Essay

Ich will lachen, aber …

»Ich will nicht das Leid der Welt auf meinen Schultern tragen«: Anna Staroselski Foto: privat

Essay

Ich will lachen, aber …

Seit fast acht Monaten ist nichts mehr, wie es war – wie ist das nur auszuhalten?

von Anna Staroselski  26.05.2024 07:31 Uhr

Wann darf ich mich mal freuen? Ist es okay, eine gute Zeit zu haben? Verurteilen mich die Menschen, wenn ich Spaß habe? Will ich überhaupt Spaß haben? Bei jedem glücklichen Gedanken kommen Hunderttausende traurige, schmerzhafte. Ich hasse es, so niedergeschlagen zu sein. Jeder Tag ist anstrengend, jede Begegnung irgendwie gequält.

»Wie geht’s dir?« Ja, wie soll’s mir schon gehen? Dabei will ich nicht, dass es um mich geht. Denn wie geht es wohl einer Mutter, deren Tochter seit sieben Monaten jeden Tag die Hölle durchlebt und höchstwahrscheinlich von Terroristen misshandelt und vergewaltigt wird. Wie geht es einem jungen Mann, dessen Liebe des Lebens von der Hamas grausam ermordet wurde?

Wie geht es einer jungen Frau, die durch ein Wunder ein Massaker überlebte, indem sie sich unter den Leichnamen ihrer Freunde versteckte? Wie geht es einem Mädchen, deren Vater nie wieder zurückkommen wird, weil er von Terroristen regelrecht abgeschlachtet wurde? Wie geht es einem Vater, der jeden Tag hofft und betet, dass sein Sohn lebendig und sicher vom Einsatz in Gaza zurückkehrt? »Bring them home«, schreien sie seit Monaten.

Ich sitze hier in Berlin und kann nichts tun

Und ich sitze hier in Berlin und kann nichts tun. Beobachte nur, wie von Tag zu Tag der Judenhass in der ganzen Welt zunimmt und Juden sich immer mehr in die Ecke gedrängt fühlen – ungewollt, ausgegrenzt, verachtet, gehasst, bedroht, angefeindet, angegriffen, minderwertig. Der Diskurs verschiebt sich immer weiter, und die Hassenden scheinen zu den Gerechten und die Gehassten zu Monstern erklärt worden zu sein.

Selbstgerecht und voller Hochmut werden Juden gedemütigt und dämonisiert. Bösartige Wesen dürfen gehasst werden. Die Konsequenz daraus: Judenhass sei legitim. Ein wahrer Held lehnt aber nicht nur ab, er kämpft auch gegen das (vermeintlich) Böse – koste es, was es wolle. Wie verkürzt diese Logik ist, fragen sich leider viel zu wenige. Jeden Tag wache ich auf und frage mich, welche Gewalt heute in dieser verkehrten Welt auf mich wartet.

Ich weiß nicht, wann ich in meinem Leben so viel geweint habe – aus Wut, Enttäuschung, Angst, vor lauter Schmerz und Trauer oder einfach aus Überforderung.

Kann ich mich der Realität entziehen?

Digital Detox habe ich versucht, das bringt aber auch nichts. Weil man damit einfach für einen Moment die Augen davor verschließt, was sich an verbaler und physischer Gewalt zeigt. Nur weil ich wegsehe, hört der Tornado nicht auf, alles um sich herum zu zerstören.

Und dieser Realität kann ich mich nun einmal nicht entziehen, weil ich Jüdin bin, weil das mein Leben ist, und weil es ganz konkret meine Sicherheit und meine Zukunft betrifft. Jüdische Freunde planen, nach Israel auszuwandern. Eine Freundin, die es bereits getan hat, beschreibt, wie der 7. Oktober 2023 in Israel aber noch lange nicht vorbei ist. Ein ganzes Land steckt seit sieben Monaten in einem Trauma fest.

Seit dem 7. Oktober wurden 12.000 Raketen auf israelische Zivilisten abgefeuert

Während die UN zugegeben hat, dass die von der Hamas vorgegebenen Opferzahlen der Zivilisten in Gaza etwa nur bei der Hälfte lagen, ist in deutschen Feuilletons weiterhin die Rede von einem angeblichen »Vernichtungsfeldzug Israels« zum Selbstzweck. Seit dem 7. Oktober wurden 12.000 Raketen auf israelische Zivilisten abgefeuert – aus Gaza, aus dem Libanon, aus Syrien und zusätzlich aus dem Iran. Wie lange würde Deutschland sich das gefallen lassen, bevor es alles daransetzen würde, dass diese Angriffe aufhören?

