Herford

Im Betraum leuchten Sterne

Die Türen sind mit Plastikplanen geschützt. Auf dem hellen Granitfußboden liegen Decken und Wellpappen. Zweieinhalb Wo-
chen vor der Eröffnung des neuen Herforder Gemeindezentrums wird alles getan, um die frischen Bauelemente vor Staub, Dreck und Kratzer zu bewahren. Der Betsaal wird ein »Schmuckstück«, ist Harry Rothe überzeugt. Wenn am 14. März im ostwestfälischen Herford die neue Synagoge eröffnet wird, erstrahlt im Tonnengewölbe des Betsaals der Sternenhimmel über Jerusalem. Diese Lichtkomposition sei einmalig auf der Welt, sagt Architekt Gerhard Dahlmeier.

Dahlmeier, Gemeindevorsitzender Rothe und der Gemeinde-Projektkoordinator Ruben Heinemann sind oft auf der Baustelle, jetzt kurz vor dem Abschluss der Arbeiten, wie auch in den vergangenen 21 Monaten. Über drei Etagen erstreckt sich der Neubau, überall sind noch Handwerker und Techniker im Einsatz: Maler streichen Wände, Elektriker verkabeln Steckdosen, Heizungsbauer justieren die Steuerung für die Fußbodenheizung und Metallbauer montieren das Treppengeländer.

»Zeitweise waren bis zu 25 Arbeiter gleichzeitig auf der Baustelle«, erzählt Dahlmeier. Ende Mai 2008 war der erste Spatenstich, im Dezember folgte planmäßig das Richtfest. Eigentlich sollte bereits im November 2009 die Eröffnung gefeiert werden, doch dann geschah das, wovon Architekten graue Haare bekommen: Ein Unternehmen bestellte zu spät das Material für notwendige Spezialanfertigungen und ein anderes lieferte nicht die gewünschte Qualität. Der Zeitplan geriet aus den Fugen, weil mehrere nachfolgende Handwerker auf den Abschluss der vorherigen Arbeiten warten mussten.

Einladungslisten »Ich bin gar nicht ärgerlich darüber«, erzählt Harry Rothe. Gerade als das Malheur mit den Handwerkern passierte, stellte er die Einladungsliste mit den Ehrengästen wie Charlotte Knobloch und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zusammen. Durch die Verzögerung am Innenausbau gab es einen zeitlich größeren Spielraum für die Terminabsprache und Organisation der Feier. Der Märztermin stieß auf allgemeine Zustimmung.

Inzwischen haben 150 geladene Gäste zugesagt. Nicht alle werden einen Platz im Betsaal im Obergeschoss finden, denn der hat nur 92 Plätze. Zusätzlich gibt es im Erdgeschoss des Gemeindezentrums einen großzügigen Kiddusch-Saal, der für die Feier und später für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden soll. Hier ist an 20 sechseckigen Tischen genug Platz für 120 Gäste. Für den 14. März werden noch zusätzliche Stehtische aufgestellt. Komfortabel sollen zukünftig Mahlzeiten von der koscheren Küche im Kellergeschoss durch Essensaufzüge in den Kiddusch-Saal transportiert werden. Für die Besucher der Synagoge gibt es ein Treppenhaus sowie einen behindertengerechten Fahrstuhl. Beide verbinden die drei 140 Quadratmeter großen Etagen in dem rot verklinkerten, im neugotischen Stil errichteten Gebäude.

Bekanntheitsgrad Vor allem der neue Betsaal der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold wird für Gesprächsstoff sorgen. Bereits vor seiner Fertigstellung berichteten zahlreiche Zeitungen über ihn – sogar eine US-amerikanischen Zeitschrift für Lichttechnik. Den Betsaal erleuchten in vier Helligkeitsstufen 248 ins Tonnengewölbe eingearbeitete LED-Leuchten. Sie dokumentieren den Sternenhimmel von Jerusalem in diesem Jahr. Die Idee stammt vom Architekten Dahlmeier, technisch möglich wurde sie unter anderem durch die Sternwarte im Herforder Friedrichs-Gymnasium. Dessen Leiter, Bernhard Brauner, übertrug mithilfe modernster Technik und Fachleuten die Sternenkonstellation vom Himmel aufs Tonnengewölbe. Das Knifflige daran: Das fachkundige Auge soll den Himmel wie auf einer Halbkugel gewölbt und nicht durch das Rundgewölbe verzerrt sehen. Experten zeigen sich von der Lösung beeindruckt.

Auch die Bestuhlung des Betsaals erforderte die Aufmerksamkeit des Bauherrn. »Wir haben bei den Sitzbänken größten Wert darauf gelegt, dass sie aus libanesischem Zedernholz gefertigt wurden«, erzählt Harry Rothe. Außerdem erhielten die einzelnen Sitze eine bequeme Polsterung. Selbst die Fenster im Betsaal sind Sonderanfertigungen: In den Farben Israels symbolisieren blaue und weiße Tropfen die unzähligen Tränen, die vor Glück, aber auch vor Trauer vergossen wurden.

Das Interesse an der neuen Herforder Synagoge ist groß. Bereits im November haben sich Gruppen und Schulklassen für eine Besichtigung angemeldet, berichtet Rothe. Die Synagoge wird ihre Gäste am Eingang mit einem frei nach Jesaja übersetzten Vers empfangen: »Mein Haus soll ein Bethaus aller Völker sein.« Die Offenheit der jüdischen Gemeinde symbolisiert auch ein weiteres ambitioniertes Projekt. Im Mai erscheint ein 120-seitiges Buch, das mit Fotos und Berichten die Bauphasen dokumentiert, mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinde porträtiert und die Geschichte der Herforder Juden von 1306 bis heute erzählt.

Etwa zwei Millionen Euro kostet das Bauwerk. Zwei Drittel zahlen je zur Hälfte das Land Nordrhein-Westfalen sowie die Städte Herford und Detmold gemeinsam mit den Kreisen Herford und Lippe. Hinzu kommen etwa 390.000 Euro an Spenden und ein Eigenanteil von etwa 205.000 Euro, finanziert vom jüdischen Gemeindefonds, dem Zentralrat der Juden und dem jüdischen Landesverband Westfalen-Lippe.

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026