Porträt der Woche

»Ich will Menschen begleiten«

Irene Muzas Calpe ist Lehrerin für Englisch und Spanisch und wird jetzt Rabbinerin

von Simone Flores  04.09.2018 09:16 Uhr

»Ich finde es wichtig, den eigenen Weg immer wieder zu überprüfen«: Irene Muzas Calpe (43) lebt in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Irene Muzas Calpe ist Lehrerin für Englisch und Spanisch und wird jetzt Rabbinerin

von Simone Flores  04.09.2018 09:16 Uhr

Für das Judentum habe ich mich schon seit meiner Jugend interessiert, ohne genau zu wissen, woher dieses Interesse kam. Ich stamme aus Barcelona, dort bin ich aufgewachsen. Meine Muttersprachen sind Spanisch und Katalanisch.

Mein Elternhaus war absolut säkular. Als Kind war mein einziger Bezug zum Judentum der, dass mein Vater an einer Schule unterrichtete, auf die viele Kinder aus der jüdischen Gemeinde Barcelonas gingen. Wir hatten viel Kontakt zu ihnen und sprachen zu Hause darüber, dass die meisten nach dem Ende der Schulzeit nach Israel zum Militär gehen würden. Eine andere Rolle spielte das Judentum in unserer Familie aber damals nicht.

Nach meinem Studium – ich habe Englische Philologie und Literatur studiert – belegte ich einen Kurs übers Judentum. Es ging dabei auch um Kaschrut und die Trennung von Milch und Fleisch. Ich wusste, dass Juden kein Schweinefleisch essen, aber mehr auch nicht. Der Lehrer erklärte, dass die spanischen Kryptojuden die Tradition, Milchiges und Fleischiges zu trennen, aufrechterhalten hatten, ohne sich des Ursprungs in den jüdischen Speisegesetzen bewusst zu sein. Für mich war das ein großer Aha‐Moment.

erbe Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich bei meinen Großeltern mütterlicherseits, und auch später bin ich oft dort gewesen. Meine Großmutter trennte Milch und Fleisch immer. Wenn ich sie nach dem Grund fragte, sagte sie nur, es bringe Unglück, beides zusammen zu essen oder aufzubewahren. Wenn ich weiter nachfragte, sagte sie, das sei eben so, und sie habe es schon von ihrer Mutter gelernt und diese auch wiederum von ihrer Mutter. Meine Eltern haben das nie hinterfragt. Für sie war es einfach eine der vielen Formen des Aberglaubens meiner Großmutter. Damals gab es keine Antworten auf meine Fragen. In Bezug auf das Judentum herrschte absolutes Unwissen.

Nach meinem Aha‐Moment bemühte ich mich, mehr über die Geschichte meiner Familie mütterlicherseits herauszufinden. Es stellte sich heraus, dass die Vorfahren meiner Großmutter aus der Gegend der Pyrenäen stammten. Ob sie tatsächlich jüdischer Abstammung waren oder nicht, ist nicht ganz klar. Bei meiner Großmutter zeigten sich damals die ersten Anzeichen von Alzheimer, und sie konnte sich an vieles nicht mehr erinnern.
Für mich war das aber gar nicht so wichtig. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es mein Erbe ist, und ich wollte es wiederbeleben.

Also begann ich, nach jüdischem Leben in Barcelona zu suchen und in die Gemeinde zu gehen. Letztendlich war diese Familiengeschichte für mich ein Grund neben verschiedenen anderen, zu konvertieren. Ich wollte es offiziell machen.
Interessanterweise begann auch meine Familie danach, sich mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Meine Mutter ist zwar immer noch kein religiöser Mensch, hat aber ein säkulares jüdisches Bewusstsein entwickelt. Sie reiste zum Beispiel nach Israel, wollte mit Menschen dort in Kontakt kommen. Sie besorgte sich jüdische Kochbücher und informierte sich über koschere Ernährung. Nun kochen sowohl meine Mutter als auch mein Vater koscher, wenn wir zu Besuch kommen.

unterricht In Barcelona habe ich mehrere Jahre als Lehrerin für Englisch und Latein gearbeitet. Irgendwann aber hatte ich keine Lust mehr, nur Englisch zu unterrichten für Schüler, die denken, sie brauchen das, um reich zu werden. Ich investierte viel Zeit und Energie in die jüdische Gemeinde und begann, mich zu fragen, wie es wohl wäre, Rabbinerin zu sein. Unterrichten und Lehren sehe ich als Grundlage dessen, was ich tue. Es ist das Kernstück meiner Arbeit. »Warum also nicht in der jüdischen Gemeinde?«, fragte ich mich. Letztendlich lehrt ein Rabbiner ja die Tora und gibt so das jüdische Erbe weiter. Das war es, was ich eigentlich tun wollte.

In Barcelona gab es keine wirkliche Rabbinerausbildung. Also gingen mein Mann und ich nach Berlin. Nach meinem Studium hatte ich schon für ein Jahr in London gelebt. Das war eine wichtige Erfahrung für mich, die mir auch den Start in Berlin erleichtert hat.