Um hierzulande Empathie zumindest für die Geiseln zu erzeugen, werden künstliche Gruseltunnel auf einem Platz aufgestellt, die die Besucher mit den Terrortunneln in Gaza assoziieren sollen. Es ist sogar schon so weit gekommen, dass einem jüdischen Studenten, der krankenhausreif geprügelt wurde, vorgeworfen wird, es verdient zu haben und selbst schuld daran zu sein.

Und im Elfenbeinturm wird darüber diskutiert, ob der Appell, Juden umzubringen, wirklich nach der einen oder anderen Definition, wissenschaftlich analysiert, auch anders interpretiert werden kann und ob es wirklich antisemitisch sei. Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass Israel ausgelöscht gehört … Meinungsfreiheit und so. Und überhaupt, Juden sind viel zu sensibel und benutzen den Antisemitismusvorwurf inflationär.

Wohin dann aber mit den Juden? Auf diese Frage bleibt die Antwort aus

Wohin dann aber mit den Juden? Auf diese Frage bleibt die Antwort aus. Es ist ja eigentlich nichts Neues, dass die Welt die Juden hasst. Jeder jüdische Feiertag basiert auf einer historischen Begebenheit, in der das jüdische Volk kurz vor der Vernichtung stand. Scheinbar überstehen wir alles. Das muss wohl das jüdische Diaspora-Schicksal sein – Leid.

Das möchte ich nicht hinnehmen: Ich will lachen, richtig laut, tief aus dem Herzen – so laut und herzlich, dass andere mitlachen müssen und wir zusammen lachen. Ich will mich freuen, über das Leben, meine Freunde, meine Familie, über Liebe und Erfolge. Ich will Abenteuer erleben, reisen, Musik hören und tanzen – mich frei fühlen.

Ich will nicht das Leid der Welt auf meinen Schultern tragen, eine Projektionsfläche oder ein unermüdlicher Herkules sein. Ich will mich über schöne Dinge freuen und das Leben genießen, und das nicht im Stillen. Ich will, dass es sich richtig und nicht falsch oder wie Verrat anfühlt. »We will dance again« – wenn die Überlebenden des Nova-Festivals das sagen können, dann sage ich es auch: »We will dance again.«

Die Autorin war langjährige Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Uckermark

Stille Weite

Alex Stolze ist Musiker und hat sich in einem Dorf unweit der deutsch-polnischen Grenze einen jüdischen Ort in Brandenburg geschaffen

von Katrin Richter  18.01.2026

Berlin

»Meine Überraschung war die Rosenblütenkonfitüre«

Laurel Kratochvila backt Challa, Rugelach und Bagels. Nun hat sie ein Buch über polnische Backkunst geschrieben, das die »New York Times« prämiert hat. Eine Reise in die Familiengeschichte und an den Straßenrand

von Katrin Richter  18.01.2026

Grunewald

Friedhof Heerstraße braucht mehr Platz

Die Gemeinde hofft auf die lang erwartete Erweiterung. 1200 neue Grabstellen sind geplant

von Christine Schmitt  18.01.2026

Porträt der Woche

Action als Lebenselixier

Ruth Frenk ist Gesangspädagogin, lebt am Bodensee und fand im Alter die große Liebe

von Matthias Messmer  18.01.2026

Gelnhausen

»Stopp! So geht das nicht!«

Die Stadt wollte das Rabbinerhaus aus dem 16. Jahrhundert verkaufen. Ein Förderverein schritt ein und entwickelt nun ein Konzept als »Ort des Dialogs«

von Eugen El  18.01.2026

Dessau-Roßlau

Buch zur jüdischen Geschichte Anhalts vorgestellt

Ein neues Buch informiert über jüdische Orte in Anhalt und soll zum Besuch anregen

 16.01.2026

Weimar

Trauer um Raymond Renaud

Der französische Überlebende des NS-Konzentrationslagers Buchenwald wurde 102 Jahre alt

 15.01.2026

Antisemitismus

Schriftstellerin Funk lebt lieber in Tel Aviv

Künstlerinnen und Künstler aus Israel klagen seit Langem über Schwierigkeiten in Deutschland

 15.01.2026

Hamburg

Espresso für die Seele

Der Jugendkongress der ZWST und des Zentralrats ist für viele das Highlight des Jahres. Hier findet eine Generation, die gestalten möchte, Impulse, Gespräche und Resilienz

von Eugen El  15.01.2026