffentlich erfolgende Umsetzung sollte auch zeigen, dass bürgerschaftliches Engagement mit Blick auf die Stärkung der Erinnerungskultur und damit auch der Sichtbarmachung jüdischer Geschichte in den Bezirken gewürdigt und gestärkt werden muss«, so Samuel Salzborn, Antisemitismusbeauftragter des Landes Berlin.

Und Enrico Brissa ergänzt: »Es kann doch nicht Aufgabe der jüdischen Teile unserer Stadtbevölkerung sein, sich für die Gedenkorte einzusetzen. Dafür sollten wir sorgen.«

Gerade in diesen Tagen würde die kleine Stele auf dem Spielplatz so wahrlich Großes vollbringen, meint der israelische Botschafter Ron Prosor. Sie würde die Geschichten des Ortes im Leben des Kiezes sichtbar machen und zeigen, wie allgegenwärtig jüdisches Leben ist. »Vor allem würde die Stele von der Entschlossenheit der jüdischen Gemeinde zeugen, sich ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten.«

Nach Auskunft der Presseabteilung des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf steht die Gedenkstele auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung der Gedenktafelkommission am 22. März. Enrico Brissa bleibt dran.

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