Berlin war wieder eine neue Anpassung und Umstellung, aber dafür war ich ja auch älter und reifer. Und wer sich in London einleben kann, für den ist Berlin eine Kleinigkeit! Okay, das ist jetzt nicht ganz ernst gemeint, aber Berlin hat mich überrascht. Die Atmosphäre ist überall so freundlich, und die Leute genießen das Leben.

vorurteile Anfangs wollte ich nicht herkommen, der Geschichte wegen. Ich war davor nie in Deutschland gewesen und dachte, es würde sehr problematisch werden. Aber dann haben wir uns in Berlin verliebt. Die Stadt geht dir unter die Haut, ohne dass du weißt, wie. Ich war deshalb sogar über mich selbst verärgert. Ich hatte völlig andere Erwartungen und habe hier erkannt, dass das Vorurteile waren. Also passe ich jetzt auf, dass ich mich in Zukunft nicht mehr von solchen Vorurteilen leiten lasse.

Ich empfinde Berlin tatsächlich als einen der entspannendsten Orte, an denen ich je war. Ich habe mich beruflich ja mit Sprachen beschäftigt, daher fasziniert mich das. Auf Deutsch habe ich das Verb »genießen« kennengelernt. Und dieses »Genießen« – das Leben allgemein, das Essen, all die Kleinigkeiten, den Regen, den Schnee, das kalte Wetter – sehe und erlebe ich hier in Berlin.

Nach meiner Ankunft studierte ich zunächst ein Jahr am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam. Das war eine schöne Zeit, für die ich sehr dankbar bin. Ich hatte wundervolle Lehrer dort. Allerdings habe ich festgestellt, dass »Reform« hier anders ist als das, was ich aus Barcelona kannte. Die Reformgemeinde dort war deutlich konservativer.

Ich wollte mir selbst treu bleiben und das machen, was sich für mich wirklich richtig anfühlte. Daher bin ich zum Zacharias Frankel College gewechselt, das Masorti‐Rabbiner ausbildet, und dort fühle ich mich wirklich sehr wohl. Wir sind eine kleine Gruppe und verbringen viel Zeit zusammen, auch nach dem eigentlichen Unterricht. Dadurch ist die Atmosphäre sehr familiär. Im Rahmen meiner Ausbildung zur Rabbinerin habe ich das deutsche Wort »Seelsorge« kennengelernt. Ich mag den Begriff sehr, denn er umfasst das, was ich auch schon als Lehrerin in Barcelona gemacht habe. Ähnlich wie man die Mitglieder einer Gemeinde durch das Leben begleitet, habe ich auch meine ehemaligen Schüler über den eigentlichen Unterricht hinaus durch einen Teil ihres Lebens begleitet.

superhelden Seit meiner Jugend interessiere ich mich für Comics. Mein Vater hatte eine der größten Comic‐Sammlungen Spaniens, und so hatte ich eine große Bibliothek zur Verfügung, aus der ich schöpfen konnte. Es hat mich schon immer fasziniert, dass ein Großteil der bekannten Comicfiguren aus der Feder jüdischer Autoren stammt. Mein jugendliches Interesse für das Judentum rührte auch stark aus dieser Leidenschaft für Comics.

Fast alle der bekannten Superhelden wie Spider‐Man oder Batman wurden von Juden erfunden. Und obwohl es den meisten Leuten heutzutage nicht bewusst ist, basiert ein beträchtlicher Teil der Moral und Ethik von Spider‐Man und Co. auf dem Judentum. Diese Idee, dem Nationalsozialismus etwas entgegenzusetzen durch die Erfindung von Superhelden, beeindruckt mich. Das war eben auch eine Form von Widerstand und eine besondere Art, den Faschismus zu bekämpfen. Ich habe in Deutschland schon Vorträge über dieses Thema gehalten.

Den Monat Elul nutze ich sehr intensiv, um Kurskorrekturen vorzunehmen und eine Art innere Einkehr zu halten. Ich habe im Laufe der Zeit schon eine ganze Reihe Notizbücher vollgeschrieben mit Wünschen, Plänen und Gedanken zu den Dingen, die ich gemacht habe oder noch machen möchte in meinem Leben. Mein Mann macht das mit mir zusammen, und ich ermutige auch Freunde und Familie, das Gleiche zu tun.

schlüsselsatz Manchmal dauert es eine ganze Weile, bis sich daraus etwas Konkretes entwickelt, es ist ein Prozess. Aber ich finde es sehr wichtig, den eigenen Weg immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. In den Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur gehe ich dann all meine vorherigen Aufzeichnungen nochmals durch, überdenke sie und bespreche sie mit meinem Mann. Für mich ist das eine rationale und logische, aber auch emotionale und spirituelle Vorbereitung auf Jom Kippur.

Entschuldigungen anlässlich Jom Kippur stehen bei mir eigentlich nicht an. Wenn ich das Gefühl habe, mich bei jemandem entschuldigen zu müssen, erledige ich das lieber gleich. Allerdings ist es in meinen Augen wichtig, dass wir uns bei uns selbst entschuldigen.

In der Hektik des Alltags passiert es so schnell, dass man sich von sich selbst und den eigenen Bedürfnissen entfernt. Jom Kippur ist für mich eine Gelegenheit, mich zu erinnern, zu mir selbst zurückzukehren und bei mir zu bleiben. Die Aufforderung »Lech lecha« aus der gleichnamigen Parascha ist – in ihrem Sinn von »zu sich selbst zurückkehren« – für mich ein Schlüsselsatz für die Hohen Feiertage.


Aufgezeichnet von Simone Flores

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